Pro Christ 2006: Tsunami, Terror, Tod – Und wo ist Gott?

Die komplette Pro Christ-Veranstaltung für Montag den 20. März zum Download für den Internet Explorer oder Real-Player.
Montag 20. März (157.000 Zuschauer) Tsunami, Terror, Tod – Und wo ist Gott
Werner Hucks: „Schweizsong
Lothar Kosse: „Shine
Rolf Dieter Degen: „Ein Sommertag
Miriam Albert und Mirjana Angelina: Theater „Sophie Scholl“

Ulrich Parzany: Tsunami, Terror, Tod – Und wo ist Gott?Predigt-Text(Predigt als MP3, 20758 K)

Das ist der Albtraum. Plötzlich rennt ein Kind vors Auto – und man hat es nicht rechtzeitig gesehen, Und dann ist es zu spät. Diese schreckliche Endgültigkeit! Man möchte alles noch einmal leben und anders machen. Aber das geht nicht.

Stephan Grünewald erzählt in seinem Buch „Deutschland auf der Couch“ von dem Spielfilm „Willkommen, Mr. Chance“: „Peter Sellers spielt in diesem Film den Gärtner Chancea Gardiner, der sein ganzes Leben in dem behüteten Gehege eines Schlosses zugebracht hatte. Neben der Pflege der Parkanlagen war sein Fernseher der einzige Bezugspunkt zur Aussenwelt. Als eines Tages der Schlossherr stirbt, verliert er seinen Job und seine Unterkunft und muss erstmals seine kleine umrankte Welt verlassen. Er packt seine wenigen Habseligkeiten in den Koffer und steckt zudem das Insignum seiner häuslichen Macht ein – die Fernbedienung seines Fernsehers. Mit dieser Ausrüstung macht er sich auf den Weg. In der Vorstadt trifft er auf eine Gang Jugendlicher, die sich sogleich wegen seines sonderbaren Outfits und Gehabes über ihn lustig machte. Unwirsch will er sich abwenden, aber die Jugend-Horde stellt ihm nach und droht handgreiflich zu werden. Chancey Gardiner zückt die Fernbedienung und will die jungen Leute wegzappen, weil ihm dieses Programm nun gar nicht mehr gefällt. Erstaunt stellt er fest, dass er trotz heftigstem Um- und Abschaltens keinen Einfluss auf die Szenerie hat.“

Natürlich können wir Realität und Film noch unterscheiden. Aber wir neigen dazu, die Realität zu behandeln wie den Fernseher. Wenn wir es schon nicht können, müsste doch wenigstens Gott das Elend wegzappen können. Sonst ist er doch kein Gott, oder?

Verlust der Sicherheit

Noch vor zwei Jahren haben die meisten Menschen in Europa nicht gewusst, was ein Tsunami ist. Heute steht Tsunami für die Katastrophe, die aus heiterem Himmel kommt und unser Glück zerstört.

Die Katastrophen des letzten Jahres haben eine Besonderheit. Nicht nur dass sie an Größe die schrecklichsten Ausmaße hatten. Tsunami, Hurricane in New Orleans, Terroranschläge – besonders seit dem 11. September 2001 – haben uns aus einem Traum herausgerissen. Vielleicht müssen wir sogar sagen: aus einem Wahn. Wir dachten, wir hätten alles im Griff. Wir fühlten uns total sicher. Wissenschaft und Technik haben uns Instrumente in die Hand gegeben, mit denen wir meinten, alles kontrollieren zu können. Und dann so etwas!

Der Verlust der Sicherheit bzw. des Sicherheitsgefühls machen mehr und mehr Menschen krank vor Angst.

Man kann inzwischen in vielen Zeitungen Artikel darüber lesen, dass diese Angst zu einem verstärkten Interesse an Religion geführt hat. Aber was bedeutet das? Suchen wir Beruhigungsmittel oder gar Betäubungsmittel? Klammern wir uns an Strohhalme?

Der Schrei der Verzweiflung

Und immer wieder taucht die Warum-Frage wie ein Schrei aus der Tiefe unseres verzweifelten Herzens auf. Das ist sehr verständlich. Aber die Erklärung der Schrecken tröstet uns nicht wirklich. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, brauche ich etwas anderes als rationale Erklärungen. Den Einsturz der Eissporthalle in Bad Reichenhall kann man aus seinen Ursachen hinreichend erklären. Man kann die Frage beantworten, warum das Dach eingestürzt ist. Aber das tröstet doch keinen Menschen, der ein geliebtes Kind bei dem Unglück verloren hat.

Außerdem stellen wir die Frage: Wo ist Gott? Kann er nicht aufpassen? Hätte er die Katastrophe nicht verhindern können?

Anstatt über das Leid zu philosophieren, lassen Sie uns eine Geschichte lesen, in der diese Frage „Warum?“ in bitterster Not gestellt wird. Es ist die Kreuzigung von Jesus Christus. Sie finden Sie im Matthäus-Evangelium, Kapitel 27, 31 – 51:

„Und als die Soldaten Jesus verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn ab, um ihn zu kreuzigen. Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, daß er ihm sein Kreuz trug. Und als sie an die Stätte kamen mit Namen Golgatha, das heißt: Schädelstätte, gaben sie ihm Wein zu trinken mit Galle vermischt; und als er’s schmeckte, wollte er nicht trinken. Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der Juden König. Und da wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selber, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Desgleichen spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selber nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren. Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die andern aber sprachen: Halt, laß sehen, ob Elia komme und ihm helfe! Aber Jesus schrie abermals laut und verschied. Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriß in zwei Stücke von oben an bis unten aus.“

Diese Geschichte ist in ihrer Brutalität typisch für unsere Welt. Macht geht vor Recht. Menschen haben Spaß daran, andere zu quälen. Da kann man schon fragen: Wo ist Gott? Warum schlägt er nicht darauf, als die religiösen Führer und Intellektuellen mit dem sterbenden Jesus ihre Witze machen? Intelligenz und Bildung ist offensichtlich auch kein Schutz gegen Bestialität.

In dieser höllischen Situation schreit Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? “

Sehen Sie, auch Jesus schreit seine Verzweiflung heraus. Wo ist Gott? Dabei ist Jesus doch mit dem Anspruch aufgetreten, dass er der Sohn Gottes ist, dass er also Gottes Wirklichkeit repräsentiert. Und jetzt das?

Feinde und Freunde von Jesus dachten nach der Kreuzigung: Aus und vorbei. Sein Anspruch ist endgültig widerlegt. Die einen empfanden Freude und Genugtuung, die anderen tiefe Enttäuschung.

Ich möchte Sie auf zwei Besonderheiten in der Kreuzigungsgeschichte aufmerksam machen, die Ihnen vielleicht will nicht sofort verständlich geworden sind.

Der Zugang ist frei.

Unmittelbar nach dem Tode vonJesus lesen wir: „Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von obenan bis unten aus.“ Was bedeutet das?

Dieser Vorhang trennte das Heilige im Tempel vom Allerheiligsten. In diesen abgeteilten Bereich des Allerheiligsten durfte nur einmal im Jahr der Hohepriester am großen Versöhnungstag gehen. Dieser Teil war symbolisch für die versprochene Gegenwart Gottes. Nach dem Tod von Jesus am Kreuz zerreißt dieser Vorhang. Das bedeutet: Der Zugang zu Gott ist jetzt frei. Die Trennung ist aufgehoben. Und das ist durch das Sterben von Jesus passiert. Jesus ist in die Gottverlassenheit gegangen, damit wir nicht mehr von Gott verlassen sein müssen. Was alle für eine totale Niederlage gehalten haben, ist in Wirklichkeit ein großer Sieg.

Dunkelheit mitten am Tage

Die zweite Besonderheit: „Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zum neunten Stunde.“ Man kann darüber rätseln, was für meteorologische Erscheinungen das zwischen 12 und 15 Uhr waren. Aber am Wetter allein ist die Bibel relativ wenig interessiert. Wir finden in diesem Bericht nichts darüber, wie warm oder kalt es war, ob es regnete oder nicht.

Die Propheten aber haben im Auftrag Gottes angekündigt, dass das Gericht Gottes mit einem finsteren Tag kommen wird. In Israel erwartete man, dass er dieser Tag hell sein würde. Er sollte schließlich dem Volke Gottes Recht gegen alles Unrecht bringen. Nun aber verkünden die Propheten – zum Beispiel Amos 5, 18 – , dass der Tag des Herrn Finsternis ist und nicht Licht. Dieses prophetische Zeichen erfüllt sich bei der Kreuzigung von Jesus.

Was heißt das? Bei der Kreuzigung von Jesus vollzieht sich das Gericht Gottes. Die Hinrichtung von Jesus ist die Vorwegnahme des Gerichtes Gottes über die Welt. Jesus erleidet stellvertretend, was eigentlich wir verdient haben. Er hat es nicht verdient. Er ist unschuldig – vor Gott und vor den Menschen. Aber er geht für uns in die Hölle der Gottverlassenheit.

Und das, was in der Kreuzigung durch Signale angezeigt wird, das bestätigt Gott, als er Jesus am Ostermorgen vom Tod auferweckt. Damit ist ein für allemal klar: Dieser Tod ist der Sieg der Liebe Gottes. Jesus trägt das gericht Gottes für uns. Der trennende Vorhang ist zerrissen. Wer sich das gefallen lässt, den kann nicht mehr von der Liebe Gottes trennen.

Sie werden fragen: Was bedeutet das nun für unser Leiden und Sterben?

Hans und Sophie Scholl

Ich will Ihnen das am Beispiel von zwei jungen Leute verdeutlichen, die am 22. Februar 1943 in München von den Nazis hingerichtet wurden. Die Geschwister Sophie und Hans Scholl. Sophie waren 21 und 24 Jahre alt, als sie für ihren mutigen Widerstand gegen das Verbrechersystem der Nazis sterben mussten. Hans studierte Medzin, Sophie Biologie und Philosophie in München.

Die beiden gehörten zur Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Sie verfassten und verbreiteten Flugschriften, die Aufsehen erregten. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) vermutet die Autoren der Flugblätter in Münchener Studentenkreisen. Am 15. Februar 1943 wurde das sechste Flugblatt der Weißen Rose mit dem Aufruf, das NS-Regime zu stürzen und ein „neues geistiges Europa“ zu errichten, fertiggestellt und versandt. Es wird in England nachgedruckt, von britischen Flugzeugen über Deutschland abgeworfen. Der Inhalt wird außerdem durch den Sender British Broadcast Corporation (BBC) verbreitet. Am 18. Februar verteilen die Geschwister Scholl etwa 1.700 Flugblätter in der Münchener Universität. Ein Hausmeister, der sie dabei beobachtet, meldet sie. Die Gestapo verhaftet die Geschwister Scholl und Christoph Probst, ein weiteres Mitglied der „Weißen Rose“. 22. Februar folgt nach dreitägigem Verhör der Prozeß vor dem Volksgerichtshof. Hans und Sophie Scholl werden gemeinsam mit Christoph Probst zum Tod verurteilt und noch am selben Tag im Strafgefängnis München-Stadelheim hingerichtet.

Weckruf für die Gewissen

Was für eine mächtige Botschaft geht von dieser jungen einundzwanzigjährigen Studentin aus! Die jungen Leute der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ sind auf mehrfache Weise ein Weckruf für unsere Gewissen heute.

Erstens: Es gibt keine Entschuldigung dafür, dass wir angesichts von Unrecht schweigen.

Zweitens: Wir werden vor Gott für unser Leben Verantwortung geben müssen. „Muss man nicht jederzeit darauf vorbereitet sein, zu sterben und im nächsten Augenblick vor Gott zur Rechenschaft gezogen zu werden?“

Drittens: Jesus Christus ist der Sieg über den Tod. Wer ihn kennt und sich mit ihm verbindet, der muss den Tod nicht fürchten. „…wenn Christus nicht gelebt hätte und nicht gestorben wäre, dann gäbs ja wirklich gar keinen Ausweg. Dann müsste man mit dem Kopf gegen die nächste Mauer rennen und sich den Schädel zertrümmern. So aber nicht.“

Der Apostel Paulus hat das einmal mit herausfordernder Gewissheit beschrieben: „Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben… mich scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist“ (Römer 8, 38).

Mehr als alle Schönheit der Natur, mehr als alle schönen Erfahrungen, die wir im Leben machen können, ist der Kreuzestod von Jesus Christus der Beweis der unbesiegbaren Liebe Gottes zu uns.

Eigentlich ist das Kreuz von Jesus ein schreckliches Bild. Viele Kritiker halten es für geschmacklos, dass wir Christen ein Hinrichtungsinstrument zum Zeichen des Lebens und des Sieges gewählt haben. Aber in dieser grausamen Welt hat nur eine Liebe Bestand, die vor den Schrecken nicht zurückweicht. Gott weicht nicht aus. Jesus flieht nicht vor dem Leiden und Sterben. Darum ist Jesus der Beweis der Liebe Gottes für uns. „So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben.“ (Johannes 3,16)

Wir müssen mit schrecklichen Zerstörungsmächten fertigwerden. Sie schreien laut ihr Nein gegen unser Leben. Aber sie können das Ja der Liebe Gottes in Jesus Christus nicht übertönen. Aus dieser Liebe kommt die Widerstandskraft zum Leben. Diese Liebe gibt uns die Zuversicht, dass wir auch getrost sterben können.

Keine beruhigenden Erklärungen

Unsere Aufgabe ist es nicht, das Leid in der Welt logisch zu erklären und uns dann beruhigt auf die Couch zu setzen. Katastrophen und Leid müssen uns aufrütteln.

Von Jesus haben die Leute damals auch erwartet, dass er ihnen eine Erklärung liefert, wie sich Gott und das Leid in der Welt miteinander vertragen. Er dachte nicht daran, sie zu beruhi
gen und womöglich Gott zu entschuldigen, dass er so schreckliche Dinge zuläßt.

Wir lesen im Lukas-Evangelium, Kapitel 13,1 – 5:
„Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte. Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, daß diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auch so umkommen. Oder meint ihr, daß die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auch so umkommen.“

Zwei schreckliche. Blutige Geschehnisse müssen damals die Leute aufgewühlt haben. Wie kann Gott zulassen, dass ein Diktator die Pilger beim Gottesdienst ermorden lässt? Und dann der Einsturz des Turms im Vorort von Jerusalem: 18 Tote – wahrscheinlich viele Kinder und Frauen. Lauter offene Fragen: Warum? Wo ist Gott?

Jesus erklärt nicht. Er rüttelt die Gewissen auf. Hört die harte Sprache, wenn ihr euch schon von der Güte Gottes nicht beeindrucken und zur Änderung eures Lebens bewegen lasst!

Zuflucht mitten in der Dunkelheit

Diesen wachrüttelnden Ruf müssen wir in den Katastrophen dieser Zeit hören. Aber wir haben mehr. Wir haben eine Zuflucht mitten in der Dunkelheit des Leids. Der Sieg der Liebe Gottes in Jesus gibt uns die Kraft und die Hoffnung, in praktischer Liebe zu helfen anstatt uns durch Verzweiflung lähmen zu lassen.

Wir haben für viele schreckliche Rätsel keine Erklärung. Aber wir haben mitten in der Zerstörung die Orientierung des Lebens: „Gott will das allen geholfen wird!“

Ich las den erschütternden Bericht einer Frau aus Ruanda. Durch den Völkermord 1994 sind dort eine Million Menschen – Angehörige des Volkes der Tutsi und gemäßigte Hutu – umgebracht worden. Die Welt hat weggesehen. Die Folgen sind bis heute nicht bewältigt. Dieses Elend interessiert die Welt nicht wirklich. Dr. Jean Gakwandi und die von ihm gegründete Organisation „Solace Ministries“, die Trostdienste, kümmern sich um viele der Leid geplagten Menschen.

„Der Mann in Weiߓ

Eine Frau schreibt von ihrer Erfahrung:

„Ich bin sehr krank. Das AIDS-Virus, mit dem ich durch die Vergewaltigung infiziert worden bin, hat mich sehr geschwächt. Seit vielen Jahren belastete mich ein innerer Konflikt. Ich wollte deshalb nicht mehr unter Menschen gehen. Stattdessen zog ich mich in mein Haus zurück und blieb in meinem Zimmer. Einige Personen gaben mir den Rat, die Solace Ministries aufzusuchen, aber ich lehnte es ab. Eines Tages sagte ich zu mir selbst: ‚Wenn andere dorthin gehen können und Trost finden, dann kannst du es auch. Ich will es probieren!’ Ich ging ins Büro von Solace Ministries und fragte nach dem Direktor Jean Gakwandi. Aber sie sagten mir, er sei nicht da. Beim zweiten Mal hieß es: ‚Er ist in einer Sitzung!’ Das ist jetzt 5 Jahre her. Dann sagte ich mir: ‚So, das reicht jetzt.’

Mein innerer Konflikt aber hatte mit Gott zu tun. Ich hatte ständig diese Fragen an ihn: Wo warst du Gott, als das Baby an der Brust der toten Mutter trank? Wo warst du Gott, als mich dieser Soldat nahm und vergewaltigte? Wo warst du Gott, als alle diese Menschen im Haus meines Onkels erschossen wurden? Wo warst du Gott, als wir in einer Schlange von vielen Frauen standen, alle nackt, die wir nur darauf warteten, in ein Massengrab … geworfen zu werden? Wo warst du, Gott?

Und dann denke ich an den Mann im weißen Gewand und bin verwirrt.
Der zweite Konflikt war das Kind, das von der ersten Vergewaltigung herrührte. Ich wollte es niemals sehen. Diese Tochter war eine Schande für mich. Wegen ihr und der Umstände, die ich kenne, hasste ich jeden Menschen, insbesondere die von der Gruppe der Hutu. Wenn ich einen Mann von ihnen treffe, habe ich Angst, wieder vergewaltigt zu werden und deshalb hasste ich die Männer. Ich meine alle Männer.
Um meine Gesundheit war es schlecht bestellt. Ich wurde mit Meningitis ins Krankenhaus eingeliefert. Mir ist heiß im Rücken und ich habe Flecken auf meiner Haut. Ich fühle mich minderwertig. Oft denke ich über all das nach, was ich durchmachen musste und beginne mich selbst zu hassen und erwäge, mir das Leben zu nehmen. Sehr oft versinke ich in eine tiefe Depression. Besonders dann wenn ich durch die Strassen der Stadt gehe und einige der Kriminellen treffe, die ich gut kenne.

Meine Schwester fährt seit 2002 mit Solace Ministries auf die Jugendfreizeiten für Waisenkinder. Sie ist sehr angetan von dieser Arbeit und bat mich, auch dorthin zu gehen. Sie erzählte mir auch, dass die Leute von Solace mich gerne sehen wollten. Anfangs habe ich das abgelehnt, aber schließlich ging ich doch. Die erste Person, die ich dort traf, war sehr freundlich. Mich hat es beeindruckt, dass da jemand war, der sich Zeit nahm, um mir zuzuhören. Beim zweiten Mal war auch wieder jemand dort, der mir stundenlang zuhörte. Und das, obwohl ich nicht sehr freundlich zu ihnen war. Ich war so wütend. Nicht gegen sie persönlich. Aber ich war verärgert.

Durch die Gespräche fühlte ich mich irgendwie erleichtert. Die Menschen bei Solace gaben mir wieder das Gefühl, dass ich eine Person bin und kein Abfall. Ich weiß wirklich nicht, was passiert war. Ich fühlte mich plötzlich wie eine neue Person. Ich kann wieder mit Menschen sprechen. Ich habe nicht mehr diese Hassgefühle und diesen Groll in mir. Und ich kann Gott wieder von Herzen lieben.

Ich erinnere mich an den Mann in Weiß, der mich im Massengrab fand, zusammen mit all den toten Körpern, und denke, dass es Jesus war. Ich habe Frieden in meinem Herzen. Das Mädchen, das ich nach der ersten Vergewaltigung gebar, ist jetzt 14. Sie ist für mich eine ganz neue Person geworden. Ich liebe sie. Wenn sie zu mir kommt, spüre ich die mütterliche Liebe in mir. Ich bin gewiss, dass Jesus dies Wunder in mir bewirkt hat. Sie kann nichts dafür, sie hat nichts Unrechtes getan.

Aber ich fühle mich ihr gegenüber schuldig, denn ich wurde gleich nach der Geburt vor 14 Jahren von ihr getrennt. Ich habe sie nicht gestillt. Ich selbst war ja bei der Geburt erst 14. Sie kam dann in ein Waisenheim und wurde dort von katholischen Ordensschwestern erzogen. Nach ihrer Geburt ging ich wieder zur Schule, voller Scham und Schuldgefühle. Ich hasste meine Tochter. … Ich fühle mich meistens elend, bin sehr oft im Krankenhaus und liege die meiste Zeit im Bett. Schlimmer noch, ich habe nichts, was ich ihr als Mutter geben könnte. Ich habe nichts und ich habe auch keine Kraft mehr, dafür zu arbeiten.

Ich danke Gott, weil Er mich errettet hat. Ich danke Ihm auch, dass ich die Arbeit von Solace Ministries kennen gelernt habe. Seit dem Tag, an dem ich mein erstes Gespräch dort geführt habe, fühle ich mich so erleichtert und spüre eine neue Hoffnung in mir. Ich habe dort meine neue Familie gefunden. Ich treffe dort Menschen, die die gleichen Erfahrungen mitgemacht haben. Solace hat mir auch geholfen, einige meiner Probleme zu lösen. …
Durch Solace Ministries erhalte ich jetzt die lebensverlängernden ARV Präparate. So lebe ich seit dem Mai 2005 ein ganz neues Leben. Ich bin ein neuer Mensch. Ich liebe Gott, die Menschen und auch die Hutu. Und ich liebe meine Kinder. Gelobt sei Gott allein!“

Für Opfer, Täter und Zuschauer

Am Kreuz des Jesus Christus haben wir einen Treffpunkt für die Opfer von Katastrophen, für die Täter von Gewalt und Unrecht und für die scheinbar unbeteiligten Zuschauer oder besser Wegseher, die durch ihr Unterlassen schuldiger werden als durch ihr Tun.

Ein Terrorist, der mit Jesus hingerichtet wurde, ist der erste Nutznießer des Versöhnungstodes von Jesus geworden. Er betete: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“ Jesus antwortet ihm: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ (Lukas-Evangelium, Kapitel 23, 42-43) Er hatte nicht die Möglichkeit, irgendetwas wieder gut zu machen. Jesus schenkt ihm Gnade und Barmherzigkeit.

Der abgebrühte Hauptmann des römischen Exekutionskommandos begreift schon beim Sterben, dass Jesus die Schlüsselfigur sein muss. Rätselhafterweise wird von ihm berichtet, dass er Gott lobte (Lukas-Evangelium, Kapitel 23,47) und bekannte: „Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen!“

Zuschauer gab und gibt es bei solchen blutigen Anlässen damals und heute leider allzu viele. Aber auch von denen berichtet Lukas, wie sie unmittelbar nach dem Tod von jesus reagierten: „Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um.“ (Lukas 23,48) Gut sieben Wochen später begriffen einige tausend dieser Menschen, die sich in Jerusalem aufhielten, erst richtig, dass dieser gekreuzigte Jesus ihr Retter und Herr ist.

Wer wir sind – Täter, Opfer, Zuschauer -, mit in Leid und Leiden treffen wir den Gott der Liebe am Kreuz des Jesus Christus. Er verbindet und heilt die Wunden der Geschlagenen. Er schafft denen, die ihr Gewissen verhärtet und getötet haben, das neue Herz durch Vergebung und Erneuerung. Und Jesus macht alle, die durch ihn neues Leben empfangen, zu Werkzeugen seines Friedens in einer Welt von Hass und Gewalt.

Es gibt für jeden von uns einen doppelten Grund, das Leben dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus anzuvertrauen: Erstens, damit wir selber gerettet werden und mit Gott versöhnt werden. Zweitens, damit andere durch die Liebe und Hilfe Gottes in Wort und Tat erfahren.
Quelle: http://www.cina.de/prochrist/om/article.php?article=52

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