Seminar: Als Christen Demenzkranke begleiten

Mit der steigenden Zahl alter Menschen in unserer Gesellschaft ist eine rapide Zunahme von Demenzkranken zu beobachten. Als Ärzte und Pflegende werden wir zunehmend mit teilweise irritierenden Verhaltensweisen von diesen Menschen konfrontiert, die uns – wenn wir ehrlich sein – oft an unsere eigenen Grenzen führen. Diese Entwicklung fordert uns gerade im Umfeld diakonischer Organisationen heraus, hier insbesondere aus christlicher Perspektive nach Antworten und Wegen zu suchen. Welche Rolle spielt unser „Christ Sein“ beim Umgang mit diesen Patienten? Welche seelsorgerlichen aber auch praktischen Ansätze in der Begleitung Demenzkranker und ihrer Angehörigen gibt es für uns? Wie ist Demenz aus Sicht der Christlichen Heilkunde zu verstehen?
„Christen im Gesundheitswesen“ eine bundesweite, konfessionsübergreifende Initiative von Mitarbeitern im Gesundheitswesen versprach in ihrem einladungsflyer zu dem Seminar „Als Christen Demenzkranke begleiten“ am 24.06.2006 in Berlin Antworten auf diese Fragen zu geben.

Zunächst ein paar persönliche Anmerkungen zu meiner Motivation dieses Seminar zu besuchen: Ich selber arbeite als Arzt in der geriatrischen Rehabilitationsklinik und wurde schon so manche Nacht zu einem demenzkranken Patienten gerufen, der vollkommen verwirrt, misstrauisch und verängstigt, laut schreiend kurz davor stand die ganze Krankenstation aufzuwecken. In der Regel führen hier meistens bestimmte sedierende Medikamente zum Ziel. Überaschenderweise hilft aber manchmal auch ein „Vater unser“ … sogar bei vermeintlich „hoffnungslosen“ Fällen. Demenz bedeutet auch immer Strukturverlust. Wir vergessen oft, dass gerade bei älteren Patienten noch tief verwurzelte christlich-spirituelle Erfahrungen und Eindrücke abrufbar sind, auf die wir demenzerkrankte Menschen wie auf schützende Inseln inmitten von Stahlgewittern des Chaos und der Bedrohung führen können. Wir vergessen auch oft in unserem hektischen Berufsalltag, dass Gott diese Menschen liebt und dass wir ihn gemeinsam um Hilfe bitten können, einzugreifen in diese Not.

Ich besuche also dieses Seminar: Es beginnt an einem schönen sonnigen Samstagmorgen in den Räumen der Lukasgemeinde in Berlin-Schöneberg. Es sind etwa 70 Teilnehmer anwesend. Schätzungsweise 2/3 der Teilnehmer kommen aus den typischen Gesundheitsberufen ungefähr 1/3 sind Angehörige von Demenzkranken.
Dr. med. Schiffner ist Internist und Oberarzt an einer geriatrischen Klinik in Hamburg. Er ist der Leiter von „Christen im Gesundheitswesen“ und beginnt die Veranstaltung mit einer kurzen Einführung und einem Gebet.

Anschließend hält er einen gut strukturierten Vortrag über die medizinische Aspekte der Demenz, der nochmal alle wesentlichen fachlichen Details bringt.

Der zweite Vortrag wird von Frau Adriana Hasenberg, einer Wohnbereichsleiterin in der Gerontopsychiatrie und Dozentin an der Wannsee-Akademie zum Thema…“Pflege der Menschen mit Demenz anhand des Grundsätze-Modells – eine Quintessenz der Erfahrung segregativer Betreuung“ gehalten. Es geht schwerpunktmäßig um auf den gerontopsychiatrischen Pflegealltag adaptierte Handlungsleitsätze und Prüfraster aus der Theoriebaukasten eines gewissen Prof. Erwin Böhms, der offensichtlich ein eigenes Fachgebiet die psychobiographische Pflegetheorie entwickelt hat. Das Ganze wurde allerdings von der ausgesprochen sympathischen Referentin sehr herzlich und mit Verve vorgetragen. Zitat:“Jeder Verhaltensauffälligkeit liegt eine seelische Komponente zugrunde. Der Mensch mit Demenz wird von drei, hauptsächlichen inneren Zuständen geplagt: von Angst, von Leere/Chaos und von massivem Identitätsverlust. Der Mensch mit Demenz und seine Betreuer befinden sich in Interaktion nach dem Resonanzprinzip.“ Sicherlich sind das essentielle Hinweise für den Umgang mit Demenzkranken, mir fehlte jedoch der explizite Brückenschlag zu unserer christlichen Perspektive und letztlich blieb mir der Ursprung der Lehren dieses Prof. Böhm ein wenig suspekt.

Der Höhepunkt der Veranstaltung war in meinen Augen ein brillianter Vortrag über die Christliche Heilkunde, die Weltanschauungen im modernen Gesundheitswesen und ihr Einfluß auf Pflege und Therapie von Herrn Dr. Schiffner. Es gibt keinen weltanschaulich neutralen Raum in der Medizin. Hinter jeder pflegerischen, therapeutischen oder medizinischen Handlung steht eine Weltanschauung. Im heutigen Gesundheitswesen sind das im wesentlichen: Rationalismus, Humanismus, Naturalismus, Esoterik und das christliche Menschenbild. Ist im Rationalismus nur der körperliche Horizont abgebildet, so kommt schon im Humanismus auch der seelische Horizont hinzu. Die mittlerweile im gesamten Gesundheitswesen sehr gut aufgestellte Esoterik bringt neuerdings auch den im Rahmen der Säkularisierung schon längst aufgegebenen geglaubten geistlichen Horizont wieder mit in das Gesundheitswesen. Aber Dr. Schiffner fragt zurecht: Sollen wir uns als Christen über diese New-Age-Erfolge freuen? Nach seinen Ausführungen tut das sicherlich kaum einer der Teilnehmer mehr. Die drängende Frage, die wir Christen uns stellen müssen lautet: Wo bleibt das christliche Menschenbild in der Medizin? Wir sind sehr dankbar für unsere Kollegen mit humanistischen Hintergrund, die uns täglich bei unserer anstrengenden Arbeit zur Seite stehen … aber wie unterscheiden wir uns eigentlich von Ihnen was das Menschenbild angeht? Beide Teile des sehr empfehlenswerten Vortrags können im Internet heruntergeladen werden unter
[->http://www.cig-online.de/publikationen/pub_artikel.htm ]
Der 4. Vortrag „Biblische Aspekte zu Altern und Demenz. Seelsorge mit demenzkranken Menschen“ kam von der sehr liebenswerten Schwester Rosa Maria Lochmiller einer Altenpflegerin mit dem Schwerpunkt Altenseelsorge und eine der Leiterinnen von „Christen im Gesundheitswesen„. Ich kann hier nur einige kurze Stichpunkte anführen: Altes Testament: Weisheit, Gerechtigkeit, Psalm 92,13-16 hohes Alter als Segnung Gottes. Aber auch: Gebrechlichleit Psalm 71.
Neues Testament: Positive Beispiele sind Simeon (Lukas 2,25) und Hanna (Luk 2,36). Vor allem aber: Jesus der sich den Schwachen zuwendet. Apostelgeschichte 2,17 „… und eure Alten sollen Träume haben“. Schwester Rosa sieht das als Berufung für die Alten in unserer Zeit: Der alte demente Mensch als prophetisches Zeichen: Er stellt unsere Gesellschaft in Frage … Demente … ein Heilmittel für unsere Gesellschaft. Lassen wir uns in Frage stellen? OK ich breche hier lieber ab, denn ich sehe Apg 2,17 doch wesentlich anders als die Referentin, die allerdings für ihre provozierenden Thesen mitunter viel Beifall erntet.
Nach der Mittagspause fangen die Vertiefungs-Workshops an. Ich besuche den Workshop von Frau Hasenberg „Kann ich verhaltensauffällige demente Menschen betreuen? Ein Nachdenken über Berufung.“ … jedoch nur, weil mir die Referentin so sympathisch war. Es geht um Berufung und es geht diesmal um die praktische Anwendung der Prüfraster im gerontopsychiatrischen Umfeld: Bin ich angstfrei, bin ich „bei mir“? Führt das, was ich sage und tue bei meinem Gegenüber zu mehr Vertrauen, Ordnung und Erinnerung seines Ichs? Besonders für Angehörige war dieser Teil des Seminars sicherlich sehr fruchtbringend. Parallel hierzu fand ein anderer Vertiefungs-Workshop statt mit dem Titel Seelsorgerliche Aspekte in der Demenzbegleitung.

Im Ausklang wurde noch die Organisation Christen im Gesundheitswesen sowie deren Regionalgruppe in Berlin vorgestellt [Kontakt: Dr. Ruth Jeutner, Tel: 030-39877665] und über das Seminar als Ganzes diskutiert. Es wurde für weitere Seminare in Aussicht gestellt, stärkere Schwerpunkte auf die eigentlich Christliche Perspektive zu legen und auch den internationalen Boom in der medizinischen Literatur bzgl. der Christlichen Heilkunde näher zu beleuchten. Mir persönlich war noch wichtig darauf hinzuweisen, dass im Rahmen eines zunehmend geförderten bürgerschaftlichen Engagements ( Stichwort civil society) auch wir Christen ein stärkeres Engagement von Ehrenamtlicher Arbeit für Demenzkranke bzw. Kranke überhaupt leisten könnten [z.B. Jak 5,14]. Modellprojekte, die erfolgreich eine Vernetzung von Freiwilligen aus christlichen Gemeinden mit Krankenhäusern und anderen Strukturen im Gesundheitswesen umsetzen, könnten bei der nächsten Demenz-Veranstaltung dann vorgestellt werden.

Psalm 71
Bitte um Gottes Hilfe im Alter
1HERR, ich traue auf dich, laß mich nimmermehr zuschanden werden. 2Errette mich durch deine Gerechtigkeit und hilf mir heraus, neige deine Ohren zu mir und hilf mir! 3Sei mir ein starker Hort, zu dem ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen; denn du bist mein aFels und meine Burg.
4Mein Gott, hilf mir aus der Hand des Gottlosen, aus der Hand des Ungerechten und Tyrannen. 5Denn du bist meine Zuversicht, HERR, mein Gott, meine Hoffnung von meiner Jugend an. 6Auf dich habe ich mich verlassen vom Mutterleib an; du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen. Dich rühme ich immerdar. 7Ich bin für viele wie ein Zeichen; aber du bist meine starke Zuversicht. 8Laß meinen Mund deines Ruhmes und deines Preises voll sein täglich. 9Verwirf mich nicht in meinem Alter, verlaß mich nicht, wenn ich schwach werde. 10Denn meine Feinde reden über mich, und die auf mich lauern, beraten sich miteinander 11und sprechen: Gott hat ihn verlassen; jagt ihm nach und ergreift ihn, denn da ist kein Erretter! 12Gott, sei nicht ferne von mir; mein Gott, eile, mir zu helfen! 13Schämen sollen sich und umkommen, die meiner Seele feind sind; mit Schimpf und Schande sollen überschüttet werden, die mein Unglück suchen. 14Ich aber will immer harren und mehren all deinen Ruhm. 15Mein Mund soll verkündigen deine Gerechtigkeit, täglich deine Wohltaten, die ich nicht zählen kann. 16Ich gehe einher in der Kraft Gottes des HERRN; ich preise deine Gerechtigkeit allein. 17Gott, du hast mich von Jugend auf gelehrt, und noch jetzt verkündige ich deine Wunder. 18Auch aim Alter, Gott, verlaß mich nicht, und wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen. 19Gott, deine Gerechtigkeit reicht bis zum Himmel; der du große Dinge tust, Gott, wer ist dir gleich? 20Du lässest mich erfahren viele und große Angst und bmachst mich wieder lebendig und holst mich wieder herauf aus den Tiefen der Erde. 21Du machst mich sehr groß und tröstest mich wieder.
22So will auch ich dir danken mit Saitenspiel für deine Treue, mein Gott; ich will dir zur Harfe lobsingen, du aHeiliger Israels. 23Meine Lippen und meine Seele, die du erlöst hast, sollen fröhlich sein und dir lobsingen. 24Auch meine Zunge soll täglich reden von deiner Gerechtigkeit; denn zu Schmach und Schande werden, die mein Unglück suchen.
Seminar: Als Christen Demenzkranke begleiten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.