Trennung von Staat und…

Muss man Staat und Kirche trennen? Es ist natürlich nicht erstaunlich, wenn Nicht-Christen das wünschen – das ist ihnen ja auch völlig unbenommen.

Die interessantere Frage ist, wie man als Christ selbst dazu stehen sollte. Denn das Problem ist keineswegs trivial, schließlich gab es in der Zeit der ersten Christen weder den erkennbaren Wunsch noch die Möglichkeit, politisch mitzumischen. Wenn man sich über Christ und Politik Gedanken macht, muss man also unweigerlich auf das AT zurückgreifen, wobei man immer fragen muss, ob diese Prinzipien im NT angewandt werden können.

Ich möchte daher zunächst doch versuchen, das NT heranzuziehen:
Da ist zunächst die Aufforderung, in seinem Stand, oder Beruf, zu bleiben (1.Kor. 7,17-24). In den Beispielen geht es zwar nicht um Politik, aber das Prinzip geht über die Beispiele hinaus: Es ist immer eine Gefahr, dass Menschen, die Christen geworden sind, sich ihrer irdischen Pflichten auf einmal entbunden oder zu Höherem berufen fühlen. Sie sind vielleicht versucht, ihren Ehepartner zu verlassen, sehen sich nicht mehr zum Gehorsam gegenüber ihren Vorgesetzten verpflichtet und wähnen sich schon im Himmel. Und diese Haltung hat tatsächlich einen guten Grund! Wir sind dieser Welt tatsächlich gestorben und sollen uns nicht mehr vor Menschen fürchten.
Dass wir doch unserem Alltag verpflichtet bleiben liegt nicht an unserem bürgerlichen Empfinden, sondern an der Furcht vor Gott. Daher nennt Paulus unsere Pflichten unsere „Berufung“, um anzuzeigen, dass Gott es ist, der uns in dieser Welt an einen bestimmten Platz gestellt hat – und sei es als Sklave eines bösen Herrn!

Mit der gleichen Begründung werden Christen auch zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit angehalten: Gott hat sie eingesetzt und Gehorsam gegen die Obrigkeit ist Gehorsam gegen Gott.

Man kann also durchaus mit dem NT zeigen, dass christlich politisches Engagement schnell an Grenzen stößt. Es wäre beispielsweise ausgesprochen unpassend, wenn Christen mit Sitzblockaden o.ä. versuchen würden, christliche Werte in der Politik durchzusetzen. Es wäre so unanständig, als wollten sie Druck auf Handwerker oder Künstler ausüben, nach christlichen Maßstäben zu wirtschaften. Gott wird jeden zur Rechenschaft ziehen, der nicht zur Ehre Gottes in seinem Beruf gelebt hat – auch die Politiker. Politik ist nicht unser Verantwortungsbereich, solange es nicht unser Beruf ist.

Und das ist nicht verboten. Natürlich darf ein Christ, der ernsthaft sein Gewissen geprüft hat, auch Politiker werden. Denn wenn Gott die Obrigkeit einsetzt, kann es schwerlich eine Sünde sein, Obrigkeit zu sein.

Es gibt aber auch Formen von legitimer und gebotener Einmischung: Erstens ist Einmischung legitim, wenn die Form gewahrt wird. Wenn eine Regierung die Möglichkeit der Petition gewährt, Demonstrationen erlaubt und sich vom Bürger wählen lässt, gibt es keinen Grund, diese Möglichkeiten nicht auch zu nutzen. Aber hier muss man den feinen Übergang wahren, von der stillen, ordentlichen Form der politischen Äußerung hin zum politischen Druck, der eine unzulässige Einmischung darstellt (Berufsverletzung).
Zweitens ist Einmischung geboten, wenn es um den Schutz anderer Menschen geht. Spr. 24,11f wird man kaum nur auf das AT beziehen können: „Rette die, die zum Tode geschleppt werden; und die zur Schlachtung hinwanken, o halte sie zurück!
Wenn du sagst: Siehe, wir wussten nichts davon! – ist es nicht so: der die Herzen prüft, er merkt es, und der auf deine Seele achthat, er weiß es? Er vergilt dem Menschen nach seinem Tun.“

Spätestens, wenn es um das Leben anderer Menschen geht, ist Einmischung auch gegen den Willen und gegen die Gesetze des Staates nötig. Aber nur soweit, das Leben der anderen geschont wird. Der Ungehorsam ist aber auch geboten, wenn es um die Verbreitung des Evangeliums geht. In diesem Zusammenhang steht auch der Satz „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“.
Ein Recht zum aktiven Widerstand gegen die Obrigkeit sehe ich hierin nicht.

Man kann also sagen: Nicht-Politiker müssen sich aus der Politik heraushalten. Aber Christen gehorchen der Obrigkeit nicht aus Menschenfurcht, sondern aus Gottesfurcht. Und die Gottesfurcht setzt auch die Grenzen des Gehorsams.

Und jede Obrigkeit tut gut daran, sich nicht darüber zu ärgern, sondern sich ihrer Berufung vor Gott bewusst zu werden und sich von Gottlosen Beratern fern zu halten.
„Man entferne die Schlacken aus dem Silber, so gelingt dem Goldschmied ein Gerät.
Man entferne den Gottlosen vom König, so steht sein Thron fest durch Gerechtigkeit.“ (Sprüche 25,4f)

Wo das nicht geschieht und eine gottlose Regierung herrscht, steht ihr Thron bestenfalls fest durch Gewalt und Schrecken, aber nicht durch Gerechtigkeit. Und wenn die Geschichte etwas gelehrt hat, dann dies.
Denn bisher endeten alle atheistischen Revolutionen ausnahmslos in Diktaturen.

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