Ist Monotheismus gefährlich?

Jan Assmann unterscheidet zwischen „primären“ und „sekundären“ Religionen. Jene waren von Anfang an da, diese entstanden aufgrund einer Offenbarung, und verbreiteten sich durch einen Religionsstifter.
Sekundäre Religionen zeichnen sich nach Assmann durch die Unterscheidung zwischen „wahr“ und „falsch“, „Glaube“ und „Unglaube“ aus.
(eine Zusammenfassung der These in http://www.theologie-systematisch.de/gotteslehre/2/assmann.htm)

Diese Unterscheidung sei für den Kampf der Religionen verantwortlich und eine stete Quelle der Gewalt der sekundären Religionen gegenüber der primären Religionen. Als Beispiele nennt Assmann vor allem Judentum und Christentum, deren Ursprung er mit dem Auftauchen von Mose datiert.

Davon abgesehen, dass es schon unseriös ist, eine Religion als „primär“ zu bezeichnen, nur weil man ihren Anfang nicht kennt und selbstverständlich auch in den vermeintlichen „Primärreligionen“ im Namen der Religion getötet, Krieg geführt und ein Kampf gegen Kultstörenfriede geführt wurde (siehe Sokrates), ist die These aber auch nicht logisch.

Wie entsteht denn Gewalt? Genügt es wirklich, zwischen „wahr“ und „falsch“ zu unterscheiden? Das ist ja wohl etwas dünn.
Ich glaube, dass zur Gewalt folgende Voraussetzungen nötig sind:
1. Der durch die gewalttätige Handlung angestrebte Zustand muss erstrebenswert sein.
2. Der Zustand muss realisierbar sein.
3. Die Gewalt muss durch das Ergebnis gerechtfertig sein.
4. Der Gewalttäter muss zu den „Guten“ gehören.

Punkt 1 erfüllt jeder, der überhaupt irgendeine Vorstellung von einer guten Welt hat, die von der jetzigen abweicht. Hier geht es nur um die Frage, ob es so einen erstrebenswerten Zustand gibt. Hier ist es völlig egal, ob es sich um den Wunsch nach der Durchsetzung der eigenen Religion (egal ob mono- poly- oder atheistisch), der eigenen politischen Ansichten oder dem Weltfrieden handelt.
Zur Gewalt kommt es dadurch erfahrungsgemäß noch lange nicht. Denn was nützt die theoretische Überlegung, dass es schön wäre, wenn alle Menschen Ufogläubige wären, aber man den Zustand nicht für erreichbar hält und die benötigte Gewalt für nicht gerechtfertigt?
Punkt 3 würden vermutlich viele öffentlich vehement von sich weisen, aber sich vielleicht doch wünschen, dass es einen „Knall“ gibt, oder eine „Revolution“, durch die sich kurzfristig das Elend, aber langfristig die bessere Welt einstellt.
Aber selbst dann würden die meisten doch sagen, dass ihnen diese Gewalt, selbst wenn sie durch das Ergebnis gerechtfertigt wäre (!), nicht zusteht, weil sie nicht Richter über ihren Nächsten sind. Und damit bin ich bei dem interessantesten Punkt.
Das Wesen der Gewalt besteht darin, den eigenen Willen gegen den Willen meines Nächsten durchzusetzen. Und es kann nur dann zur Gewalt kommen, wenn die Entscheidung gefallen ist, dass diese Hierarchie berechtigt ist (ich klammere hier den größten Teil aller Gewaltverbrechen vermutlich aus, die ohne große Reflektion ausgeübt werden. Hier geht es um die ganz bewusste Gewalt, die durch eine Religion oder Weltanschauung abgesichert sein soll).

Diese Hierarchie kann teilweise einfach verliehen werden und kraft Amtes gelten. Daher kann ein Richter z.B. einen Verbrecher verurteilen. Aber selbst dann wird erwartet, dass der Richter nicht gerade selbst ein Schurke ist (polizeiliches Führungszeugnis). Und auch die verliehene Autorität beruht auf einer moralischen Überlegenheit, nämlich der Überlegenheit des Gesetzes gegenüber dem Angeklagten. Auch wenn es in diesem Beitrag nicht vornehmlich um staatliche Gewalt geht, gelten für sie die gleichen Grundsätze, denn jedes Gericht übt Gewalt und jede Gewalt ist Gericht.

Wenn das stimmt, ist die größte Gefahr nicht die Überzeugung oder die Stärke einer Gruppe, sondern ihre moralische Eitelkeit. Die gefährlichste Waffe der Menschheit ist nicht die Atombombe und auch nicht die Handfeuerwaffe, sondern die selbstgemachte Moral. Nach ihr schneidet man naturgemäß immer gut ab und sie erhebt den Menschen zum Richter über andere.

Und genau das ist im Christentum nicht möglich: der Christ ist nie auf der Seite der Guten sondern immer Teil des Problems. Er bleibt Sünder und kann den Kampf gegen die eigene Sünde ebenso wenig gewinnen wie den Kampf gegen die Sünde in der Welt. Wann immer Christen dieses Wissen verloren haben und „gesetzlich“ wurden, haben ihre Gruppen auch Gewalttaten verübt. Das gilt natürlich vor allem für die Katholische Kirche, aber auch für Täufergruppen, die teilweise als marodierende Kleinheere wütend und brandschatzend durch die Lande gezogen sind um das Reich Gottes aufzurichten. Und es gilt auch für den Islam, der eine stark ausgeprägte Gesetzesreligion ist. Das Gefährliche am Islam sind nicht unbedingt die handvoll markiger Suren, sondern sein Sündenverständnis! Der Muslim unterscheidet sich vom Nicht-Muslim nicht durch seine Annahme bei Gott als Sünder, sondern durch seinen moralisch erhobenen Status, der ihm zwar nicht das Heil sichert aber die Chancen verbessert. Und so wie der Muslim seinen eigenen Status verbessert (das ist die wichtigste Stufe des Dschihad!) kann er auch seine Umwelt verbessern – zumindest aus seiner Sicht…

Um auf die Ausgangsfrage einzugehen: Ist Monotheismus gefährlich?
Solange seine Anhänger nicht anfangen, Ethiken zu basteln, ist er nicht gefährlicher als die These, dass der Monotheismus gefährlich ist.

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