Eine Biologie der Gnade

Wer die Evolutionsbiologie verstehen möchte, muss sich die Gesellschaft ansehen, in der sie entstand: das England des 19. Jahrhunderts. Es war eine Zeit der großen Umbrüche, die durch Industrialisierung und Technisierung bewirkt wurden. Für viele Menschen bedeutete diese Zeit den Verlust der Selbstständigkeit und es wurde normal, zur Arbeit zu gehen, d.h. irgendwo seine Arbeitskraft zu verkaufen. Die gleichzeitige Verbreitung der Maschinenarbeit mag dazu geführt haben, dass die Menschen selbst sich als Teile einer großen unüberschaubaren Maschine fühlten.
Wenn dieses Gefühl zum Lebensgefühl wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis man begann, dieses Gesellschaftsmodell auch auf die Natur zu übertragen. Durch die Geschichte von der Evolution aller Lebewesen wurde jedem Tier eine Funktion im gesamten Ökosystem zugewiesen, eine sog. „ökologische Nische“, die ihm gleichzeitig Grund seines Lebens und der Grund seiner Daseinsberechtigung war.

Die sich an diese Naturgeschichte anschließende Biologie betrachtete fortan jedes Lebewesen nur noch als die Summe verschiedener Funktionen. Ein Tier zu erforschen bedeutete gleichsam, zu verstehen, wie es funktioniert. Sein Verhalten zu untersuchen bedeutete, dem Verhalten einen biologischen Nutzen zuzuordnen, was die Forschung um einen guten Teil ihrer Begeisterung gebracht hat.
Über diese Entwicklung beklagt sich auch Burkhard Müller in dem Buch „Das Glück der Tiere – Einspruch gegen die Evolutionstheorie“ (nein er ist kein Kreationist und mag Kreationisten noch weniger als Evolutionisten). Aber es gelingt ihm m.E. nicht, der evolutionistischen Sicht auf die Natur eine neue eigene entgegen zu stellen.

Tatsächlich ist genau das auch nicht ganz leicht, weil Tiere ja tatsächlich zweckmäßig organisiert und konzipiert sind. Daran wird sich auch nach der Evolutionsbiologie nichts ändern.

Auch eine Biologie der Gnade leugnet keinen biologischen Nutzen, aber sie wechselt den Blick: sie betrachtet das Tier nicht mehr als Funktionseinheit, sondern als Individuum. Sie beschreibt Verhalten nicht nur als Ergebnis der Naturgeschichte, sondern als Ergbnis eines subjektiven Willens. Also das Tier sucht nicht Futter, weil dieses Verhalten sich bewährt hat, sondern weil es Hunger verspürt und etwas fressen möchte. Ein Körper besitzt seine Merkmale nicht nur, weil sie den Vorfahren nützlich waren, sondern auch, weil sie seinem Besitzer nützlich sind. Das Tier lebt nicht, um die Evolution voran zu bringen, sondern weil Gott ihm das Leben geschenkt hat. Der Körper ist also nicht nur ein Werkzeug für Aufgaben, sondern zu allererst ein Geschenk. Aus dem Ökosystem wird ein Raum, den Gott dem Tier zur Verfügung stellt und der damit Gegenstand von Wünschen und Ängsten ist.

In dem Moment, wo wir beginnen, das Tier als Individuum zu betrachten, wird dessen Umwelt zum Gegenüber eines empfindsamen Willens, zu etwas, das von dem Willen getrennt empfunden und nicht von diesem hervorgebracht wird, und damit zu einem Reich der Gnade. Denn nur Individuen kennen Gnade – und Bedrohung. Nur ihnen kann etwas gegeben werden. Betrachten wir das Tier als Funktionseinheit, dann verschwindet es in einem „Öko-System“ der Wechselwirkungen, in dem es sich seinen Platz durch seine Funktion erworben hat und in seinen Funktionen aufgeht, so wie der Mensch im Industriezeitalter. Nur in einer Biologie der Gnade können wir das Tier als Individuum und seinen Lebensraum als eine Gabe der Güte Gottes verstehen.

Je mehr wir uns mit der subjektiven Seite des Tieres beschäftigen, desto stärker rückt auch der Gedanke an Gott wieder in den Blick. Denn wenn die Lebewesen als lebende Geister begriffen werden, brauchen wir eine Erklärung und einen Ursprung dieser Geister. Dadurch wird unser Blick automatisch auf Gott gelenkt. Wer die Naturwissenschaft von Gott losgelöst betreiben möchte, muss auch die Geschöpfe ent-geisten und als Maschinen betrachten. Und wer wieder beginnt, die Tiere als lebende Geister ernst zu nehmen, kommt kaum um den Gedanken Gottes herum.

Das klingt nach einer einfachen Umformulierung, hat aber in der Praxis große Auswirkungen:
In der Evolutionsbiologie wird der Blick auf Lebewesen stark verengt. Man erklärt immer das Verhalten der Tiere, dass einem offensichtlichen Zweck dient. Ausreißer, besonders findige Lösungen, niedliche Gefühlsäußerungen etc. gehören eher den als unwissenschaftlich geltenden Anekdotensammlungen an. Aber bestimmt nicht die Heldentat eines einzelnen Pferdes nicht völlig zu Recht unser Bild dieser Tiere insgesamt? Wieso kann nicht alles, was wir mit einer Tierart erleben zu unserem wissenschaftlichen Wissen über diese Art gehören?
Zweitens lässt sich eine vielzahl von Verhaltensweisen in einer Biologie der Gnade direkt und leichter erklären. So z.B. das Trauerverhalten mancher höherer Säugetiere. Wie erklärt man, dass eine Affenmutter noch mehrere Tage nach dem Tod ihres Kindes, sich rührend um seinen toten Körper kümmert, bevor sie es verlässt? Dieses Verhalten bietet doch keinen Überlebensvorteil, sondern ist einfach Ausdruck der Trauer (man müsste dieses Verhalten als ungünstigen Nebeneffekt einer allgemeinen Sorge für das Kind deuten, aber die Erklärung bliebe unbefriedigend, weil sie eigentlich nicht das beobachtete Verhalten, sondern etwas anderes erklärt und letztlich nur umständlich sagt, dass man das Verhalten selbst aber nicht erklären kann).
Drittens wäre der Blick offen für nicht-nützliche Zusammenhänge, wie z.B. das häufige Auftreten der Zahl 5 in der Biologie oder das ästhetische Empfinden.
Viertens gäbe es wieder mehr Freude am Wissensammeln. Heute muss sich Forschung in der Biologie daran messen lassen, ob sie die Evolutionstheorie weiter stützt. Experimente müssen am besten immer der großen Theorie dienen, während das stille, fleißige aber hochvergnügte Sammeln von Erkenntnissen über Tiere an sich langsam ausstirbt.
Fünftens würde der Forscher selbst zum Lob Gottes geführt weil es zur Forschung ganz natürlich dazu gehört. Dieses Gefühl der Begeisterung dürfen Biologen derzeit nur privat empfinden, aber in Lehrbüchern hat es keinen Platz. Aber manche Dinge kann man nicht beschreiben, ohne Gott dafür zu loben.

„Die Herrlichkeit des HERRN bleibe ewig! Der HERR freue sich seiner Werke!“ (Psalm 104,31)

vgl.: http://bibel-kommentar.de/Psalm%208,3.html

2 Gedanken zu „Eine Biologie der Gnade“

  1. Aber manche Dinge kann man nicht beschreiben, ohne Gott dafür zu loben.

    Der wohl denkwürdigste Satz in Deiem Artikel. Herzlichen Dank. Darauf sollte die Menschheit warten: auf die Biologie der Gnade. „Pferdeflüsterer“ wissen schon lange, daß es das gibt, eben unbewußt. Tiere sind intelligent und Individuen – von einem liebenden Gott erschaffen, z.großen Teil als unsere Gefährten!

  2. Es freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat!
    In der Bibel nehmen die Tiere sogar einen Platz in Gottes Heilsplan ein: sie werden mit den Menschen in der Flut getötet, mit den wenigen werden wenige Tiere in der Arche gerettet und die ganze Schöpfung seufzt und wartet auf ihre Erlösung von der Vergänglichkeit (Röm 8, 18-22).

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