Der Monotheismus kam nicht aus Ägypten

Wieso gehen eigentlich immer alle davon aus, dass Israel von anderen Religionen abgekupfert hat? Gerade im Hinblick auf das zentrale Element, nämlich den Glauben an den einen Gott, der Himmel und Erde erschaffen hat, ist das, wie sich zeigen wird, sogar extrem unwahrscheinlich.

Unter den Religionen nehmen die monotheistischen eine Sonderstellung ein. Zur Zeit des alten Israels gab es m.W. außer dem Glauben an Jahwe keinen zweiten Monotheismus, so dass man sich fragte, wie es zu diesem Phänomen kam, denn als guter Religionswissenschaftler glaubt man natürlich nicht an einen Gott, der sich offenbaren könnte.

Die einzige Quelle, die überhaupt in Frage kommt, ist der Sonnenkult Echnatons, den dieser tatsächlich zu einem Quasi-Monotheismus ausgebaut hat. Was ihm fehlt, ist allerdings die Bildlosigkeit.

Der Spiegel hat in seiner Ausgabe vom 22.12.06 (Titel „Gott kam aus Ägypten“) versucht, die These zu verbreiten, der Anfang des Glaubens an ein höchstes Wesen liege in Ägypten. Mose sei demnach eine „Gedächtnisspur“ an Echnaton gewesen

Diese Theorie, so bissig sie auch erzählt wird, kann allerdings viele Fragen nicht beantworten:
Wieso sollten gerade die Juden so fasziniert von dem Sonnenkult gewesen sein, der doch von der übrigen ägyptischen Bevölkerung bald vergessen wurde? Er gilt manchen als regelrechte Herrscherreligion, die im Volk nie große Verbreitung fand.
Und wenn die Juden aus irgendwelchen Gründen den Kult angenommen hätten, wieso sollten sie nicht selbst den Glauben an Gott ins Land gebracht sondern ihn von dem verhassten Pharao übernommen haben?
Und wieso um alles in der Welt, sollen sie den Sonnenkult seines zentralen Elementes – der Sonne! – beraubt haben?
Wie kann ein einzelner Gegenstand als Herrscher und Schöpfer aller anderen Dinge und Lebewesen angesehen werden? Ein ähnliches Vorgehen hat es sonst nirgendwo gegeben und hier liegt doch gerade der Grund, weshalb Monotheismus und Bildlosigkeit so eng zusammen gehören. Die Vorstellung an den einen Gott, der über allem steht und alles geschaffen hat, übersteigt doch gerade die Verehrung irgendwelcher Einzelgeschöpfe.

Diese Theorie klingt also eher verzweifelt als überzeugend.

Sie wird noch unwahrscheinlicher, wenn man sich die Sonnenhymnen Echnatons genau ansieht, in denen der Monotheismus deutlicher hervortritt, als in anderen Schriften.

Im großen Sonnenhymnus heißt es beispielsweise:
„(Du) lässt Foeten in den Frauen entstehen,“
Die Sonne? Vermutlich hat auch der Autor gemerkt, dass das erklärungsbedürftig ist und schreibt weiter „indem (du) „Wasser“ zu Menschen machst;“
Das erklärt natürlich gar nicht. Es klingt so, als sei hier ein älterer Hymnus, der ursprünglich an Gott gerichtet war, hier auf den Sonnengott umgeschrieben worden und hänge nun an diesem wie ein zu großes Kleid.
Noch deutlicher ist die Stelle „Nachdem du aufgegangen bist, leben sie (die Geschöpfe); gehst du unter, sterben sie.“ Das ist eine offensichtliche Übertreibung, denn natürlich stirbt niemand, nur weil die Sonne untergeht. Die Quellen sind hier aber einigermaßen gut greifbar. Der Psalm 104 ist dem großen Sonnenhymnus so ähnlich, dass man hier eine Abhängigkeit der beiden Texte fast annehmen muss: entweder diente der eine dem anderen als Vorlage oder beide gehen auf ältere Motive zurück – was ich hier am wahrscheinlichsten finde. Denn beide haben zu viel eigenes Material.

Im zuletzt genannten Textabschnitt finden sich enge Parallelen zu folgenden Passagen aus Ps. 104:
In den VV. 20 – 22 wird ebenfalls der Lauf der Sonne beschrieben – und zwar jetzt so, wie es auch tatsächlich der Fall ist (niemand stirbt bei ihrem Untergang, sondern z.B. die Tiere des Waldes regen sich). In den VV. 29-30 wird Gottes Kraft Leben zu zerstören und zu erschaffen an seinen Odem gebunden. Dieses Motiv passt ausgesprochen gut zu dem Lebensodem der Menschen, der in den Sprachgebrauch eingegangen ist und stimmig mit dem Motiv zusammen passt, dass die Lebewesen ihren Odem von Gott erhalten.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass Echnaton unter dem gewaltigen Eindruck des Gottes der Israeliten selbst versucht hat, aus den vorhandenen religiösen Motiven Ägyptens eine ähnliche Theologie zu entwickeln. Es dürften wohl gerade die Plagen und der Auszug aus Ägypten gewesen sein, die zu dieser einzigartigen Phase in Ägyptens Geschichte führten.

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