Ab wann besitzt der Mensch eine unantastbare Würde?

(Der folgende Text ist ein Auszug aus meiner Erwiderung zu dem Artikel „Die Frucht der Freiheit“ von Volker Gerhardt in der ZEIT Nr. 49 vom 27.11.03., in welcher dieser versucht hat, die Menschenwürde auf den Zeitpunkt der Geburt zu verlegen. Volker Gerhardt war zu jener Zeit Mitglied von Schröders sog. „Ethik-Kommision“. Der Text wurde von der ZEIT nicht abgedruckt.)

Gott selbst stellt jede unrechtmäßige Attacke gegen einen Menschen unter Strafe, weil er es als Angriff auf sein Bild wertet (Genesis 9,6). Weil die Unantastbarkeit des Menschen von Gott selbst gefordert wird, entzieht sie sich jeder von Menschen bestimmten Bedingung und Definition. Sie erscheint wie eine Eigenschaft, die dem Menschen objektiv zukommt, ohne sinnlich wahrnehmbar zu sein. Da keine weiteren Bedingungen gefordert sind als das „Menschsein“, kann man sich auf eine sehr biologische Grenze für die Menschenwürde zurückziehen: Der Mensch ist ein Lebewesen (so weit so gut). Als Lebewesen ist er ein Organismus, und Organismen müssen nur in einem bestimmten Medium mit Nahrung versorgt werden, um dann von ganz allein eine genetisch vorgeschriebene Entwicklung zu durchlaufen. Daraus ergibt sich die Definition: Ein Mensch ist ein Organismus mit menschlichem Erbgut. Eine einzelne menschliche Zelle enthält zwar das menschliche Erbgut, ist aber kein Organismus. Diese Unterscheidung ist in der Biologie üblich und wird selbst auf einzellige Lebewesen angewendet: Sie gelten als vollwertige Organismen mit nur einer Zelle und sind nicht analog zu den Einzelzellen zu sehen. Auch eine Stammzelle ist kein Organismus, solange sie nicht z.B. in die Hülle einer Mäuse-Eizelle eingepflanzt wird. Dass die Gegner der Stammzellforschung den Beginn des einzelnen Menschen in der Vereinigung der haploiden Chromosomensätze beider Elternzellen sehen, mag einen einfachen Grund haben: Durch die entsprechenden Debatten ist der Blick auf die Bedeutung des Gencodes fixiert worden. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, ein Lebewesen sei eine Abfolge von Säuren. Man übersieht dabei aber leicht das komplizierte Zusammenspiel in einer Zelle, in der ein Gencode allein wenig ausrichten kann. Bei der natürlichen Vermehrung beginnt demnach der Mensch nach der Verschmelzung von Samen und Eizelle, auch wenn die Chromosomensätze noch getrennt sind.
Dieser rein biologische Zugang mag für manchen Geisteswissenschaftler wenig Charme haben. Er ist aber die einzige Möglichkeit, die Würde aller Menschen anzuerkennen. Selbst wenn man die für die Menschenwürde erforderlichen Kriterien noch so eng an die Definition des Menschen anschmiegt, werden zwei Gruppen von Menschen gebildet, und nüchtern betrachtet ist das ja auch der Sinn der ganzen Debatte. Der Umgang mit Kriterien ist aber riskant: Wenn sie nicht in einem willkürlichen Zeitpunkt bestehen, lassen sich auch immer Erwachsene denken, denen keine Menschenwürde zukommt. Gerhardt selbst spricht davon, dass der Mensch von der Gemeinschaft als Mensch aufgenommen wird. Wohl dem, der dieses Glück hat.
Und weshalb sollte sich eine Gesellschaft, wenn sie ohnehin selbst festlegen kann, wer Träger der Menschenwürde ist, unnötig einschränken? Weshalb sollte man sich dem Kind verpflichtet fühlen, nur weil man es geboren hat? Es gibt genug Beispiele für Kulturen, in denen die Eltern erst nach der Geburt und einer gründlichen Inspektion über das Lebensrecht des Kindes entschieden haben. Und dass dies auch in Deutschland bereits möglich ist, zeigen Einzelfälle, die aus den Kliniken an die Öffentlichkeit dringen.
Man kann die unbedingte Menschenwürde also nicht von einer rein biologischen Definition des Menschen trennen. Es gibt hier keine eher konservative oder eher liberale Auffassung, denn der Bruch, der mit der Trennung von dem Mensch als Lebewesen und dem Träger der Menschenwürde eintritt, kann grundlegender kaum sein: Jetzt fängt die Suche danach an, was einen Menschen würdig erscheinen lässt. Menschenwürde kommt dem Menschen nicht mehr zu, sondern wird zu einer Eigenart des Betrachters. Der hält typischerweise etwas für würdig oder nicht; die Menschenwürde des Objektes wird ersetzt durch die Humanität des Subjektes. Statt sich auf ein Grundrecht zu berufen, kann man dann nur noch sagen, was man selbst für schützenswürdig hält.

2 Gedanken zu „Ab wann besitzt der Mensch eine unantastbare Würde?“

  1. Hallo Moorwackler,
    als ehemaliges (bitte jetzt festhalten!) Mitglied der Partei DIE GRUENEN kann ich aus heutiger Sicht als Renegat nur über deren absurde Argumentationsweise zu der Frage ab wann ein menschliches Leben schützenswürdig sei den Kopf schütteln.
    Hierbei spielt nämlich der Aufenthaltsort des Embryos eine wesentliche Rolle.
    Befindet es sich im „Bauch“ einer Frau („Mein Bauch gehört mir!“), dann soll es einzig und allein der Wille der Frau sein, der entscheidet, ob dieses Leben geschützt wird oder getötet.
    Befindet sich das Embryo jedoch im Rahmen der Invitro-Fertilisation bzw. der Stammzellforschung in einem „Reagenzglas“, dann sollte es nach dem Willen der grünen Stammzellforschungsgegner natürlich allen Schutz dieser Welt erfahren …
    Wie bekommt man nur solch einen argumentativen Spagat hin?
    Mit freundlichen Grüßen
    wanderprediger

  2. Hallo Wanderprediger,

    wenn ich die Grünen richtig verstehe wird das scheinbar paradoxe Verhalten von einem gemeinsamen Gedanken getragen, den man kurz als „Entfremdung“ bezeichnen kann: in der Abtreibungsdebatte fühlen sie sich durch die Ethik gebunden und damit von einer „eigentlichen“ Entscheidung entfremdet.
    Befindet sich der Embryo in einem Reagenzglas, geht es hingegen um die Sorge, durch die Technik von der Natur entfremdet zu werden.
    Für ein Konzept der Menschenwürde (Ethik) ist dabei selbstverständlich kein Platz. Weder in dem einen noch in dem anderen Fall kann der Embryo ein nennenswertes Gewicht zu seinen Gunsten in die Waagschale werfen: im ersten Fall ist er Widerstand des individuellen Willens, im zweiten Fall ein Stück Natur in den Händen des vermeintlich technisisierten Herrschaftswillens.
    Klingt schön, man zahlt aber durch den Verlust der Menschenwürde einen unglaublich hohen Preis.
    Gruß
    Moorwackler

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