Was bedeutet es, Staat und Kirche zu trennen?

Bedeutet die Trennung, dass Kirchen nicht als Parteien antreten dürfen? Darf der Bundeskanzler nicht gleichzeitig Kirchenoberhaupt sein darf? Darf er überhaupt in einer Kirche sein? Oder genügt es, wenn er versucht so zu entscheiden, als wäre er kein Christ? Wie sollte er dann entscheiden? Dürfen Christen wählen? Dürfen sie christliche Parteien wählen?
Fragen über Fragen. Dabei ist das Thema durchaus wichtig und hinter der Forderung verbergen sich tatsächlich historische Erfahrungen, die auch Christen auf die Notwendigkeit einer wie auch immer gearteten Trennung gestoßen haben.

Einige dieser Erfahrungen hätte man sich sparen können, wenn man die Bibel ernst genommen hätte.
Ich werde versuchen, hier einige Grundsätze aufzuzeigen:

1. Der Mensch ist nicht Gott. Diese schlichte Feststellung hat weitreichende Konsequenzen: es gibt keine „Gottkönige“, wie sie in der Antike üblich waren. Ein König, wenn ein Volk glaubt, nicht ohne ihn auszukommen, ist an Gottes Gebote gebunden. Er darf nichts von ihnen weglassen und nichts hinzufügen. Beides hieße, Unschuldige zu bestrafen und Schuldige zu schonen.
Jede Regierung ist Gott Gehorsam schuldig.

2Kön 23,25 „Seinesgleichen war vor ihm kein König gewesen, der so von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften sich zum HERRN bekehrte, ganz nach dem Gesetz des Mose, und nach ihm kam seinesgleichen nicht auf.“
1Sam 12,14 „Möchtet ihr doch den HERRN fürchten und ihm dienen und seiner Stimme gehorchen und dem Munde des HERRN nicht ungehorsam sein, und möchtet ihr und euer König, der über euch herrscht, dem HERRN, eurem Gott, folgen!“

Im NT hat sich daran nichts geändert. Die Apostel haben immer deutlich gemacht, dass die Gebote des Staates sie nicht betreffen, wenn sie Ungerechtigkeit erzwingen wollen, denn „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (Apg 5,29) Da Christen grundsätzlich aber schuldig sind, den Staat zu respektieren und ihm zu gehorchen (Röm 13), kann man daraus das stillschweigende Verständnis voraussetzen, dass der Staat sich in seinem Bemühen um Gerechtigkeit selbstverständlich an Gottes Geboten zu halten hat.

2. Der Mensch besitzt ein begrenztes Urteilsvermögen weil er keine Einblicke in das Innenleben eines anderen Menschen nehmen kann.

1Sam 16,7 „Denn der Mensch sieht auf das, was vor Augen ist, aber der HERR sieht auf das Herz.“
Daraus ergibt sich der nächste Punkt:

3. Nicht das Wort, sondern das Werk zählt vor Gericht. Dem Staat obliegt es nicht, seine Bürger auf deren Bekenntnis hin zu richten. Dazu zählt auch der Eid, den manche für Einwanderer gerne vorschreiben würden. Wem nützt denn so eine Heuchelei? Die Lehre eines Menschen entspricht doch nicht unbedingt dem, was im Herzen ist, und kann natürlich geheuchelt sein. Hier zählt nur die Tat.

Siehe hierzu das Gleichnis von den ungleichen Söhnen (Mt 21,28ff): der eine sagt, er wolle gehorchen und gehorcht nicht, der andere sagt, er wolle nicht gehorchen aber gehorcht. Nur der Zweite hat den Willen Gottes getan. Dieses Gleichnis ist eine wichtige Warnung an Theologen, die sich viel mit Richtigkeiten beschäftigen, denn es zählt letztlich nur die Frucht. An ihr wird man erkennen, was wirklich im Herzen des Menschen ist und was nur ein Lippenbekenntnis.
Ein Gericht, dass also Irrlehren verurteilt, übersteigt seine Kompetenz. Denn dieses Lippenbekenntnis zählt nichts. Vor Gericht darf nur die Tat gelten.
Wenn über die mangelnde Trennung von Kirche und Staat in der europäischen Geschichte geklagt wird, dann handelt es sich in aller Regel um Verstöße gegen eben diesen Grundsatz!

Die Trennung von Staat und Kirche bedeutet also vor allem: der Staat darf sich nicht selbst überheben. Er darf nicht von Gottes Geboten abweichen, weil er sich dann selbst zum Gott machen würde. Es ist nicht seine Aufgabe, Lebensstile festzulegen, soweit sie nicht den Geboten Gottes widersprechen oder Gesetze zu erlassen, mit denen er nicht Unrecht verhindern, sondern ein Bewusstsein für etwas schaffen möchte. Es ist nicht seine Aufgabe, Bürger in ihrer sexuellen Entwicklung zu begleiten (im Gegensatz zu den Grünen, die – natürlich homosexuelle – Bürger eben hier unterstützen möchten. So steht es in ihrem Grundsatzprogramm). Er darf nicht eigenen Vorstellungen vom guten Leben und gerechten Zusammenleben zu verwirklichen suchen.
Und er darf nur äußerliche Vergehen richten, weil er nicht in die Herzen der Menschen sieht. D.h. auch, dass er keine Verbrechen mit dem Hinweis auf die Seelenlage eines Verbrechers entschuldigen darf. Der Staat führt ein sichtbares Schwert und darf es auch nur dort einsetzen, wo er etwas sehen kann. Ganz im Gegensatz zum Wort Gottes, das ebenfalls ein Schwert ist, aber die Gedanken im Innersten der Menschen richtet.

Hebr 4,12 „Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.“
(und man darf das wohl als Hinweis auf seine Besonderheit verstehen, wodurch es von aller weltlichen Gewalt unterschieden wird)

Für die Kirche hingegen bedeutet die Trennung von Kirche und Staat, dass sie sich nicht auf die äußerlichen, politischen Themen verengen darf, weil sie sonst die Gerechtigkeit vor Gott und die Gerechtigkeit vor Menschen verwechselt. Jemand, der gut bürgerlich lebt, wird sich dann leicht für einen guten Christen halten, und jemand, der als Verbrecher in die Kirche kommt, findet keine Vergebung für sein zerknirschtes Herz, weil die Kirche nur die gleiche Gerechtigkeit wiederholt, die er auch von seinen Richtern kennt.

Ich weiß, dass man heute gerade die politische und „aktuelle“ Predigt rühmt. Aber steckt in diesem Urteil über eine Predigt nicht die Heuchelei der Gerechten, die gerne in dem unterrichtet werden möchten, was ihnen ohnehin keine Schwierigkeiten bereitet? Oder im schlimmsten Fall sogar an dem Vergnügen, die üblichen Verdächtigen, die man schon aus den Zeitungen kennt, wieder mal am Pranger zu sehen?
Wer stattdessen die Feindesliebe, Demut und Selbstverleugnung predigt, wird nie viel Lob erhalten. Aber dies ist das Amt in der Kirche. Denn nur wo Gottes Gerechtigkeit klar gepredigt wird, entsteht auch die Sehnsucht nach seiner Vergebung. Und sie zu predigen, ist dann die höchste Aufgabe der Kirche.