Wie glaubwürdig ist der Mann, der sich mit „ozeangleiche Weisheit“ anreden lässt?

Seine Jünger nennen ihn „Dalai Lama“ und sogar Spiegelreporter reden ihn mit „Seine Heiligkeit“ an. Ich bleibe bei seinem bürgerlichen Namen Tenzin Gyatso.

Nach buddhistischer Lehre hat Tenzin schon unzählige Leben hinter sich und ist nun bei der höchsten Weisheit angelangt. Diese Eigenschaft macht ihn bekanntlich nicht nur zum religiösen sondern auch zum politischen Oberhaupt Tibets. Früher nannte man das „König“, heute „tibetisches Oberhaupt“ und die Regierungsform heißt eigentlich „Theokratie“, oder? egal. Genaugenommen ist er ein „Friedensbotschafter“ (frühere Bezeichnung: „Exilkönig“), denn die Chinesen lassen ihn nicht ins Land, weil sie meinen, ein modernes Land brauche beispielsweise eine Eisenbahn dringender als einen König. Zur Eisenbahn sagt Mr. Weisheit in einem Spiegelinterview:
„Nach ihrer Eröffnung im vorigen Juli kommen nach unseren Informationen jeden Tag 5000 bis 6000 Chinesen nach Tibet, von denen nur 2000 zurückkehren. Sogar Prostituierte und Bettler lassen sich in Tibet nieder. Wir werden in die Ecke gedrängt, überfremdet – was da stattfindet, ist eine Art kultureller Völkermord.“

http://tibet-initiative.de/frames.html?Seite=/Kap9/9-4/Kap9_4-177.html

„Überfremdung“? Darf man in einem deutschen Interview so etwas sagen? Manche schon, wobei der Teil in der Presseschau allerdings nicht zitiert wurde. Nun muss sich Tenzin ja nicht mit deutscher politischer Korrektheit auskennen, aber die interessantere Frage ist doch, wie sich die Sorge vor Überfremdung mit dem von ihm gelehrten Mitgefühl zusammen denken lässt. Heißt „Mitgefühl“ nicht gerade, sich der Einheit mit der anderen Person im umfassendsten Sinne bewusst zu werden? Ist das nicht gerade die Lehre des Buddhismus? Wie kann man dann überhaupt jemanden als „fremd“ empfinden?
Diese Sorge rückt natürlich auch seine Toleranz in ein anderes Licht. Er ermutigt jeden, in seiner Religion zu bleiben und in seiner Kultur verwurzelt zu sein. Gut, diese Toleranz besitzen auch die deutschen Neonazis. Die haben nämlich nichts gegen Ausländer – sie wollen sie nur nicht in Deutschland haben. Gleichzeitig sieht Tenzin aber kein Problem darin, den Buddhismus zu verbreiten und damit andere Kulturen möglicherweise zu verändern. Mir solls recht sein, man darf sich dann nur nicht über die Chinesen beschweren. Wenn der Buddhismus zu den „missionierenden Religionen“ gezählt würde, müsste man hier glatt von „Mission“ sprechen. Also alle sollen bei ihrer Religion bleiben und sich mit Buddhismus beschäftigen? Nein, sagt er, Mitgefühl wäre die zentrale Botschaft in allen Religionen. Das stimmt im Christentum sicher nicht: hier geht es zunächst tatsächlich um die Errettung und das Leben nach dem Tod. Die Ethik wiederum ist nicht vom Mitgefühl, sondern von der Nächstenliebe bestimmt, die absolut nichts mit dem buddhistischen Mitgefühl zu tun hat! Auch hier klingt die Botschaft Tenzins versöhnlich und entpuppt sich erst bei näherem Hinsehen als große Heuchelei: alle dürfen in ihrer Religion bleiben (ja, sollen sie sogar!), wenn sie anfangen, buddhistisch zu denken. Denn wenn er erklärt, was Mitgefühl meint, wird sehr schnell klar, dass dieser Begriff im Zentrum des Buddhismus steht und keineswegs in allen Religionen übernommen werden kann.

Seine Politik ist nicht weniger verlogen: er predigt überall den Frieden und macht sich über Politiker lustig. Den Irakkrieg hätte er gewaltlos gelöst (Diese Fähigkeit kann er gerne beim nächsten Konflikt unter Beweis stellen) und seine einzige Mission ist das Überleben Tibets. Als kluger Mensch hat er schnell erkannt, dass Tibet eine gewaltsame Befreiung wohl kaum überleben würde und deswegen probiert er es mit starken Freunden. Hat sich irgend jemand mal die Frage gestellt, weshalb er im Westen über Tibet redet? Es ist wohl keine gewagte Unterstellung, wenn man davon ausgeht, dass er die wirtschaftliche und politische Macht des reichen Westens für seine politische Ziele verwenden möchte. Er befindet sich in einem Krieg und versucht andere dazu zu bringen, die Waffen für ihn einzusetzen – wobei er natürlich immer fein raus ist und jedes grobe Vorgehen verurteilen würde. Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was daran tolerant oder friedlich sein soll.

Da er aber schlecht als Exilkönig hier aufkreuzen und sagen kann, er wolle wieder König in seinem kleinen theokratischen Bauernstaat werden, muss er die Heuchelei noch etwas weiter treiben. Er hat in Tibet (aus dem Exil) die Demokratie eingeführt und würde sogar einen weiblichen Nachfolger begrüßen. Man fragt sich nur, wieso die ozeangleichen Weisheiten vor ihm nich schon auf diese Ideen gekommen sind, wenn er sie ehrlich meint. Wieso hat er die Demokratie nich schon eingeführt, als er noch regierte? Wieso muss er nach tausenden von Leben erst in den Westen kommen, um so eine grundsätzliche Frage für sich zu klären?

Die Heuchelei Tenzins ist so offensichtlich, dass es in jedem anderen Fall geschmacklos wäre, darauf herum zu reiten. Hier scheinen aber selbst kritische Medien mit einer geradezu bewunderswerten Naivität begabt zu sein.

Um das Phänomen zu verstehen, muss man nach ähnlichen Fällen suchen: z.B. Gandhi. Auch er war im Westen auf friedlicher Kriegsmission und auch ihm lagen die Leute zu Füßen. Offenbar gibt es eine Schablone, in die die beiden hinein passen. Vielleicht ist es die Schablone vom alten weisen Mann aus der Ferne, der ganz anders aussieht und selbstbewusst, vielleicht auch frech genug, auftritt. Wenn man diese Rolle beherrscht, wird einem offenbar alles nachgesehen, man lebt gut, wird eingeladen und gehört, man kann seine politischen Interessen verfolgen und nebenbei auch sonst alles loswerden, was man über das Leben sagen möchte.

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