Was ist eigentlich „Vernunft“?

Vernunft scheint eine der wenigen Dinge zu sein, die alle gut finden. Mit Vernunft werden politische und wirtschaftliche und natürlich jede Menge privater Entscheidungen getroffen. Ein Stückchen heile Welt in einer chaotischen Zeit? Vonwegen!

Wer an seiner Vernunft zweifeln möchte, muss sich nur einmal die belebte Geschichte dieses Begriffes ansehen: in der Antike wusste man noch am meisten über sie zu sagen. Hier erkannte man durch die Vernunft, dass die Planeten sich auf Kreisbahnen bewegen, dass das Sklaventum eine Grundfeste der Anthropologie ist und Frauen weniger Zähne haben als Männer (der Vorteil der Vernunft bestand nämlich darin, dass man sich nicht mehr die Mühe machen musste, dies nach zu prüfen).
Spaß beiseite. In den folgenden Jahrhunderten wurde die denkerische Grundlage „Vernunft“ immer dünner. Heute beschränkt man sich in der Philosophie eher darauf, Sprache zu analysieren. Mit einem gewissen Pathos wird der Begriff eigentlich nur noch verwendet, wenn es um Religion geht. Denn wenn man eines über die Vernunft sicher weiß, dann auf jeden Fall, dass sie nicht religiös ist und sich nicht auf Autoritäten stützt.
Wenn man so darüber nachdenkt, fragt man sich aber

1. Wieso soll es vernünftig sein, nicht auf Menschen zu hören, die mehr Ahnung haben als man selbst? Wir glauben ja Jesus beispielsweise, weil er Gott ist und seinen Vater kennt. Also ist es doch nur vernünftig sein Wort ernst zu nehmen, oder?
2. Wieso berufen sich vernünftige Menschen so gerne auf die „Aufklärung“, also eine intellektuelle Textsammlung von Männern, die dadurch selbstverständlich zu Autoritäten werden?

Und die dritte große Frage:
Ist „Vernunft“ demnach nichts weiter als eine Denkschranke, die nichts leistet, als religiöse Argumente zu verbieten?

Wirklich haarsträubend wird es aber erst, wenn man sich das Leben im inneren dieser Denkschranke ansieht: die Aufklärung hat, was die wenigsten wissen, weil der Geschichtsunterricht darüber nichts sagt, eine Diktatur hervorgebracht! In Frankreich bestand der Kampf gegen Autoritäten nicht zuletzt in dem (gewalttätigen und zerstörerischen) Kampf gegen alle Kirchen und in der Aufrichtung einer Diktatur der Vernunft.

In ganz Europa kam es gerade in dem Zeitalter der Aufklärung zu einer starken Hinwendung zum Aberglauben, der sich dann in den Hexenverfolgungen nur zuspitzte. Dieser befremdliche Umstand wird heute stereotyp als Anpassungsstörung dieser Epoche gedeutet, als die Projektion der Angst vor dem Neuen und Fremden auf eine bestimmte Personengruppe. Diese Deutung übersieht allerdings, dass der Hexenwahn nur ein kleiner Teil des Aberglaubens war, der in dieser Zeit so große Verbreitung fand.

Und gibt es heute nicht die gleiche Diskrepanz? Öffentlich feiert man den Abschied vom Christentum und die Folgen der Aufklärung, aber wer die Buchläden beobachtet, stellt fest, dass die Esoterik sich flächendeckend im Bürgertum verbreitet hat. Aus den ehemals kleinen Regalen sind mittlerweile große Abteilungen an zentraler Stelle geworden. Davon abgesehen, dass der Aberglaube in alle anderen Abteilungen ausstrahlt: Religion, Lebenshilfe, Literatur, Medizin aber auch Architektur und Gartenbau.
Aus dem Bekenntnis zur Wissenschaft ist eine allgemeine Akzeptanz der sog. „alternativen Medizin“ geworden. Wissenschaftler sind hier ziemlich machtlos, und kaum ein Arzt kann es sich heute noch leisten, keine Homöopathischen Medikamente zu verschreiben.
Im öffentlich rechtlichen Fernsehen gibt es Dokumentationen, in denen ausgiebig Wunderheiler und div. Wasserspezialisten über ihre Kunst befragt werden oder Leute, die Orte mit besonderer „Energie“ vorstellen.

In der Renaissance gab es eine ähnliche Entwicklung: verschiedene Intellektuelle wandten sich vom Christentum ab und dem Aberglauben zu (auch hierüber schweigt natürlich der Geschichtsunterricht). Der Grund war hier vor allem das antike Vorbild selbst, das man nicht ohne den Glauben an Astrologie bekommt. Aber es entstanden auch Formen, die eher zeittypisch waren und dennoch in der Renaissance unterstützt wurden.
Jakob Burckhardt schreibt in „Die Kultur der Renaissance in Italien“, deren großer Bewunderer er eigentlich ist (in der Ausgabe von 1960, S. 561):
„Bei weitem unschuldiger als die Sterndeutung erscheint der Glaube an Vorzeichen. Das ganze Mittelalter hatte einen großen Vorrat desselben aus seinen verschiedenen Heidentümern ererbt, und Italien wird wohl darin am wenigsten zurückgeblieben sein. Was aber die Sache hier eigentümlich färbt, ist die Unterstützung, welche der Humanismus diesem populären Wahn leistet; er kommt dem ererbten Stück Heidentum mit einem literarisch erarbeiteten zu Hülfe.“

Wenn wir in unserer Zeit die Diskrepanz zwischen vollmundigem Bekenntnis zur Autonomie, Vernunft und atheistischen Wissenschaft auf der einen Seite und das Aufblühen des Aberglaubens auf der anderen Seite beobachten, stehen wir damit auf jeden Fall nicht alleine.

Der Begriff „Vernunft“ ist also mit fast allem außer dem Christentum kompatibel (auch mit Wissenschaftsfeindlichkeit, Diktatur, Rassismus, Sexismus, Gewalt und Aberglauben). Er enthält inhaltlich nichts außer einer Denkschranke und wo er Inhalte belegen soll, kommt er mit denkerischer Gewalt daher – denn wer könnte schon der Vernunft widersprechen?
Damit wird er zum idealen Mittel, um einen Mainstream festzulegen und gegen jede Abweichung zu verteidigen. Niemand wagt es, dieser Grundlage zu widersprechen, jeder akzeptiert stillschweigend die gemeinte Denkschranke und ist anschließend darauf angewiesen, den Begriff von anderen füllen zu lassen.
Diese Form der Vernunftdiktatur funktioniert allerdings nur, solange man nicht anfängt, gegen den Vernunftbegriff selbst zu polemisieren.

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