Die Galilei-Legende

Zum Fall Galilei habe ich einen interessanten Aufsatz von Richard Schröder gefunden („Wissenschaft contra Religion? Zum Fall Galilei“, in: Buchheim, Thomas (Hrsg.), „Die Normativität des Wirklichen. Über die Grenze zwischen Sein und Sollen, Stuttgart, 2002.)

Die Legende in Kürze (soweit sie nicht schon bekannt ist): Galilei entdeckte, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht etwa die Sonne um die Erde. Dies konnte die Kirche nicht verkraften, weil sie dadurch aus dem von Gott gegebenen Mittelpunkt verstoßen fühlte und verlangte von Galilei zu widerrufen, was dieser aus Angst auch tat. Aber auf dem Sterbebett waren seine letzten Worte „Und sie bewegt sich doch“.

Diese kleine Geschichte wurde zum Modellfall für die Kirche, für den Glauben und das ganze Mittelalter. Diese Geschichte wird erzählt, um das finstere Mittelalter mit seiner ganzen Frömmigkeit und Kirchlichkiet als Schablone für die säkularisierte Neuzeit und die Aufklärung zu instrumentalisieren. Wo so große Interessen am Werk sind, muss die Wahrheit schon mal leiden, und so zeigt sich, dass am Fall Galilei so gar nichts Brauchbares für eine Diskreditierung des mittelalterlichen Lebens und des christlichen Glaubens herausgeschlagen werden kann.

Hier ein paar von Schröders Widerlegungen der gängigsten Irrtümer in Kurzform:

1. Die Geozentrik sei ein Dogma der Kirche gewesen, deshalb habe diese die Heliozentrik von Anfang an bekämpft.
Die Kritik am Heliozentrischen Weltbild kam nicht aus der Theologie sondern aus der Philosophie.“Das Mittelalter war nciht programmatisch geozentrisch eingestellt, weil es programmatisch theozentrisch eingestellt war. Die Geozentrik wurde alternativlos selbstverständlich und nicht kämperisch vertreten, weil die Heliozentrik nicht bekannt war.“ Die Renaissance beispielsweise wollte das All wie die Antike wieder belebt wissen, während Copernicus von christlichem Eifer beseelt auf der Suche nach den Regeln war, die der herrlichste Werkmeister seiner Weltmaschine gegeben hat. „Der Schöpfungsgedanke löst eine dreifache Entmythologisierung der Kosmotheologie aus: Er depotenzierte das göttliche All zu Gottes Werk oder Schöpfung, er depotenzierte damit die innerweltlichen Standortunterschiede (nichts Weltliches ist göttlich) und er wechselt die Perspektive vom Anblick des Kosmos in eiwiger Gegenwart zur vorweltlichen Perspektive des Schöpfers, der die Welt nach Plan geschaffen – und zum Vergehen bestimmt hat.“

2. Die Heliozentrik sei von der Kirche abgelehnt worden, weil sie der Erde den hervorgehobenen Ort in der Mitte der Welt nimmt, sie also depotenziert.
Zunächst einmal war den Menschen im Mittelalter auch schon klar, dass das Universum keinen Mittelpunkt hat, und dass die Bedeutung der Erde nicht von ihrer astronomischen Lage abhängt.
„Die Metaphorik der Mitte musste in einem kosmotheologischen Weltverständnis viel größeres Gewicht haben als im Verständnis der Welt als Schöpfung Gottes, denn dort war die Frage nach dem Struktur des Alls unmittelbar eine theologische. Die vorchristliche antike Philosophie war (außer der Epikurs) kosmotheologisch orientiert.“ Allerdings mit zwei entgegengesetzen Positionen: Für Aristoteles war die Peripherie des Universums das Göttlichste, für die Stoa das Zentrum!
Für die Stoa war es daher in der Tat ein Sakrileg, der Erde die Mittelpunktstellung streitig zu machen. Und die Renaissance habe sich vor allem auf die Philosophie der Stoa gestützt.
„Der Gedanke, dass die Mittelpunktstellung der Erde ein Vorzug sei, ist nicht mittelalterlich, sondern typisch für die Renaissance, die an stoische Auffassungen, aber auch an die Alchimie und die im Mittelalter als Aberglaube diskreditierte Astrologie anknüpfend die These von der Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos und der „Sympathie“ des Alls ausbreitete“.

3 Galilei habe wissenschaftlich gültige Beweise für die Heliozentrik vorgetragen.
Tatsächlich hielt Galilei die Tatsache für Ebbe und Flut für ein schlagendes Argument für die Erdbewegung (was allerdings nicht stimmt).
„Galilei hat zwar wie kein anderer den Copernicanismus populär gemacht, seine Beweislage aber hat er nicht verbessert.“
„Der erste zwingende Beweis für die Bewegung der Erde wurde 1728 erbracht.“

Warum wurde Galilei verurteilt? Für seine astrologischen Forschungen hätte man ihn schon 10 Jahre früher zur Rechenschaft ziehen können.
Schröder resümmiert: „Die Forschung ist sich denn auch einig, dass ein Meinungsumschwung des Papstes der Grund für den Prozess gewesen ist. Er fühlte sich persönlich durch Galileis Dialog (kursiv i.O.) lächerlich gemacht. Außerdem hatter er sich als Mitspieler in der Politik des Dreißigjährigen Krieges in eine zwielichtige Lage manovriert, indem er mit dne protestantischen Schweden gegen den katholischen Kaiser agierte. Dieser war übrigens ein begeisterter Astronom, der den Protestanten Kepler an seinen Hof geholt hatte und Galilei schätzte. Widerstand gegen diese seine machiavelistische Politik in der Kurie beantwortete dieser Papst mit Säuberungen.“
Es waren also weder geunin theologische noch philisophische Gründe, sondern ganz einfach politische. Wer sich für die Details dieses komplexen Faqlls interessiert, sollte den Aufsatz Schröders lesen.

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