Die biblische Lehre von der Erkenntnis Gottes

Die wichtigste Stelle der Bibel, mit der die Möglichkeit einer natürlichen Theologie begründet wurde, ist Röm 1,20 (wobei eigentlich das ganze Kapitel die heidnische Gotteserkenntnis thematisiert). Allerdings fällt auf, wie sehr sich dieser Text von denenen mittelalterlicher Autoren unterscheidet. Und tatsächlich widerspricht er sogar allen traditionellen Beweisversuchen:

Die Gottesbeweise gehen alle von Prämissen aus, die keine Gotteserkenntnis enthalten und arbeiten sich dann durch schlaue Überlegungen hoch bis zur Erkenntnis Gottes. Dieses Vorgehen widerspricht Röm 1 diametral:
1. Die Erkenntnis Gottes muss nach Röm 1 nicht erarbeitet werden, sondern liegt offen zutage.
2. Es geht in Röm 1 nur um die Erklärung dafür, wie es zur Nichterkenntnis Gottes kommt. Hierzu muss man sich entscheiden, die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederzuhalten (V.18).
3. Der Inhalt dieser Erkenntnis ist nicht der „erste Beweger“ oder dergleichen, sondern eine umfassende Entfaltung göttlicher Eigenschaften vor unseren Augen.
4. Nicht dem Menschen kommt in Röm 1 die Ehre zu, sondern Gott. Dem Mensch bleibt nur die Schande, Wahrheit durch Ungerechtigkeit niedergehalten zu haben.
5. Der Mensch hat in den Gottesbeweisen nur eine rudimentäre Gottesvorstellung und muss von diesem Punkt weitergehen zu der Frage, wer dieser Gott eigentlich ist und welche Konsequenzen dies hat. In Röm 1 hingegen liegt Gottes Wesen in den für uns wichtigen Aspekten schon offen:

„Denn sein unsichtbares Wesen, sowohl seine ewige Kraft als auch seine Göttlichkeit, wird seit Erschaffung der Welt in dem Gemachten wahrgenommen und geschaut, damit sie ohne Entschuldigung seien;“ (V.20)

In V.32 wird sogar gesagt, dass der Wille Gottes an die Menschen erkennbar ist. In reformierten Bekenntnisschriften wird an dieser Stelle allerdings hinzugefügt, dass diese Erkenntnis nur ausreiche, um den Zorn Gottes zu erkennen, nicht jedoch die Gnade Gottes. Aber das ist nicht richtig. Denn in Apg. 14,17 spricht Paulus einen weiteren Teil natürlicher Gotteserkenntnis an: „Er (Gott) ließ in den vergangenen Geschlechtern alle Nationen in ihren eigenen Wegen gehen, obwohl er sich doch nicht unbezeugt gelassen hat, indem er Gutes tat und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gab und eure Herzen mit Speise und Fröhlichkeit erfüllte.“ Hier wird also ganz deutlich das Erbarmen Gottes über die Menschen deutlich, die zwar um seinen Zorn wissen, aber gleichzeitig seine Gnade jeden Tag ganz einfach daran erkennen könnten sollten, dass er ihnen Regen und Sonne schenkt und ihnen sogar soviel gibt, dass sie sich freuen können.

Der moderne Mensch wird hier allerdings einwenden, dass diese Vorstellungen von Gotteserkenntnis bestenfalls für ein vorwissenschaftliches Zeitalter gelten und seit der Evolutionstheorie keineswegs mehr in dem „Geschaffenen“ Gott erkannt werden könne. Tatsächlich berührt die Evolutionstheorie den Gedanken dieses Textes noch nicht einmal – unabhängig von der Frage, was sie überhaupt erklären kann. Denn Paulus nennt hier die Erkannbarkeit von Gottes „ewiger Kraft“ und „Göttlichkeit“. Dieses Wissen kann man durch andere Bibelstellen noch ergänzen: nach Psalm 104,24 hat Gott die Erde „mit Weisheit“ gegründet und jeder, der sich mit Gottes Werken beschäftigt, weiß, was damit gemeint ist. Die Evolutionstheorie kann bestenfalls erklären, warum es Nutzen gibt. Sie kann aber nicht erklären, wieso die Welt Gottes Herrlichkeit wiederspiegelt. Ein Nutzen wäre doch auch mit weniger Vielfalt, weniger Schönheit, weniger Komplexität weniger Herrlichkeit gegeben. Woher kommt die Erhabenheit, die Majestät, eben die Göttlichkeit, die sich in allem Geschaffenen noch wiederspiegelt? Sie erklärt auch nicht die Zeit für Vergnügen und Dankbarkeit, wo sie doch angeblich nur die Überlebensvorteile selektiert. Alle evolutionistischen Erklärungsversuche hierfür bleiben bruchstückhaft.
Und zuletzt scheitert sie an der Liebe Gottes. Sie kann nicht erklären, wie Menschen auf Feindesliebe kommen, die so weit geht, dass sie jemand für seine Feinde sogar aus Liebe töten lässt. In der Natur finden wir vielleicht noch die Selbstaufopferung für die eigenen Kinder oder für Freunde. Aber kein Tier und kein Mensch wird von seiner natürlichen Veranlagung seine eigenen Kinder für seine Feinde aus Liebe opfern. Die Liebe Gottes übersteigt alles, was wir von der Natur kennen und lenkt unseren Blick direkt auf den Schöpfer. Damit ist das Kreuz selbst der beste Gottesbeweis der Geschichte. Vor ihm kommt der Zweifler zur Ruhe.
Zentrale Bibelstellen: Röm 1 und 2 Apg 14,17

(Quelle: biblipedia.de; leicht gekürzte und veränderte Fassung)

2 Gedanken zu „Die biblische Lehre von der Erkenntnis Gottes“

  1. Sehr geehrter Herr Moorwackler,
    besten Dank für Ihre Initiative u. den Kommentar, aus welchem man manch Nützliches entnehmen kann. Wo haben sie Theologie studiert?
    Viele Grüße aus Bay.
    Buchstapler

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.