Jürgen Trittin in der Nazi-Falle?

Auf einem wissenschaftlichen Fachkongress zum Verhältnis von Naturschutz und Nationalsozialismus sagte der damalige Bundesumweltminister Jürgen Trittin in seiner Rede, es gehe bei dieser Frage ums „ehrliches Verstehen“. “ Keine billigen und beliebig primitiven Entschuldigungen. Aber auch keine selbstgerechten Anklagen, wo nichts Verwerfliches war. Umgekehrt ist aber auch klar: Naturschutz als politischer Auftrag wird nicht deshalb entwertet und für die Zukunft unwichtig, weil Naturschützer und Nazis sich auf die Natur beziehen. Eine Kollektivschuld der Naturschützer gibt es nicht.“ (in: Radkau, Joachim (Hg.), Naturschutz und Nationalsozialismus, Frankfurt, 2003.)

So einfach kann das sein: kein Presserummel, kein Rausschmiss, kein öffentliches Mobbing, einfach nichts. Und dabei besteht zwischen dem Nationalsozialismus und dem Naturschutz sogar eine wesentlich engere Verbindung als zwischen dem damaligen Familienmodell und dem Nationalsozialismus:

Für die Unterordnung der Frau sprach im Nationalsozialismus eigentlich nichts. Das einzige Interesse der Nazis an der Familie bestand eigentlich nur daran, dass viele Kinder geboren werden (daran hat sich in manchen Parteien bis heute nicht viel geändert). Dieses Ziel erreichte man damals, indem man die vorhandenen Idealvorstellungen aufgriff und unterstützte, und man erreicht das Ziel heute, in dem man die HEUTE vorhandenen Ideale aufgreift und unterstützt. Niemand wird ernsthaft behaupten, die Nazis hätten ihren Wunsch nach mehr Kindern/Soldaten einem bestimmten Familienmodel geopfert. Niemals hätten sie aus Rücksicht auf das Familienleben auf ihre Reproduktionspolitik verzichtet, und das bedeutet auch: Heute hätte Hitler selbstverständlich die Krippen befürworten können, ohne an seiner Ideologie Abstriche machen zu müssen!

Der Naturschutz war hingegen ein Herzensanliegen der Nazis. Die Natur war der heile Urzustand, die Zivilisation wurde als störende „Überfremdung“ empfunden (wenn man sich politisch korrekt ausdrücken möchte, muss man hier von „Entfremdung“ sprechen, dann ist die gleiche Aussage völlig unverdächtig). Zur „Überfremdung“ gehörte es beispielsweise, wenn neuerdings Reklametafeln die Landschaft verschandelten. Dieser Umstand konnte das Bürgertum regelrecht in Rage versetzen. Es war tatsächlich das gleiche Gefühl, dass auch den Antisemitismus befeuerte, denn es entstand aus der Angst, von einer fremden Macht geistig und kulturell überlagert zu werden und seine Ursprünglichkeit zu verlieren.

Friedemann Schmoll schreibt „Hier lieg ein wichtiger Verknüpfungspunkt zwischen modernem Antisemitismus und Naturschutz, deren beider Logik nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Erstarken völkischer und antisemitischer Strömungen anschlussfähig werden sollte. Beide sind unauflöslich an missglückte Emanzipation aus vorkapitalistischen Verhältnissen geknüpft; beide diagnostizierten Entfremdung als „Überfremdung“. Natur- und Heimatschutz wie Antisemitismus waren Bestandteil einer spezifisch deutschen Kultur, die Prozesse gesellschaftlicher Modernisierung zutiefst skeptisch verfolgte und mit Sehnsüchten nach der Wiederherstellung einer verlorenen Zeit beantwortete.
Die völkischen Bewegungen wie auch der Natur- und Heimatschutz beantworteten solche Entfremdungserfahrungen mit dem hartnäckigen Hinweis auf die Harmonie natürlicher Ordnungen“ (S. 174f).

Der Ausländer war den Nazis ebenso wenig willkommen, wie die Werbetafel und das Christentum. In allen Fällen lag der gleiche Gedanke zugrunde: Deutschland könne nur geheilt werden, wenn es sich von allem Fremden entledige. Und in diesem Kampf spielte der Natur- und Heimatschutz eine große Rolle. Den wenigsten Naturschützern dürfte das bewusst sein.

Aber das ist in Deutschland nicht weiter gefährlich. Solange man dem Mainstream folgt, darf man großflächig Teile der Nazi-Ideologie vertreten, ohne dass dies auch nur wahrgenommen würde.

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