Was ist ein Naturgesetz?

Materialisten würden Naturgesetze gerne formal definieren, also als eine Regelmäßigkeit irgendwelcher Naturabläufe. Aber man merkt schnell, dass diese Definition viel zu weit ist: wenn Paul jeden Morgen um 8 Uhr eine Zeitung kauft, mag das so verlässlich sein, dass wir unser ganzes Leben keine Möglichkeit haben, dieses Gesetz zu falsifizieren (man kann es auch in eine Formelsprache übersetzen), aber wir würden es trotzdem nicht als „Naturgesetz“ bezeichnen. Hier helfen sich die Wissenschaftstheoretiker noch mit dem Hinweis darauf, dass dieses „Gesetz“ ein Individuum enthält, nämlich „Paul“, und das geht natürlich nicht. Aber dann entsteht das Problem, dass schon durch diese behutsame Verbesserung sehr prominente Naturgesetze auf einmal keine Gesetze mehr sind, denn die Gesetze über die Planetenbewegungen beziehen sich ebenfalls auf Individuen, eben die Planeten.

Diese Problematik habe ich mir nicht ausgedacht, es handelt sich hier in der Wissenschaftstheorie tatsächlich um ein ungelöstes Problem: alle berufen sich vollmundig auf Naturgesetze und mancher hängt gar sein Weltbild daran auf, aber keiner weiß, was Naturgesetze eigentlich sind!

Eigentlich ist es kein Wunder, weil der Begriff ursprünglich eine Bedeutung hatte, die man heute nicht mehr öffentlich billigt: mit dem Begriff „Naturgesetz“ wurde am Beginn der Neuzeit der Glaube ausgedrückt, dass Gott der Natur befehlen kann und ihr Gesetze erlässt. Das war auch der entscheidende Schritt zu einem wissenschaftlichen Weltbild, das die Antike und das Mittelalter in der Form nicht kannten. Man wusste zwar schon immer, dass es verlässliche Abläufe in der Natur gab und beschrieb schon Regelmäßigkeiten, aber es fehlte die Überzeugung, dass die ganze Welt nicht nur von Regelmäßigkeit sondern auch nach einer erforschbaren Planmäßigkeit und Ordnung bewusst geschaffen wurde. Erst durch diesen Glauben entstand das systematische Suchen nach Gesetzmäßigkeiten, die man eben noch nicht kannte. Tatsächlich musste man seitdem alle vermeintlichen Naturgesetze wieder korrigieren. Der Glaube geht also bis heute den Naturgesetzen voran, und genau das ist wissenschaftliches Arbeiten! Alles andere ist Glück.

Wie kann man nun die Ausagangsfrage beantworten? Auf jeden Fall nicht so, wie man es vielleicht erwarten würde, denn man kann keine Kriterien dafür angeben, dass ein bestimmter Satz die Bedingungen für das Prädikat „Naturgesetz“ erfüllt. Es handelt sich dabei um eine weltanschauliche Zuschreibung, mit er ausgedrückt werden soll, dass es sich bei einer bestimmten Regularität um den Ausdruck einer vernünftigen Ordnung der Welt handelt. Der Begriff „Naturgesetz“ enthält daher selbst kein wissenschaftliches Kriterium, aber er vermittelt das Pathos, aus dem die Lust am Forschen entsteht und erhält sie sogar noch unter atheistischen Wissenschaftlern am Leben.

Vor diesem Hintergrund wird auch die Absurdität des Atheisten deutlich, der sich auf die Naturwissenschaften stützt. Auch er glaubt an Ordnung der Welt, so fest, dass er ihn sogar als Argument gegen die Existenz Gottes anführt. Aber er vergisst dabei, dass er als Wissenschaftler in einem christlichen Boot mitfährt und wenn er aussteigen will, nass wird (was will uns diese Metapher sagen…). Oder etwas deutlicher gesagt: ein atheistischer Naturwissenschaftler verwendet ein christliches Weltverständnis ohne es selbst begründen zu können. Denn die Frage, was ein Naturgesetz ist, hängt eng mit der Frage zusammen, warum ein Naturgesetz gilt.

Michael Hampe, Philosophie-Professor an der Universität Bamberg (und meines Wissens selbst Atheist) schreibt:
„An der Frage „Warum gelten in der Natur überhaupt Gesetze?“ wird deutlich, dass doch ein Graben zwischen Newton und seinen Zeitgenossen und uns heute besteht. Newton, der die Wissenschaft von Gott noch ebenso selbstverständlich zur Naturbetrachtung zählte wie Boyle, Descartes oder Leibniz, konnte diese Frage stellen und beantworten, die heute von der Naturwissenschaft nicht gestellt und von der philosophischen Erkenntnistheorie zwar gestellt, aber nicht beantwortet werden kann.“ (aus: „Gesetz, Natur, Geltung“, in „PHILOSOPHIA NATURALIS“, Band 37 (2000) Heft 1, S.251.

Welche Folgen dieser Bedeutungsverlust für die Naturwissenschaften hat, wird sich zeigen.

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