Natur und Geist

Die Sehnsucht nach der Natur ist paradox: entweder wir sind bereits mit allen unseren Sehnsüchten ein Teil der Natur, dann fehlt der Sehnsucht der Sinn. Oder unsere Sehnsüchte sind kein Teil der Natur, dann wäre aber die Natur schuld an unserem Schlamassel, der die Sehnsucht erst wachsen lässt.
Ein Einwand könnte lauten: die Entfremdung von der Natur habe der Mensch oder insbesondere die Religion bewirkt und sei genuin nicht-natürlich.
Aber dieser Einwand übersieht, dass Gedanken oder Ideen zwar menschlichen Ursprungs sein können, aber diese sind nur möglich, weil die Natur des Menschen sie möglich macht. Der Mensch hat sein Reflexionsvermögen nicht erfunden. Und dieses Vermögen entfremdet ihn von den anderen Geschöpfen und erhebt ihn, nicht irgendwelche Ideen! Man kann sogar sagen, sobal der Mensch überhaupt die Unterscheidung zwischen Kultur und Natur vornimmt, ja sobald er überhaupt den Begriff „Natur“ denkt, hat er sich schon der Natur entfremdet. Er nimmt sie für die Dauer eines Wortes wie ein Fremdkörper in die Hand und betrachtet sie von außen. Und diese Fähigkeit ist auf keine Religion oder Kultur beschränkt. Ich sage bewusst „Fähigkeit“, denn ich halte es für wahrscheinlich, dass es Völker gibt, in denen die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur unbekannt ist. Aber die Fähigkeit zur Begriffsbildung und zu der nötigen Reflexion besitzen sie dennoch, und in jedem Begriff von Dingen steckt der Wille zu objektivieren und die Umwelt zu beherrschen. Die Bildung von Begriffen ist daher der eigentliche Sündenfall der Naturmystik.

Man kann aber auch anders an das Thema herangehen und fragen: Wie konnte die Evolution einen Geist hervorbringen, der zu solchen Leistungen in der Lage ist? Weist die Natur nicht selbst über sich hinaus?
Denn mit der Evolution kann man die Fähigkeiten des Menschen nicht erklären. Sie bieten zwar einen Überlebensvorteil, aber der Vorteil fällt etwas aus dem Rahmen: Eine biologische Eigenschaft wird vererbt, wenn sie ihrem Träger die Eroberung einer ökologischen Nische erlaubt. Aber der Mensch hat gerade die Fähigkeit, sich in jede beliebige Nische hinein zu erfinden und eben nicht von bestimmten Lebensräumen abhängig zu sein. Der Mensch hat jeden Lebensraum von der Tiefsee bis zum Mond erobert. Diese Fähigkeit ist so überragend, dass man allein mit den Mechanismen der Evolution nicht erklären kann, weshalb nicht alle Lebewesen, oder doch zumindest einige, diese Super-Fähigkeiten entwickelt haben. Wie konnte es passieren, dass der Mensch zum Herren über die ganze Schöpfung wird, ohne dass es irgendwo auch nur den Hauch einer Konkurrenz gibt? Selbst unsere „nächsten Verwandten“, also die sog. „Menschenaffen“, überleben derzeit nur durch unser Mitleid.

Die Evolution ist keine gute Erklärung für die besondere Stellung des Menschen. Der Mensch bleibt mit seiner Vernunft allein und wird seine Fremdheit in der Natur nicht los. Und je mehr er sich mit seiner Stellung in der Natur beschäftigt, desto mehr bestätigt er seine Sonderstellung als denkendes Wesen.
Das klingt gut, aber es ist keine Hilfe, wenn man sich eben doch nach der Natur sehnt. Aber es hilft zu zeigen, dass die Natur zwar eine Sehnsuch in uns wecken aber nicht stillen kann, weil der Unterschied zwischen uns und der übrigen Schöpfung so grundlegend ist, dass er weder von Menschen verursacht nocht von Menschen behoben werden kann. Denn selbst wenn man sich mal ganz harmonisch eins mit allem möglichen fühlt, wird dieser Zustand doch irgendwann öde und verfliegt, weil man sich mit interessanterem beschäftigen kann.

Für unseren Geist, unsere Vernunft oder unser Reflexionsvermögen benötigen wir eine Erklärung, die über die Natur hinausgeht, und die uns doch gerade im Umgang mit der Natur bewusst wird.

Ein Gedanke zu „Natur und Geist“

  1. Ich möchte Sie ermutigen, so weiterzumachen, denn ihre Kommentare sind nicht oberflächlich und gefalen mir auch sprachlich. Weiter so. Ich profitiere selbst und bekomme wichtige Anregungen u. Impulse für meinen Unterricht.

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