Ist der Buddhismus eine Religion?

Es gibt Begriff, die sind unklar und daher schwer zu definieren (z.B. „Globalisierung“, „gut“, „Freund“…). Andere können wir hingegen einigermaßen einfach definieren ( z.B. „Kugel“) weil wir eine klare Vorstellung von der bezeichneten Sache haben. Aber es gibt auch Fälle, in denen wir zwar einen klaren Begriff haben, aber zu einer Definition kaum imstande sind. Z.B. wenn wir die eigenwillige Wohnung von Siggi beschreiben wollen und jeden einzelnen Gegenstand noch vor uns sehen und einem dritten erklären wollen, wie die Wohnung so ist. Dann haben wir das Gefühl, es liegt uns auf der Zunge, aber da liegt garnichts, und so sagen wir schließlich: „sie ist einfach typisch Siggi!“
Und jeder, der Siggi kennt, weiß, was gemeint ist. Wer ihn nicht kennt, hat natürlich keine Ahnung. Er würde an der Wohnung natürlich auch nichts typisches entdecken und fände vermutlich noch nicht einmal einen Begriff, unter dem er die Wohnungseinrichtung gut fassen könnte.

Das ist ein Beispiel für einen Fall, in dem man einen Gegenstand nicht über seine Eigenschaften definieren kann, sondern ihn über die Eigenschaften eines Dritten definieren muss.
Jeder, der schon mal verliebt war, kennt das Gefühl, durch alle möglichen Personen oder Gegenstände an den geliebten Menschen erinnert zu werden, wo ein Außenstehender keine Chance hätte, diese geheime Verbindung der Dinge und Personen zu erkennen. Bei der einen erinnert ihn die Stimme, bei der anderen vielleicht die Form der Fingernägel oder sogar ihr Auto an sie.

Und genau dieser Fall scheint mir auch bei dem Begriff „Religion“ vorzuliegen: jeder hat eine ziemlich klare Vorstellung davon und hat vielleicht sogar den Eindruck, es könne nur eine Formsache sein, hier noch eine Definition zu finden. Und erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass es kein Element gibt, dass alle gemeinsam haben. Es sei denn, man formuliert es so vage, dass der Begriff nicht mehr von einer „Weltanschauung“ zu trennen und letztlich uninteressant ist.
Für dieses Phänomen ist es die naheliegendste und beste Erklärung, von einem Urbild auszugehen, also einer Religion, die gleichsam zum Modell für jede sogenannte „Religion“ wurde, weil sie alle Gedanken, die auch in anderen Religionen auftauchen, in der klarsten Weise enthält.

Ich möchte dies anhand des Buddhismus etwas ausführlicher zeigen:
Der Buddhismus bereitet dem Definitionssucher eine besondere Schwierigkeit, weil er keinen Gott kennt und auch kein Jenseits, wie wir es verstehen. Denn „Jenseits“ drückt die Trennung und Unterscheidbarkeit von einem Diesseits aus, die der Buddhismus m.W. so nicht kennt.
Und dennoch zögert kaum jemand, den Buddhismus als Religion zu bezeichnen. Warum? Weil er dem Christentum ähnlich sieht. Das mag auf den ersten Blick überraschen, aber wenn man aus dem Christentum den persönlichen Gott wegdenkt, erhält man eine Religion, die dem Buddhismus sehr ähnlich sieht, und zwar ähnlicher als jede polytheistische Religion.
Das Gebet wird dann zu einer Übung, bei der der Gläubige keinen Kontakt mit einer Person sucht, sondern bemüht ist, die vermeintliche Pespektive eines Gottes selbst einzunehmen, der das Wesen aller Dinge versteht und so zur Erleuchtung gelangt. Aus dem Gebet ist die Meditation geworden. In beiden Fällen nimmt die Seele für eine Zeit Urlaub vom Leben auf der Erde und erhält einen kleinen Vorgeschmack von dem oder auf das, worauf ihre Hoffnung ruht.

Nimmt man der christlichen Ethik den persönlichen Gott, wird aus dem moralischen Anspruch eine mechanische Konsequenz. D.h. negative Konsequenzen kommen nicht aus dem Zorn Gottes, sondern aus dem Handeln des Menschen. Sie sind keine „Strafe“ sondern „Folge“, mechanisch, notwendig und vor allem unpersönlich.

Dadurch entsteht aber das Problem, wie man mit dem Versagen des Menschen umgeht, denn Gnade kann es im Buddhismus nicht geben. Die Lösung bietet die Wiedergeburt, bei der jeder Mensch in beliebig häufiger Folge zum perfekten Menschen werden kann. Im Christentum kennen wir diese Konzeption aus der Katholischen Kirche. Auch hier wurde das Heil Gottes mechanisiert und zu einem Heils-Algorithmus pervertiert, der für Gott wenig Raum ließ. Das Problem der fehlenden Gnade löste man hier durch die Erfindung des „Fegefeuers“, bei dem die schlechten Taten noch weggebrannt werden können, bevor die Seele des Gläubigen dann zu guter Letzt doch noch in den Himmel kann. Der Buddhismus hat das Fegefeuer hingegen auf die Erde verlegt und lässt den Menschen hier für seine Vergehen büßen, bis der Mensch vollkommen und – wie ein Christ sagen würde – „heilig“ ist.

Für einen Christen bietet der Buddhismus daher einen sehr großen Wiedererkennungeffekt und er wird ihn als Religion bezeichnen, ohne vielleicht genau zu wissen, wieso. Bei anderen Religionen ist der Vergleich noch einfacher, weil sie meistens die Verehrung eines Gottes kennen und sich mit der Frage nach Schuld und Sühne, Güte und Jenseits beschäftigen.

Es ist daher nicht erstaunlich, dass die Religionswissenschaft auf christlichem Boden – wenn auch nicht von Christen – entwickelt wurde. Denn das Christentum bietet zwar kein genuines Interesse an dem Religionsvergleich, aber es bietet das Urbild, durch das überhaupt der zu erforschende Gegenstand erkennbar wird.
Wieviel Vergnügen einem Christen allerdings die Beschäftigung mit anderen Religionen, zeitgenössischen und antiken, bietet, werde ich vielleicht in einem weiterem Beitrag zeigen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.