Das Christentum und die anderen Religionen

Für viele Christen ist es verwirrend, wenn sie Elemente ihres Glaubens in anderen Religion entdecken. Für Atheisten ist es andererseits ein Vergnügen, eben darauf hinzuweisen, denn: wenn jemand etwas von Menschen hat, kann er es nicht von Gott haben. Folglich ist die Bibel in zentralen Punkten von Menschen erfunden und nicht Gottes Wort.

Diese Logik ist so einfach, dass sie sich unter Gegnern des Christentums sehr leicht verbreiten konnte und mir auf den unterschiedlichsten Bildungsniveaus schon begegnet ist. Und an Material scheint es diesem Argument nie zu fehlen, die Religionsgeschichte gibt sich wie ein üppiger Garten, in dem man alles in Armeslänge findet, was man an Ähnlichkeiten zum Christentum sucht. Es ist schon fast zu viel des Guten…

Denn tatsächlich gibt es so viele Parallelen zwischen Christentum und anderen Religionen, dass die These vom „Abkupfern“ zunehmend unplausibel wird, wenn man nicht davon ausgeht, dass alle Kulturen sich am Beginn der Menschheit auf verschiedene Ansichten geeinigt haben.
Die nächste Stufe der atheistischen Erklärung des Christentums greift daher auf die Psychologie zurück: Vielleicht ist der Mensch einfach so gebaut, dass er religiös denkt oder zumindest eine Neigung dazu besitzt. Dieser Gedanke kommt schon gefährlich nah an das, was man Christentum unter „natürlicher Gotteserkenntnis“ versteht. Daher findet man diesen Gedanken heute vor allem im Zusammenhang mit den dazugehörigen biologischen Erklärungen, damit niemand denkt, Gott selbst habe den Menschen mit Gotteserkenntnis ausgestattet.

Aber wenn man noch genauer hinsieht, stellt man fest, dass biologische oder psychologische Erklärung wenig leisten. Was nützt die Entdeckung eines „Gottesgens“, wenn nur die monotheistischen Religionen an einen einzigen Gott glauben, die Mehrheit aber an eine Fülle von Geistern? Und was lernen wir über das Gen, wenn ein Atheist zum Glauben an den einen Gott kommt? Oder was nützen Erklärungen über gemeinschaftsfördernde und lebenserhaltende Moralvorstellungen, wenn diese teilweise lebensbedrohlich sind? Wie kann man das religiöse Leben des Menschen damit erklären, dass er sich die Erde weniger gefahrvoll vorstellen möchte, wenn in vielen animistischen Religionen die Erde ein Ort wird, der übersäht ist mit übellaunigen und schadenbringenden Geistern? Davon abgesehen, erklären Atheisten ja gerade, dass der Atheismus eigentlich für das Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft am besten geeignet sei.
Darüber hinaus ist der Vorrat an gemeinsamen Elementen unter den Religionen eher klein. Aus Jungs „Archetypen“ kann man kaum eine Religion zusammenstellen. Unter vielen gibt es die Vorstellung, dass man Gott essen könne, aber nicht unter allen. Viel aber nicht alle kennen den Gedanken an einen Gott, der zu den Menschen herabgekommen ist. Viele aber nicht alle kennen eine natürliche Scheu vor dem Vezehr der ersten Früchte (Erstlingsgabe im AT), viele aber nicht alle glauben, dass im Blut eines Lebewesens sein Leben liegt und viele (sehr viele) haben eine große Scheu vor Frauen in den Wochen nach ihrer Niederkunft. Viele aber nicht alle kennen die Vorstellung von einem Sohn Gottes. Manchmal findet man Abweichungen, die sich leicht als späte Umformung deuten lassen (wie im Buddhismus oder im Sonnenkult Echnatons), aber nirgendwo findet man eine Religion, die alle diese Elemente in einem Bild vereinigt – außer dem Christentum.
Es ist so, als hätte jemand das Christentum genommen und zur Erde geworfen, die jetzt über und über mit Scherben und Bruchstücken übersäht ist. Und in keiner Religion, die mir je begegnet ist, findet man so viele dieser Stücke wieder, wie im Christentum.
Der Atheist, der nur einmal den großen Zeh in die Religionsgeschichte getaucht hat, wird im Christentum also Menschliches finden. Je weiter er sich dann mit den Religionen beschäftigt, desto schwerer wird er sie von sich abschütteln können.

Aus diesem Grund bietet die Beschäftigung mit anderen Religionen dem Christen ein großes Vergnügen. Und er wird sich keine Sorgen machen müssen, ob das Evangelium in anderen Kulturen verstanden werden kann. Denn die Botschaft, dass Gott seinen Sohn als Mensch zur Erde gesandt hat, dass er ihn durch die Hand der Menschen sterben ließ, um uns unsere Vergehungen zu vergeben, wird zu allen Zeiten unter allen Kulturen mehr oder weniger unmittelbar verstanden!

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