Was verstehen die „Grünen“ unter „Minderheitenschutz“?

Nach einem Bericht von idea hat der Erste Parlamentarische Geschäftsführer, Volker Beck, sich in einem Brief an die Kuratoriumsmitglieder des Christivals, das unter der Schirmherrschaft von Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) steht, gewandt, weil der Christival-Vorsitzende Roland Werner (Marburg) Bücher geschrieben und Vorträge gehalten habe, die eine „Homosexuellenheilung“ zum Thema hätten, so Beck. Sie seien gesellschaftspolitisch „Teil einer minderheitenfeindlichen und antihomosexuellen Debatte“.

Hat da jemand was von einer Debatte gesagt? Also Debatten sind m.W. diese Dinger, wo zwei Seiten mit Argumenten ihre Ansichten verteidigen. Nur sehe ich im öffentlichen Leben nur eine Ansicht, und die kommt – eben deshalb – ganz ohne Argumente aus. Deshalb können „Mediziner und Ärzte“ vor den Folgen einer Homosexuellenheilung warnen, ohne dass jemand mal blöd nach den Untersuchungen fragt, aus denen das hervorgehen soll.

Dass bei Christen eine antihomosexuelle Haltung vorliegt, will ich mal schwer hoffen, da die Homosexualität zu den schwersten Sünden in der Bibel zählt. Aber was genau soll daran „minderheitenfeindlich“ sein? Erstens sind m.W. 1- 3 % der Gesamtbevölkerung schwul oder lesbisch, während die Evangelikalen wohl kaum auf 1 % kommen (wenn man mal die Gottesdienstbesucher einer Stadt in evangelikalen Gemeinden zusammenzählt). Zweitens ist es ja wohl kaum minderheitenfeindlich, wenn man sagt, jemand könne seine Gruppe verlassen und solle das auch tun. Genau dazu fordern Atheisten doch sogar in Bestsellerbüchern die Christen auf, ohne dass Herr Beck oder sonst jemand der Grünen damit ein Problem hätte. Wieso auch, es fällt unter die Meinungsfreiheit. Und solange Christen nicht zu Gewalt gegenüber Homosexuellen aufrufen, können sie sagen, was sie wollen.

Man kann diesen Fauxpas von Volker Beck als peinliche Entgleisung abtun, aber es geht um mehr: Mit dem „Minderheitenschutz“ haben die Grünen eine potente Ethik entwickelt, die es ihnen erlaubt, einerseits den Anschein als Hüterin der bürgerlichen Freiheiten zu wahren und gleichzeitig ihre eigene Ethik mit aller Gewalt durchzusetzen. Denn der Brief von Herrn Beck stellte das Christival mit der als verfassungsfeindlich eingestuften Organisation „Scintology“ auf eine Stufe. Eine schärfere Waffe eines Politikers gibt es nicht. Die Grünen haben sich von diesem Brief bis heute nicht distanziert.
Und wenn man den Anlass betrachtet, ein Seminar über die Möglichkeiten, von seinen homosexuellen Empfindungen loszukommen, dann ist klar: vor den ethischen Ansprüchen der Grünen schmelzen bürgerlichen Rechte wie Wachs im Feuer.

Die Grünen müssen akzeptieren, dass es nicht nur Minderheiten gibt, sondern dass sich viele dieser Minderheiten auch nicht grün sind. Das betrifft nicht nur Evangelikale und Homesexuellen-Verbände, sondern auch div. Ethnien und konkurrierende Weltanschauungen. Man kann diese Meinungsverschiedenheiten ärgerlich finden, man kann Stellung beziehen oder sie an offener Gewalt hindern, aber man kann sich nicht unter dem Mantel des Minderheitenschutzes auf eine Seite stellen und die andere Seite aus offenen Rohren beschießen. Dann wird nämlich aus dem vermeintlichen Schutz der Minderheiten ein Kampf, der nicht mehr unter Rückgriff auf Grundrechte sondern nur unter Verweis auf die eigene Ethik geführt werden kann. Hätte Herr Beck dies beherzigt, wäre statt eines kleinen Krieges tatsächlich eine Debatte entstanden, die in meinen Augen übrigens dringend überfällig ist.

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