Todesursache: Christliche Therapie?

Durch zahlreiche Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Religiosität und psychischer Gesundheit hat sich bestätigt, was Christen auch so empfinden: der Glaube an das ewige Leben und das Wissen, Frieden mit Gott zu haben, helfen im Umgang mit Schwierigkeiten im Leben.
Grundsätzlich können sich christliche Therapeuten dadurch bestätigt und ermutigt fühlen, den Glauben eines Patienten aktiv in die Therapie mit einzubeziehen. Trotzdem gibt es eine christliche Form der Therapie, die im Verdacht steht, schädlich zu sein: die Konversionstherapie Homosexueller, also eine Therapie, deren Ziel darin besteht, die homosexuellen Wünsche loszuwerden. Sie verschlechtere den Zustand der meisten Homosexuellen und führe zu schweren Depressionen bis hin zum Suizid. Grund genug also für die Frage „Wie gefährlich ist eine Konversionstherapie?“.

Einen kleinen Überblick über den Forschungsstand bietet die Seite von Wagner und Rossel. Hier stehen im Wesentlichen die Studie von Spitzer (2003) den Studien von Shidlo und Schroeder (2002) und Beckstead und Morrow (2004) gegenüber. Weil der Text eine Zumutung für die Augen ist, gebe ich die Eckdaten zu den Studien noch einmal wieder:
In der Studie von Spitzer wurden strukturierte Telefoninterviews mit 274 Personen durchgeführt, die sich einer Konversionstherapie unterzogen hatten. Nach der Therapie berichtetn keine Frau und ein Prozent der Männer, anschließend gleichgeschlechtliche Kontakte gehabt zu haben. Auf einer Skala von 0 bis 100 konnten die Befragten angeben, wie groß ihre Neigung zum anderen und zum gleichen Geschlecht war, wobei 0 für das rein heterosexuelle und 100 für das rein homosexuelle Empfinden steht. 53% der Männer und 23% der Frauen erreichten einen Wert von über 20 und entsprechend 47% der Männer und 77% der Frauen einen Wert unter 20. Oder anders gesagt: bei knapp der Hälfte der Männer und über dreiviertel der Frauen entsprach das Ergebnis den Erwartungen einer Konversion.
Vor der Therapie schätzten sich 43% der Männer und 47% der Frauen als „markedly or extremly depressed“. Nach der Therapie lagen die Werte bei 1% und 4%.
Wagner und Rossel weisen an dieser Stelle natürlich darauf hin, dass es in der Studie keine Kontrollgruppe gegeben hätte und auch sonst diverse Standards an Befragungen nicht eingehalten worden seien (keine Messergebnisse über einen längeren Zeitraum sondern nur retrospektive Selbsteinschätzung, selektive Auswahl der Probanden…etc.). Wobei sie ehrlicherweise hätten darauf hinweisen müssen, dass die gleichen Fehler auch bei den anderen beiden Studien vorzuliegen scheinen. Denn hier ist die Stichprobe mit „50 Mormonen“ nicht nur erheblich kleiner, sie ist offensichtlich selektiv (Mormonen zählen nicht zu den christlichen Kirchen sondern haben eine völlig eigene Heilslehre entwickelt!) und es wird ebenfallskeine Kontrollgruppe angegeben. Und auch hier bezieht sich der Text auf das Ergebnis einer Telefonbefragung. Die Ergebnisse bei Shidlo und Schroeder und bei Beckstead und Morrow sind allerdings ungleich schlechter:
Sie stellten „massive negative und schädliche Effekte“ bei den Teilnehmern von Konversionstherapien fest. Bei einem „großen Prozentsatz“ (5%, 10%, 20%, 90%?) ergab sich eine „Verstärkung der psychischen Problematik von Depression, Ängsten und Selbsthass bis hin zur Suizidalität. Bei 18% der Befragten traten Suizidversuche und „Nervenzusammenbrüche“ auf.“

Dieses Ergebnis klingt dramatisch, es ist aber bei näherem Hinsehen praktisch wertlos:
Erstens kann ein „großer Prozentsatz“ alles bedeuten, denn auch 1% Suizide ist ein hoher Prozentsatz.
Zweitens ist unter diesen Prozentsatz alles mögliche zusammengefasst, also neben den Suiziden auch Ängste und „Selbsthass“. Die moralische Ablehnung der Homosexualität – die man bei Homosexuellen, die sich einer Therapie unterstellen, ja fast erwartet – schlägt in diesen Studien ebenfalls auf der Seite mit den „negativen Konsequenzen“ zu Buche. Wieso hat man die interessanteste Frage nach der Anzahl der Suizide nicht beantwortet sondern sie mit den nebulösen „Nervenzusammenbrüchen“ zusammengefasst (heißt „Nervenzusammenbruch“, der Patient hat geweint, ist er in Ohnmacht gefallen…der Begriff ist nicht eindeutig bestimmt, verwässert das Ergebnis aber erfolgreich). 18% Suizide wäre viel, 18% weinende Patienten wären wenig.
Drittens darf man nicht den Vergleich einerseits mit anderen Homosexuellen und anderen psychisch Kranken vergessen: Nach einer Studie von Plöderl (2005) könnte in Deutschland nach Hochrechnungen jeder zweite Suizidversuch von Homo- und Bisexuellen verübt werden. Vor diesem Hintergrund nimmt sich die Tatsache, dass es eine nicht genannte Anzahl von Suizidversuchen bei Teilnehmern einer Konversionstherapie gibt, interpretationsbedürftig aus. Denn es ist durchaus möglich, dass nach einer Konversionstherapie weniger Selbstmordversuche verübt werden als es sonst unter Homosexuellen üblich ist! In diesem Fall könnte man mit den gleichen Argumenten also von einer groben Fahrlässigkeit sprechen, Homosexuellen keine Therapieangebote zur Veränderung ihrer sexuellen Neigungen anzubieten.
Davon abgesehen gehören Selbstmorde und Verzweiflung auch bei anderen Therapien immer wieder dazu, gerade bei solchen, wo die Behandlung (noch) wenig Erfolge zeigt (Depression bei älteren Menschen ist eine ziemlich zähe Sache, ebenso Alkoholismus, Borderline-Persönlichkeiten etc…). Und es kann durchaus sein, dass der Auslöser für die Verzweiflung immer wieder auch die durch eine Therapie geweckte Erwartung/Hoffnung ist, die sich nicht erfüllte. Das nimmt man als Treiberstachel der Wissenschaft hin und arbeitet an besseren Therapien, ohne dass eine Partei hier Handlungsbedarf sähe.
Viertens wäre der Suizid, wenn er denn auf dem christlichen Schuldkonzept beruht, eine sehr untypische Reaktion. Wenn jemand aufgrund seines christlichen Glaubens eine Sünde bei sich erkennt, dann glaubt er auch an das stellvertretende Sühneopfer Christi. Sonst könnte man nicht von der Wirkung des Christentums sprechen sondern bestenfalls von der Wirkung eines nicht oder nicht korrekt vermittelten Evangeliums! Wer seine Sünden nicht vergeben bekommen will, der verhärtet sich nach meiner Erfahrung hinterher eher – tatsächlich kommt diese Gruppe ebenfalls in der Studie von Spitzer vor: Homosexuelle, die sich gerade aufgrund der Konversionstherapie mit ihrer Homosexualität abgefunden haben. Der Fall, dass jemand aufgrund seines christlichen Glaubens immer stärker unter seiner Sünde leidet und dann Selbstmord verübt, kann man schwerlich dem christlichen Glauben in die Schuhe schieben. Wohl aber ein verstärktes Leiden an der eigenen Sünde und der Sehnsucht nach Vergebung. Ich will nicht ausschließen, dass sich für einen außenstehenden Beobachter echte Buße nicht von einer weltlichen und hoffnungslosen Verzweiflung unterscheiden lässt. Aber Sündenerkenntnis fühlt sich eher wie ein aufgeplatztes Eitergeschwür an, das schon den Keim der neuen Hoffnung in sich enthält. Das ist nicht der Stoff, aus dem die Suizide gestrickt sind 😉

Fazit: Ich habe also immer wieder die stereotype Warnung vor Konversionstherapien im Internet gefunden, aber nicht ein einziges plausibles Ergebnis, dass diese Warnung rechtfertigen würde. Allerdings kann man mit Sicherheit die grundsätzliche Veränderbarkeit von homosexuellen Empfindungen durch Studien belegen. Dieses Ergebnis ist unabhängig von jeder Kosten-Nutzen-Analyse und auch unabhängig von der tatsächlichen Anzahl an Patienten, die ihre Sexualität erfolgreich verändert haben. Homosexuelle haben sich ihre sexuelle Identität vermutlich nicht ausgesucht, aber sie sind ihr offensichtlich nicht ausgeliefert.

Die ethische Frage bleibt von den therapeutischen Überlegungen also unberührt. So wie auch manche Atheisten darauf hinweisen, dass das Christentum noch lange nicht wahr ist, nur weil sich seine Anhänger damit „gut fühlen“, so spricht der Grad der Verzweiflung eines Homosexuellen weder für noch gegen sein Verhalten. Hierfür ist allein das Wort Gottes ausschlaggebend.

4 Gedanken zu „Todesursache: Christliche Therapie?“

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