Wenn Christen für die Rettung der Juden beten

Der Vatikan hat mit seiner Entscheidung, eine alte Karfreitagsfürbitte wiedereinzuführen, für den zu erwartenden Aufruhr gesorgt: „Lasst uns auch beten für die Juden, auf dass Gott unser Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Retter aller Menschen erkennen.“

Die Reaktionen waren schroff, berechenbar und müssen hier nicht im Einzelnen aufgelistet werden.
Die Homepage der „Tagesschau“ bietet noch eine Erläuterung, in der die Aussage des Papstes in eine lange Reihe von antisemitischen Stereotypen gestellt wird.

Nun versteht man unter „Antisemitismus“ die grundsätzliche Ablehnung der Juden oder des Judentums. Also es wäre kein Antisemitismus, wenn man jemanden wegen seines Verhaltens im Straßenverkehr kritisiert, der zufällig Jude ist, aber durchaus, wenn man jemandem ein Klischee wie „Wucherer“ zuschreibt, nur weil er Jude ist.

Die Frage ist nun: war die Aussage des Papstes antisemitisch? Hat er mit seiner Bitte um Erleuchtung der Juden seine Ablehnung der Juden zum Ausdruck gebracht? Ich kenne natürlich die Gedanken des Papstes und derjenigen nicht, die für diese Entscheidung verantwortlich waren, aber die Bitte ist aus mehreren Gründen schwerlich als antisemitisch einzustufen:

1. Dass Juden nicht an Jesus als den Messias glauben und Christen sehr wohl, ist kein Klischee sondern eine schlichte Tatsache. Auch in Deutschland werden Juden damit leben müssen, ob es ihnen gefällt oder nicht.
2. In dieser Bitte kommt keine Besonderheit – auch keine vermeintliche – der Juden zum Ausdruck, sondern sie könnte so in dieser Form für alle Menschen gelten. Alle Menschen brauchen Jesus, die Juden sind Menschen und daher brauchen Juden Jesus. An dieser Stelle muss man sich allerdings fragen, weshalb der Vatikan dann die Bitte speziell an die Juden adressiert hat. Ich hoffe, dass er dafür gute Gründe hatte (besodere Nähe der Christen zum Judentum?), aber Geschickt war es mit Sicherheit nicht.
3. In der Bitte kommt keine Feindschaft oder Ablehnung zum Ausdruck, sonst müsste man jedem Missionar unterstellen, dass er die Menschen, für die er seine Existenz aufs Spiel setzt, als Feinde betrachtet oder zumindest ablehnt. Und selbst erklärte Gegner von Missionsarbeit werden sich zu so einer Aussage wohl kaum versteigen.
Man kann eher sagen, dass jeder, der für die Juden betet, gerade keine feindseligen Gedanken gegen sie haben kann. Es waren doch nicht die Leute, die glaubten, den Juden etwas Gutes – nämlich das Evangelium von Jesus Christus – geben zu können, welche dann zu Gewalt gegen Juden aufgerufen haben, sondern vielmehr diejenigen, die befürchteten, durch Juden etwas zu verlieren und sie zu einer Bedrohung stilisierten.
4. Und überhaupt müsste man jedem Antisemitismus vorwerfen, der seine eigene Weltanschauung dem Judentum vorzieht. Und wer würde in Deutschland ernsthaft von Antisemitismus reden, wenn ein „bright“ (also unsere erleuchteten Freunde) das Judentum als Religion ablehnt?

Unabhängig davon muss man sich auf fragen, wie erfolgreich die Bemühungen sein können, „Antisemitismus“ zu bekämpfen, denn der Begriff ist historisch geprägt und kann auch nur für historische Vorwürfe verwendet werden. Aber was nützt es einem Juden, wenn der Papst nicht für ihn beten darf, er aber Deutschland als Verbündeten derjenigen erlebt, die Israel das Existenzrecht absprechen, nur weil dieses Verhalten zufällig nicht als „antisemitisch“ eingestuft wird?

Der Vorwurf des Antisemitismus ist in diesem Fall also nicht nur ein Kampf gegen Tatsachen, sondern auch ausgesprochen bigott.

Ein Gedanke zu „Wenn Christen für die Rettung der Juden beten“

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