Mission und Kultur

Mission und Kolonialisierung gingen lange Zeit, viel zu lange, Hand in Hand. Um so erfreulicher ist es zu sehen, wie Mission neben ihrem eigentlichen Anliegen, den Menschen zuzurufen, dass sie in Frieden mit Gott leben können, auch eine ganz menschliche dienende Funktion hat. In dem Spektrum Heft „Die Evolution der Sprachen“ schreibt der Autor des letzten Beitrags über das Massenaussterben von Sprachen und den damit einhergehenden Kulturverlust für schätzungsweise 70 bis 90% (!) aller Sprachen und zu ihnen gehörenden Kulturen. Wer eine Sprache erhalten wolle, müsse die Sprachpraxis erhalten, nicht nur die Kenntnis einer Sprache. Und hierzu schlägt er vor:
„Eine Maßnahme, die Sprachpraxis aufrechtzuerhalten, besteht darin, die Bibel zu übersetzen und zu drucken.“
Auch von Ethnologen, die Missionare von Haus aus nicht leiden können (aber immer gerne ihre Flugzeuge benutzen…), weil sie ihr lebendes Museum zerstören, geben zu, dass es für viele Menschen ein sehr erhebendes Gefühl ist, zum ersten Mal die eigene Sprache in gedruckter Form vor sich zu sehen. Man muss dazu sagen, dass viele Neuübersetzungen der Bibel vor dem Problem stehen, dass sie mit schriftlosen Sprachen zu tun haben. Sie müssen also zunächst ein Alphabet entwickeln und schaffen so die notwendige Voraussetzung, die Sprache überhaupt zu lehren und das sprachliche Wissen zu transportieren. Aber der größte Nutzen besteht für die Angehörigen der Sprache selbst, die es als eine große Wertschätzung erleben, ein Buch in ihrer Sprache zu lesen.

Aber ist das nicht nur ein Nebeneffekt, der weder eigentlich beabsichtigt ist, noch die tatsächliche und gewollte Änderung der jeweiligen Kultur aufwiegen kann?
Ja, es ist ein Nebeneffekt, denn das Hauptanliegen der Mission ist tatsächlich die Verkündigung des Evangeliums, wobei die gleiche Liebe, die Menschen zu dieser Verkündigung auf die Straße treibt, den Menschen auch körperlich helfen möchte, wenn sie den Bedarf sieht. Wer die Krankenhäuser der Missionstationen zählt, wird schnell merken, dass Christen hier bei weitem nicht das billigste Mittel gewählt haben, um einfach möglichst viele Menschen zu überzeugen.
Was den zweiten Punkt angeht: die jeweiligen Kulturen werden sich durch die Aufnahme des Christentums ändern, weil Kultur und Religion zusammen hängen. Die Menschen werden zwar nicht ihre Jagd- und Anbautechniken verändern, sie werden vermutlich ihre Ernährung beibehalten und ihre Familien- und Dorfstruktur, aber sie werden natürlich nicht mehr Amulette herstellen, die sie vor den Angriffen böser Geister schützen sollen und sie werden ihrem Dorf-Schamanen auch nicht mehr glauben, dass ihr ausbleibender Jagderfolg nur mit (bezahlten) Tipps zur rituellen Reinigung vermieden werden kann. Teilweise gibt es das übrigens auch in der Entwicklungshilfe, wobei man dann von „Aufklärung“ spricht, was für die Veränderung der Kultur aber keinen Unterschied macht. Einen größeren Unterschied macht es aber durchaus, wenn mit dem Hunger auch gleich noch das Patriarchat abschaffen und die Abtreibung einführen möchte. Hier noch ein Link zu der deutschen Reaktion.
Wer also der Mission vorwirft, Kulturen zu zerstören, weiß vermutlich weder etwas über Mission, noch über „Entwicklungshilfe“.

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