Was verlieren wir durch staatlichen Ethikunterricht?

Der herkömmliche Religionsunterricht erscheint vielen als veraltet, weil er als christlicher Unterricht verstanden wird. Diese Konzeption sei nicht mehr mit der religiösen Wirklichkeit in Deutschland vereinbar und daher durch einen religionsneutralen Unterricht zu ersetzen. Das klingt zunächst plausibel, es offenbart aber einen fatalen Irrtum: es geht bei der Frage um den Religionsunterricht oder um Fächer wie „LER“ (Lebensgestaltung-Ethik-Religion) nicht um die Frage „Christentum oder Vielfalt“ sondern um die Frage, ob der Staat oder die jeweiligen Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften Ethik und Weltbild vermitteln sollen!
Der Religionsunterricht ist nur deswegen ein überwiegend christliches Fach, weil nach wie vor die Kirchen die Religionsgemeinschaften mit der höchsten Mitgliederzahl sind. Anspruch hat aber jede Religionsgemeinschaft auf ihn. Das Besondere des Religionsunterrichtes nach dem GG ist das wohl austarierte Zusammenspiel zwischen Staat und Religionsgemeinschaft: einerseits behält sich der Staat die Aufsicht über den RU vor und damit auch das Recht, Unterricht zu verbieten, der beispielsweise gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung gerichtet ist. Andererseits ist das Fach freiwillig und wird inhaltlich von den Religionsgemeinschaften gestaltet. Es dient also dazu, einerseits zu sichern, dass alle Kinder in ihrer Religion einen regelmäßigen Unterricht erhalten, aber der Staat selbst keine Partei für eine bestimmte Religion ergreift und sich also aus religiösen Dingen heraushält.
Einen guten Überblick über die Konzeption des RU nach dem GG gibt es auf Wikipedia.

Mit der Einführung des Faches LER haben einzelne Landesregierungen diese Institution der gegenseitigen Machtbegrenzung faktisch abgeschaft, in dem sie zwar das Fach RU noch weiter zulassen, aber eine vom Staat verfasste Ethik vermitteln. Das Fach sei „bekenntnisneutral aber nicht werteneutral“ Für den Schüler bedeutet die Kompetenzenübernahme des Staates, dass er dieses Fach nicht mehr abwählen darf, ob er die Ethik des Staates nun teilt oder nicht.

Dies wirft diverse Schwierigkeiten auf:

1. Durch die staatliche Wertevermittlung wird der Schüler in seinem Recht gehindert, dass es ihm nach dem GG erlaubt, nicht zu einer religiösen Praxis gezwungen zu werden. Das Bundesverfassungsgericht hat sich mit der Frage beschäftigt, ob die Eltern in ihrem Recht beschnitten werden, ihr Kind nach ihrer religiösen Auffassung zu erziehen, und ob die negative Religionsfreiheit des Schülers verletzt wird, also das Recht nicht zur Teilnahme an einer religiösen Lehre oder Praxis gezwungen zu werden. Das BVG sah keinen Grund, die Religionsneutralität des Ethikunterrichtes zu bezweifeln, was erstaunlich ist, weil das Urteil des BVG ausdrücklich die „Aufklärung“ und den „Humanismus“ als geistige Ideengeber des Unterrichtes nennt. Wieso sollen das keine Weltanschauungen sein? Man kann kaum glauben, dass die Richter das ernst meinten.
Die Schüler des staatlichen Ethikunterrichtes werden selbstverständlich gezwungen, an einem weltanschaulichen Unterricht teilzunehmen und dadurch in ihrem Grundrecht auf negative Religionsfreiheit beschnitten.

2. Der Staat verletzt die Trennung von Staat und Kirche. Denn auch wenn nur von „Wertevermittlung“ die Rede ist, sollen diese Werte doch begründet und diskutiert werden. Mit den Werten wird daher selbstverständlich auch ihre zugrundeliegende Weltanschauung vermittelt. Und das übersteigt nicht nur die Aufgaben des Staates sondern unterdrückt auch alle, die eine andere Weltanschauung vertreten. M.W wird nirgendwo ausgeschlossen, dass Schüler, welche die Staats-Ethik nicht teilen, dafür schlechte Noten erhalten können.

3. Durch die „Bekenntnisfreiheit“ wird das tatsächliche Bekenntnis als unhinterfragbar dar- und allen anderen Bekenntnissen vorangestellt. Den Schülern wird so suggeriert, das jede Abweichung von einer als „vernünftig“ vorgestellten Ethik als unvernünftig und im schlimmsten Fall krank oder gefährlich zu betrachten sei.

4. Eine Ethik, die nicht in ein Weltbild integriert ist, wird nicht viel Wirkung zeigen. Wieso sollte jemand dem im Unterricht schlau entwickelten Verbot, nicht im Halteverbot zu parken, folgen, wenn es für ihn günstig erscheint? Die meisten Gebote werden doch nicht übertreten, weil das Wissen um ihren Sinn fehlt, sondern, weil der Nutzen für den Einzelnen steigt, wenn nur er sich nicht an die Regeln hält (das Problem ist in der Philosophie als „Trittbrettfahrer-Problem“ bekannt und bisher ungelöst).

5. Ethik wird unglaubwürdig, weil sie ein Spielball der Politik wird. Wenn es eine schwarze Landesregierung gibt, wird vielleicht das Recht auf Eigentum höher und das Recht auf freien Sex niedriger aufgehängt, während eine rot-grüne Landesregierung vermutlich das Recht der Homosexuellen stärken möchte und den Ausstieg aus der Atomenergie für die einzig vernünftige ethische Position hält. Schüler, zumindest die älteren unter ihnen, durchschauen solche Zusammenhänge und werden „Werte“ für eine bloße Verlängerung der herrschenden Parteien halten – was sie dann ja auch sind.

Die Entscheidung für die staatliche Ethikvermittlung auf atheistischer Basis wurde übrigens immer mit den Stimmen der rot-grünen Parteien gefällt.

Eine Alternative wäre eine Anpassung des RUs an die tatsächlichen Gegebenheiten. Man könnte grundsätzlich überlegen, RU nachmittags anzubieten und bei kleineren Religionsgemeinschaften entweder Schüler in Stufen zusammen zu fassen und gegebenenfalls auch alle Schüler einer Schule. Bei sehr kleinen Religionen könnten mehrere Schulen zusammenarbeiten und den jeweiligen RU für die ganze Stadt anbieten. Notengebung bei sehr großer Altersspanne sind zwar schwieriger aber natürlich möglich. Auf diese Weise wäre das Recht auf die religiöse Erziehung wieder letztlich bei den Eltern und in zweiter Instanz bei den Religionsgemeinschaften, während der staatliche Unterricht sich darauf beschränkt, seine Verfassung im Geschichtsunterricht zu rechtfertigen aber sich aus religiösen und ethischen Fragen des Alltags heraushält.

2 Gedanken zu „Was verlieren wir durch staatlichen Ethikunterricht?“

  1. Was soll das alles? Wozu diese Geldverschwendung?
    Allein die Abschaffung des Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen würde doch bereits eine Ersparnis von 2,5 Milliarden Euro jährlich bringen! Sogar weitere 14 Milliarden Euro könnten jährlich durch Streichung sämtlicher Subventionen der Kirchen durch den Staat eingespart werden.
    Weitere 620 Millionen Euro jährlich durch Wegfall des Unterhalts theologischer Fakultäten mit diversen Lehrstühlen.
    Und es ist doch durch nichts einzusehen, daß Erzbischöfe und Kardinäle bis zu 11.000 Euro monatlich vom Staat (also nicht etwa von deren Kirche!) erhalten, während gleichzeitig viele Millionen Arbeitslose an HartzIV verrecken!
    Und Religionsunterricht an den Schulen ist doch sowieso eine Diskriminierung! Denn wenn christliche Schüler christlichen Religionsunterricht und atheistische Schüler stattdessen Ethikunterricht erhalten, dann müßten doch nicht nur jüdische und muslimische Schüler Religionsunterricht in ihrer Konfession erhalten, sondern auch buddhistische, hinduistische, schintoistische Schüler, etc.! Und neopaganistische Schüler müßten dann doch auch neuheidnischen Unterricht erhalten! Schüler aus Scientology-Familien scientologischen Unterricht! Und die Kinder praktizierender Satanisten müßten doch dann satanistischen Unterricht erhalten!
    Was würden wohl die Verfechter des christlichen von solch einer Forderung halten?

  2. Also ich erspare uns jetzt die Überlegungen, was man alles streichen könnte, damit man noch mehr Religionsunterricht anbieten könnte… 🙂

    Was ich von dem aufgesplitteten Religionsunterricht halte, habe ich doch deutlich geschrieben: er erscheint mir nur konsequent und auf jeden Fall erstrebenswerter als die Abschaffung bei gleichzeitigem atheistischen Pflichtunterricht für alle!

    Man müsste sich nur darauf festlegen, was eine Religion und was eine Religionsgemeinschaft ist. Auf diese Weise könnte man eine gewisse Qualitätssicherung erreichen, bei der faktisch aber weltanschaulich/religiöse Vorstellungen umgesetzt würden.
    Gleichzeitig müsste klargestellt werden, dass niemand zur Teilnahme am atheistischen Ethik-Unterricht verpflichtet werden darf. Ihnen könnte ein analoges Fach zugebilligt werden, für das sie allerdings keine verfassungsmäßige Garantie besitzen. In dieser Zeit können sie sich dann gerne mit Ethik beschäftigen.
    Wenn die Definition von Religion und Religionsgemeinschaft nicht möglich ist, wird die Religionsfreiheit selbst zum Papiertiger. Denn wie sollte man schützen, was man noch nicht einmal definieren kann?

    Gruß
    Moorwackler

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