Das Vermögen des verlorenen Sohnes

Das Gleichnis „Vom verlorenen Sohn“ (Lukas 15, 11-32) dürfte einer der bekanntesten Texte des Neuen Testamentes sein. Ich möchte hier nur auf einen Aspekt eingehen, der auch eine politische Bedeutung enthält: das Vermögen des verlorenen Sohnes. Die Geschichte kennt nicht nur die Phase, in der es dem Sohn gut ging, solange er bei seinem Vater war, und die Phase, wo es ihm in der Fremde schlecht geht, sondern sie enthält eine Phase, in der es ihm getrennt von seinem Vater sogar gut ging – und zwar unglaublich gut. Nachdem er sich sein ganzes Erbe vorzeitig auszahlen ließ und davon zog, „weg in ein fernes Land“, vergeudete er sein Vermögen, „indem er verschwenderisch lebte“. Das ist nichts, was Jesus noch umständlich ausführen müsste, weil jeder weiß, wie ein verschwenderischer Lebensstil der Reichen aussieht. Der Sohn zählte eine Zeit lang zu den reichen im Lande. Er musste nicht arbeiten, konnte großzügig sein und sich so eine angenehme und lustige Gesellschaft sichern. Er lästerte über die erniedrigende Arbeit bei seinem Vater und die vielen Regeln, die auf einem Hof einzuhalten waren. Und seine Freund hörten seine lästerlichen Reden sicher gerne und genossen seinen lockeren Umgang mit Geld. Er war für viele ein Vorbild und lockte sicher auch ärmere an, die glaubten, bei ihm neben dem Geld auch den gleichen verschwenderischen Lebensstil annehmen zu können. Er war bekannter als zuvor, genoss größeres Ansehen bei den Menschen und vor allem hatte er mehr Sex (V.30).

Aber egal wie verlockend man sich diese Phase ausmalt, sie behält für den Leser immer einen drohenden Unterton, denn jeder Mensch, der auch nur halbwegs bei Sinnen ist, weiß, dass dieser Lebensstil ein Leben aus der Reserve ist – ohne die Hoffnung, diese wieder auffüllen zu können. Und das Gleichnis nimmt dann seinen vorhersehbaren Verlauf. Und es endet – für alle, die es doch nicht kennen – sehr unvorhersehbar.

Mit dieser Phase des verschwenderischen Wohlstandes hat Jesus den Zustand eines Menschen gekennzeichnet, der sich vom Glauben lossagt und „weit weg“ von seinem himmlischen Vater leben will. Diesem Menschen wird es nicht nur eine ganze Weile gut gehen, sondern es wird ihm vielleicht eine Weile besser gehen als denen, die nicht fortgelaufen sind. Und es geht ihm auch besser als den meisten, die nie Christen waren, denn er kann den Reichtum seines Vaters mit vollen Händen verprassen. Ich habe mich gefragt: Stimmt das denn? Kann man das über Ex-Christen sagen? Womit „prassen“ sie denn?
Die Frage ist nicht von der Hand zu weisen, denn das Gleichnis hätte auch ohne diesen Reichtum funktioniert: der Sohn hätte sich doch auch ohne das Geld seines Vaters absetzen und in Armut geraten können. Was mag Jesus mit dem Geld gemeint haben?

Als Erstes musste ich an den tatsächlichen Reichtum in christlichen Kulturen denken. Durch die christliche Arbeitsmoral und das Verhältnis zur Welt, sind christliche Kulturen durchgehend reicher als nicht-christliche. Und selbst in Ländern, die sich vom Christentum abwenden, wird der Reichtum vermutlich noch ein paar Jahrzehnte vorhalten, bis er endgültig verprasst, verteilt und vernichtet ist. Ein weiteres Gut ist die Prägung eines Volkes: auch ein Mensch, der sich als Atheist betrachtet, wird nicht gleich sein von seine christliche Prägung abschütteln sondern weiter arbeiten und zu einem großen Teil auch die gleichen Werte übernehmen, die er von seiner christlichen Umgebung gelernt hat – natürlich nicht, ohne sie anders zu begründen.
Wie lange so ein Abbau dauert, kann wohl niemand vorhersagen. Aber eins ist sicher: wenn die Grundlagen des Reichtums versiegt oder verstopft sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis der Reichtum erschöpft ist. Es wäre daher töricht, Länder danach zu beurteilen, unter welchen Umständen sie ihren Reichtum leben, man muss vielmehr danach fragen, unter welchen Umständen sie reich geworden sind.

Die Beispiele bezogen sich bisher allerdings nur auf Gesellschaften und beschrieben Entwicklungen, die nicht immer auf das Schicksal eines Individuums übertragen werden können. Es gibt genug Menschen, die nach ihrer Abkehr vom Christentum weder mehr noch weniger Geld haben, die ihr Leben mehr oder weniger unverändert lassen oder sich nach ihrer Abkehr von Gott in die Gosse stürzten.
Es gibt aber noch eine dritte Deutung für den Reichtum des verlorenen Sohnes, der sich auch sicher auf den einzelnen Menschen übertragen lässt, der sich vom Christentum entfernt, und das ist der geistliche Reichtum. Jeder Christ, auch wenn er nicht gerade in einer Hoch-Phase seines Glaubens steckt, weiß um die Hoffnung auf das ewige Leben und den unglaublichen Reichtum, der in dem Wissen verborgen liegt, das David in Psalm 16,5 beschreibt, wenn er singt: „Der Herr ist mein Gut und mein Teil“. Denn wie sollte Gott uns nicht auch alles von seinen Gütern geben, die ihm gehören, für den die Erde nur der Fußschemel seiner Füße ist?
Jemand, der vor Gott flieht und diese Hoffnung geschmeckt hat, wird dies wohl oft in der Hoffnung tun, dadurch sein Leben einfach von verschiedenen Pflichten und Lasten zu befreien, aber er will den Reichtum seines Vaters mitnehmen. Und dann muss er erleben, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis bei ihm die Erkenntnis durchsickert, dass nichts davon bleibt, weil er es mit beiden Händen vergeudet hat.
Aber selbst dann kann er sich noch an seinem nach-christlichen Umfeld mitziehen lassen, und sich und andere glauben machen, dass er keine Angst vor dem Tod habe und natürlich keine Angst vor Gott haben müsse.
Doch auch wenn der geistliche Reichtum einer ganzen Gesellschaft langsamer abgebaut wird als im Leben des Einzelnen, wird er auch hier und vielleicht sogar um so gründlicher abgebaut. Zur Zeit leben wir noch in einer Phase, in der die Menschen mit nicht-christlichen Überzeugungen und heidnischen Religionen eher spielen. D.h. sie übernehmen bestimmte Kulte in dem Wissen, jederzeit wieder in ihr altes bürgerliches, nach-christliches Leben zurückkehren zu können. Noch deutlicher ist die offensichtliche Übereinstimmung dieser vermeintlich alten Kulte mit der modernen political correctness, die sie eher wie am Reißbrett entworfen erscheinen lässt. Eine wirkliche Religion werden sie erst dann, wenn ihre Anhänger nicht mehr das Gefühl haben, sich einen Glauben nach ihren Vorstellungen zu entwerfen, sondern zu dem Gefühl, dem woran sie glauben, unterworfen zu sein auf die Überzeugung kommt.
Sie kaufen Bücher, in denen christliche Werte systematisch verworfen werden, ohne diese doch selbst wirklich konsequent zu verwerfen – das wäre ein zu starker Schlag gegen ihre Prägung. Aber es wird wohl die Zeit kommen, in der die Phase des Vergeudens vorbei ist. Und viele Neu-Heiden werden dann zum ersten Mal wirkliche Angst vor ihren Geistern erleben und sie werden sich an Rituale gewöhnen, die zur Besänftigung der Geister dienen sollen, vor denen ihnen jetzt noch schaudern würde. Das Gefühl, Religion müsse sich den Bedürfnissen der Menschen anpassen ist ein Wahn des Überganges, in dem gleichzeitig noch die Sicherheit des christlichen Reichtums gefühlt aber das Christentum selbst abgelehnt wird. Im Christentum gibt es keinen Grund zur Angst vor bösen Geistern, weil Christus Herr über die Geister ist. Diese Furchtlosigkeit herrscht jetzt auch noch bei denen vor, die eigentlich nicht mehr an Jesus glauben und mit dem Geisterglauben nur spielen. Aber dieses Erbe wird eines Tages eschöpft sein – bei dem einen früher, bei dem anderen später.
Und vielleicht müssen wir als Christen bis zu diesem schrecklichen Tag abwarten, weil erst dann Menschen in Europa wieder die einzige notwendige Botschaft hören wollen von dem Gott, der seinen Sohn Mensch werden ließ, um durch ihn die Sünden der Welt weg zu nehmen.

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