Die Sinus-Milieus® in Deutschland

Eine sehr differenzierte Einteilung der sozialen Milieus bieten die Sinus-Milieus®. Folgende Bevölkerungsgrupierungen wurden durch eine detailierte jährliche Fragebogenaktion über 25 Jahre hinweg isoliert:

Konservative 5%
„Das alte deutsche Bildungsbürgertum: konservative Kulturkritik, humanistisch geprägte Pflichtauffassung und gepflegte Umgangsformen“
Traditionsverwurzelte 14%
„Die Sicherheit und Ordnung liebende Kriegsgeneration: verwurzelt in der kleinbürgerlichen Welt bzw. in der traditionellen Arbeiterkultur“
DDR-Nostalgische 5%
„Die resignierten Wende-Verlierer: Festhalten an preußischen Tugenden und altsozialistischen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Solidarität“
Etablierte 10%
„Das selbstbewusste Establishment: Erfolgs-Ethik, Machbarkeitsdenken und ausgeprägte Exklusivitätsansprüche“
Bügerliche Mitte 15%
„Der statusorientierte moderne Mainstream: Streben nach beruflicher und sozialer Etablierung, nach gesicherten und harmonischen Verhältnissen“
Konsum-Materialisten 12%
„Die stark materialistisch geprägte Unterschicht: Anschluss halten an die Konsum-Standards der breiten Mitte als Kompensationsversuch sozialer Benachteiligungen“
Postmaterielle 10%
„Das aufgeklärte Nach-68er-Milieu: Liberale Grundhaltung, postmaterielle Werte und intellektuelle Interessen“
Moderne Performer 10%
„Die junge, unkonventionelle Leistungselite: intensives Leben – beruflich und privat, Multi-Optionalität, Flexibilität und Multimedia-Begeisterung“
Experimentalisten 8%
„Die individualistische neue Bohème: Ungehinderte Spontaneität, Leben in Widersprüchen, Selbstverständnis als Lifestyle-Avantgarde“
Hedonisten 11%
„Die spaßorientierte moderne Unterschicht / untere Mittelschicht: Verweigerung von Konventionen und Verhaltenserwartungen der Leistungsgesellschaft“

Eigentlich dachte ich spontan, ich müsse mich bei den Konservativen wiederfinden. Jedoch weit gefehlt … dort halten sich eher die pensionierten Gymnasiallehrer im Lodenmantel auf. Letztendlich fand ich mich in der bürgerlichen Mitte wieder … beruflich etabliert und vor allem familienorientiert …

Auf der Basis der Sinus-Milieus® wurden inzwischen auch schon interessante Zukunftszenarios entwickelt. Interessanterweise gibt es genau drei Szenarien:
– ein neoliberales
– ein sozialdemokratisches …. und
– ein grünes … ähem … postmaterielles

Diese werden in der Presse rezipiert und durchventiliert:

1. Manager-Magazin: „Bedrohte Mitte“
… mit einem neoliberalen Zukunfstszenario
http://www.manager-magazin.de/magazin/artikel/0,2828,395920,00.html
Zitat: „In einem deregulierten Deutschland sind die modernen Performer die Gewinner. Sie rücken in die Mitte der Gesellschaft. Ihr Lebensstil wird zum neuen Mainstream, dem die Angehörigen anderer Milieus, so gut es geht, nacheifern. … Doch unter dem Regiment der modernen Performer ginge den Deutschen auch vieles verloren. Chibesakunda wird wahrscheinlich niemals eine Handballspielgemeinschaft leiten. Und es muss noch einiges passieren, damit er zwei Kinder großzieht.“

2. Spiegel: „Wir werden Deutschland“
… Das „postmaterielle“ Metamorphosis-Szenario
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,423043,00.html
Zitat: „Im Jahr 2020 haben die Menschen eine Art kollektives Bewusstsein entwickelt … Zukunftsforscher glauben, dass das Modell der Kleinfamilie im Jahr 2050 vom Schwarm, der aus dem selbstgewählten Freundeskreis besteht, endgültig abgelöst sein wird.“

Offensichtlich sind beide Szenarios nicht gerade familien- und kinderfreundlich … jedenfalls aus meiner … zugegebenermaßen beschränkten Sicht der „bürgerlichen Mitte“!

Was völlig ausgeklammert wurde ist die Renaissance von Christentum, Islam und fundamentalistischen Atheismus … Aber davon gelegentlich mehr!

Mit freundlichen Grüßen
wanderprediger

2 Gedanken zu „Die Sinus-Milieus® in Deutschland“

  1. Recht interessant diese „Kartoffel-Grafik“. Nur mit Herrn Rickens vom manager-magazin werde ich scheinbar nie warm werden.

    Der Mann hat einfach eine, meines Erachten, seltsame Auffassung von der Realitaet in Deutschland. Zitat: „Der Rückzug des Staates wird das Leben in Deutschland grundlegend verändern.“ Wie man auf folgender Grafik sehen kann, steht Deutschland mit einer durchschnittlichen Abgabenlast von 53 Prozent (Steuern und Sozialabgaben) international ganz oben.

    http://www.welt.de/wirtschaft/article1010794/Den_Buergern_bleiben_von_jedem_Euro_nur_47_Cent.html#vote_1010855

    Dazu kommen steigende GEZ Gebuehren, immer mehr Anti-Diskriminierungsverbote, Uebernahme der Kindererziehung durch den Staat, Bespitzelung durch den Staat, staatlich organisierte Ernaehrungsprogramme, eine staatlich kontrollierte Waehrung aus wertlosem Papier (unter deren Auswirkung wir jetzt mit dem starken Preisanstieg zu leiden haben)…

    Definieren wir einmal den Kapitalismus als ein System mit 0 Prozent Staatsquote und den Sozialismus als eines mit einer Quote von 100 Prozent, dann muessen wir leider erkennen, dass wir inzwischen in einem eher sozialistischen Land leben.

    „Die reale Staatsquote – inlusive versteckter Steuern und Abgaben wie GEZ oder IHK sowie Monopolkosten für Steuerberater oder Schornsteinfeger – hat längst 70 Prozent überschritten. Zum Vergleich: In der Sowjetunion betrug die reale Staatsquote am Ende etwa 85 Prozent – 15 Prozent Markt in Nischen sorgten dafür, dass die Menschen nicht verhungerten.“ (Quelle: ef-magazin)

    Zum Vergleich: Laut Statistischem Bundesamt hatten wir 1960 noch eine Staatsquote von 32,9 Prozent.

    Also, ich versteh den Herrn Rickens wirklich nicht…

    Thomas

  2. Ich werde den Eindruck nicht los, dass diese Studie gerade so designed ist, dass man zu dem Ergebnis kommen MUSS, Deutschland entwickle sich zu einer grünen Nation. Denn zufällig tauchen alle Faktoren, die dieser Einschätzung widersprechen (beispielsweise die Verteilung der verschiedenen Religionen) oder sie relativieren, in dieser Graphik nicht auf. Ich selbst tauche darin beispielsweise so ganz grob irgendwo zwischen „Posmateriellen“ und „Modernen Performern“ auf!

    Wenn so eine Zuordnung möglich ist, dann ist bei Prognosen aufgrund dieser Studie größte Vorsicht geboten.

    Der Fehler der Studie liegt möglicherweise darin, dass sie die Bedeutung sozialer und demographischer Faktoren für die Entwicklung einer Gesellschaft überschätzt. Man hat den Eindruck, dass bestimmte Weltanschauungen sich an bestimmte Lebensstile und Generationen hängen und damit auch aussterben können oder sich vermehren, Einfluss gewinnen oder verlieren – je nach sozialer Zuordnung.

    Dabei wird aber übersehen, dass es beispielsweise auch Veränderungen der Weltanschauungen innerhalbt einer Biographie nicht nur manchmal sondern regelmäßig gibt (z.B. gehört es fast zum guten Ton, dass man als Schüler oder Student mal Sozialist war, was sich dann in der Regel spätestens dann ändert, wenn man die erste eigene Lohnabrechnung in der Hand hält…). Deswegen kann man nicht aus dem derzeitigen Lebensstil und der derzeitigen Weltanschauung sinnvolle Prognosen anstellen. Das Leben jüngerer Menschen war vermutlich schon immer experimenteller und stand wohl schon immer technischen Neuerungen offener gegenüber. Daraus jetzt etwas über Deutschland in 30 Jahren sagen zu wollen ist einfach Blödsinn.

    Zweitens übersieht die Studie, dass Weltanschauungen zwar in jeder sozialen Schicht ein schichtspezifisches Aussehen haben, aber nicht an sie gebunden sind. Aufgrund der Kartoffelgraphik könnte man zu dem Eindruck kommen, Christentum sei vor allem etwas für alte Menschen. Aber es ist nur in der beschriebenen – wertekonservativen – Fassung typisch für alte Menschen, während ich vor allem junge Menschen, übrigens jeder sozialen Schicht, kenne, die Christen sind. Die passen natürlich nicht in die Milieus der „Konservativen“ oder „Traditionsverwurzelten“, sondern landen vermutlich wie ich in allen möglichen anderen Milieus, in denen sie als Prognosen-Killer ihr Unwesen treiben 🙂

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