Spiegel erschüttert Christentum

Erfahrene Spiegelleser werden jetzt vielleicht fragen: was schon wieder? Oder sie fragen sich: Wie oft muss man eigentlich etwas erschüttern, bis es endlich stürzt?
Zunächst also die gute Nachricht: solange der Spiegel noch daran arbeitet, das Christentum zu erschüttern, scheint es nicht gänzlich gestürzt zu sein.

Nun aber zu der Erschütterung (jesmainernst:).
Forscher Knohl hat die Schrift auf einem Kalkstein, der ins erste Jahrhundert vor Christus datiert wird, neu interpretiert. Nach seiner Interpretation, die sich leider an der entscheidenden Stelle auf ein unleserliches Wort stützt, wäre dieser Stein ein Beleg dafür, dass schon vor Jesu Geburt eine Auferstehung nach drei Tagen beschrieben wurde.
Nehmen wir einmal für einen Moment an, das entscheidende Wort hieße wirklich „lebe“, wie es die Interpretation Knohls voraussetzt, was würde das bedeuten? Offenbar verfolgt zumindest der Spiegel jetzt folgende Logik: ein autentischer Bericht hat keine gedanklichen Vorlagen. Wenn es gedankliche Vorlagen gibt, ist der Text daher nicht autentisch.
Dieses Muster der Christentumskritik ist verbreitet und ich bin an anderer Stelle schon darauf eingegangen. Die Kritik funktioniert nur bis zu einem gewissen Grad von Oberflächlichkeit, danach werden die Häufungen der Vorlagen in den unterschiedlichsten Kulturen so erdrückend, dass sich das Argument umkehrt und man sich fragen muss: wie kann eine Idee ohne Gottes Wirken zu so einer Verbreitung kommen?
In der Religionswissenschaft allgemein und in der Prophetie im Besonderen zeigt sich nämlich, dass Gott die Menschen mit bruchstückhaftem Wissen über sein Friedensreich ausgestattet hat, dass sich aber erst in Jesus erfüllt hat.
Ich möchte das in dem Zusammenhang mit der alten Steinplatte veranschaulichen:
Der Gedanke einer Auferstehung nach drei Tagen kam nicht nach Jesu Tod auf, sondern auf jeden Fall schon davor. Gerade Christen wissen doch, dass Jesus seine Auferstehung nach drei Tagen schon vorher angekündigt hat – und nicht nur das: er hat sie sogar mit einem alttestamentlichen Vorbild begründet (Mt 12,40)! Dieses Beispiel ist aber nur das augenfälligste von vielen, in denen nach drei Tagen eine Erlösung erwartet wurde:
– in Genesis 40 prophezeit Josef seinen beiden Mitgefangenen, dass der eine nach drei Tagen gehängt, der ander aber wieder in Ehren in seinen alten Beruf eingesetzt wird.
– Mose bat den Pharao, mit dem Volk „drei Tagereisen“ weit in die Wüste zu ziehen, um Gott dort Opfer zu bringen.
– und da der Pharao von Gott verstockt wurde, schickte Gott die 10 Plagen, von denen die Neunte in einer dreitägigen Finsternis bestand.
– (Exodus 15,22) Nach dem Durchzug durchs Schilfmeer reisten die Israeliten drei Tage lang ohne Wasser und wurden erst nach den drei Tagen fündig in Mara.
– Sehr schön ist auch Josua 1,11: „Da befahl Josua den Aufsehern des Volkes: Geht mitten durch das Lager und befehlt dem Volk und sprecht: Versorgt euch mit Wegzehrung, denn in noch drei Tagen werdet ihr über diesen Jordan ziehen, um hineinzugehen, das Land einzunehmen, das der HERR, euer Gott, euch gibt, es zu besitzen!“
– oder Jos 2,22: „Und sie gingen weg und kamen ins Gebirge und blieben drei Tage dort, bis die Verfolger zurückgekehrt waren. Die Verfolger aber hatten den ganzen Weg abgesucht und sie nicht gefunden.“
– Saul sucht drei Tage vergeblich nach den verlorenen Eselinnen seines Vaters bevor sie gefunden werden (1.Sam 9)
– in 1.Sam 30 findet Davids Heer einen völlig entkräfteten Ägypter, der drei Tage und drei Nächte nichts gegessen und getrunken hat und von ihnen nun gerettet wurde.
– als Elia den Sohn der Witwe vom Tod auferweckte, streckte er sich dreimal über dem Jungen aus.
– mit einer Konkordanz kann man diese Beispiele noch leicht vermehren…

Die „Idee“ einer Totenauferstehung nach drei Tagen ist wäre also nicht nur naheliegend, sondern nur schwer anders vorstellbar, denn gerade die Zahl 3 scheint im AT die Zahl einer Trauerzeit, einer Dunkelheit oder des Durstes vor der Zeit des Lebens und des Lichtes zu sein. Dass es für die Auferstehung Jesu nach drei Tagen gedankliche Vorlagen gab, muss man also nicht erst mit unleserlichen Wörtern beweisen. Man kann ganz im Gegenteil an der Verwendung dieser Zahl erkennen, dass die Auferstehung Jesu schon in einer bestimmten Form erwartet wurde, d.h, wenn jemand die Auferstehung des Messias erhoffte, dann musste er eigentlich von einer Dauer von drei Tagen ausgehen! Dass die Auferstehung nämlich gerade nach drei Tagen stattfand, kann man nicht als Legende abtun, die dem allgemeinen Wunsch der Menschen nach eine ewigen Leben entspringt. Gerade die Präzision und Verbreitung der Übereinstimmung in der Zahl zeigt, dass Gott sein Volk über seine Pläne nicht völlig im Dunkeln gelassen sondern auf sein Heil vorbereitet hat. Dieser Beweis ist zumindest um einiges klarer als alles, was Herr Knohl bisher über seine Kalkplatte herausgefunden hat.

Man kann aber umgekehrt fragen, woher eigentlich Herr Knohl seine weitergehende Interpretation nimmt, nach Jesus eigentlich nicht für die Vergebung der Sünden sondern die Erlösung Israels gestorben sei. Er stellt diese Auslegung natürlich so dar, als ergebe sie sich aus seiner Neuinterpretation des Stein-Textes. Tatsächlich liegt eine andere Vorlage viel näher und relativiert dadurch die Aussagekraft des Steinplattentextes – wenn ich mal die o.g. Logik der Religionskritik hier anwenden darf – nämlich die alte jüdische Sehnsucht, das Reich Gottes politisch zu verstehen. Knohls Interpretation ist keineswegs neu sondern die Position, mit der Jesus zu Lebzeiten schon zu kämpfen hatte:

„Als nun die Leute das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Dieser ist wahrhaftig der Prophet, der in die Welt kommen soll. Da nun Jesus erkannte, dass sie kommen und ihn ergreifen wollten, um ihn zum König zu machen, zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.“
(Joh 6,14f)

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