Neurologen entdecken die Welt

Neurologen können im Gehirn den Sitz der Moral verorten, sie haben Religion als Schaltkreis entlarvt und den freien Willen als bloße Illusion. Wer sich in diesen Jahren die Berichterstattung über die neurologische Forschung durchsieht, wird den Eindruck nicht los, dass hier gerade die ganz großen Fragen der Menschheit behandelt, ach, was sage ich „behandelt“, geklärt werden.
Und der gebildete Laie kann in populären Zeitschriften wie „Gehirn und Geist“ oder populärwissenschaftlichen Büchern an der Beantwortung Anteil nehmen.
Das wirklich Erstaunliche an den Entdeckungen der Neorologie ist aber nicht, welche Gefühle man im Gehirn wo verorten kann, sondern dass ein so geringes Interesse daran besteht, die sich daraus ergebenden Fragen in die historische Diskussion einzubetten. Nur dadurch ist nämlich zu erklären, weshalb in der Öffentlichkeit zwar brandaktuelle Ergebnisse der Wissenschaft diskutiert werden aber niemand zu bemerken scheint, dass diese für die aufgeworfenen Fragen keinen erkennbaren Nutzen haben. Ich möchte dies an den drei angerissenen Themen verdeutlichen: Moral, freier Wille, Gott.

Ulrich Schnabel berichtet in dem Artikel (DIE ZEIT, Nr. 43, 21.Oktober 1999) „Die Neuronen der Moral“ darüber, „Wie Hirnschäden zum Ausfall von Nächstenliebe und Verantwortungsbewusstsein führen“. Die Beispiele sind schaurig unterhaltsam und führen ihn zu dem Schluss: „Wird die neuronale Basis moralischen Verhaltens jedoch weiter erforscht, so könnte dies unser Menschenbild nachhaltiger erschüttern als so manche Sloterdijksche Spekulation“.
Tatsächlich berichtet er aber nur darüber, wie Patienten durch Schädigungen des Gehirns ihre Fähigkeit verloren haben, Mitgefühl zu entwickeln, weil sie den Bezug zu ihren Gefühlen insgesamt verloren hatten. Man kann sich leicht vorstellen, wie schwierig das Leben für diese Menschen geworden ist. Aber mit Moral hat dieses Problem eigentlich gar nichts zu tun: es ist doch nicht moralisch, wenn ich meine Kinder liebe, das ist doch nur natürlich und von Gott so eingerichtet, damit die Menschheit trotz ihrer Verdertheit nicht ausstirbt. Es ist auch nicht moralisch, nette Menschen zu mögen. Jesus bringt genau das auf den Punkt, wenn er sagt:
„Und wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde.“ (Lk 6,32)
Bei diesen Gefühlen, die alle natürlich schön und erfrischend sind, handelt es sich nicht um eine besondere moralische Leistung, sondern um das Nachgeben der Gefühle. Moralisch wäre es, jemanden wider alle Gefühle zu lieben, also beispielsweise den Menschen, den man als natürlicher Mensch am allermeisten hassen würde!
Die Ergebnisse der Neurologie können zwar Verständnis dafür wecken, dass Menschen unterschiedlich sind, weil der eine stärkere, der andere schwächere Gefühle entwickelt und deswegen auch stärker für Mitleid aber auch Hass empfänglich ist als der Andere. Für die Frage, wieso Menschen moralisch oder unmoralisch sind oder gar, wieso sie unmoralisch handeln, obwohl sie ihr Handeln eigentlich für unmoralisch halten, bietet der Vorschungsstand wenig Brauchbares.
Das Problem liegt hier im Wesen der Medien, die in der Bedeutsamkeit tagesaktueller Ereignisse immer sich selbst aufwerten. Wer kauft eine Zeitung, wenn er den Eindruck hätte, die wirklich wichtigen Fragen seien unabhängig vom Tagesgeschehen? Man darf sich deswegen nicht davon verunsichern lassen, wenn die Medien in vertrauter Regelmäßigkeit Ergebnisse der Wissenschaft mit hochphilosophischen Fragen verknüpfen.

Das andere Beispiel war der freie Wille. Forscher haben herausgefunden, dass unser Gerhin Entscheidungen schon getroffen hat, bevor wir selbst uns dessen bwusst sind und schließen daraus messerscharf: ist der freie Wille nur eine Illusion?
Nun, so ganz neu ist diese These ebenfalls nicht. Mir als Calvinisten entlockt sie nur ein müdes Lächeln,
etwa so :-I bestenfalls so =)
Weder für die eigentlich interessante Frage, was den eigentlich ein freier Wille sein könnte, noch für die Frage, welche Konsequenzen die Antworten hätten werden vernünftig beantwortet wird mit diesen Ergebnissen viel ausgetragen. Stattdessen weist Herr Schnabel u.a. nur geheimnisvoll darauf hin, dass sich einiges dadurch ändern könnte und wir alle umdenken müssten und überhaupt könnten wir uns auf einiges gefasst machen. Wenn man sich etwas besser mit dem Thema auskennte, hätte man gemerkt, dass das, was man sich unter einem freien Willen vorstellt eigentlich genau das ist, was die Wissenschaftler beobachtet haben, nämlich ein kleiner Komplex im Gehirn, in dem nach nicht völlig vorhersehbaren Regeln Entscheidungen getroffen werden, also eine Art Zufallsgenerator, der dem Menschen ja gerade nicht verfügbar ist. Alles was mit Ratio und bewussten Argumenten zusammenhängt ist ja gerade nicht frei, sondern erweist den Menschen erst recht als Spielball seiner Umwelt und seiner Gefühle. Die Debatte um die Freiheit wäre überhaupt erst berührt, wenn Neurologen durch einen Blick ins Gehirn mit absoluter Sicherheit die Entscheidungen des Menschen vorhersagen könnten und den Menschen damit seines kleinen Zufallsgenerators beraubten. Und selbst dann liefe dies selbstverständlich nicht auf eine Abschaffung der Strafen hinaus, denn auch Calvinisten haben an dem staatlichen Strafsystem festgehalten – und zwar ohne damit inkonsequent zu sein.
Auch hier zeigt sich, dass die Ergebnisse zwar ganz interessant sind aber keine besonders tiefgreifenden Fragen aufwerfen, geschweige denn sie beantworten.

Die Religiosität wurde ebenfalls in der Röhre beantwortet, wo man Buddhisten beim Meditieren und Nonnen beim Beten ins Gehirn schaute. Das unfassbare Ergebnis: es gab in der Zeit aktive Gehirnareale. O.K. hätte man sich vielleicht auch denken können, denn m.W. hat noch nie jemand etwas anderes behauptet, als dass wir mit unserem Gehirn beten. Wirklich erstaunt wäre ich, wenn beispielsweise der große Zeh besonder aktiv geworden wäre…
Spaß beiseite, nein, natürlich ist wohl jede Religion auch von Gefühlen begleitet, und diese Gefühle lassen sich auch fühlen und damit körperlich erfassen, was nichts grundsätzlich anderes ist als das, was die Wissenschaftler getan haben. Körperliche Gefühle lassen sich stimulieren und beschädigen, sie kommen und gehen und das alles weiß eigentlich jeder, oder? Gerade unter Christen kenne ich die Diskussion, die sich im Umgang mit den Gefühlen stellen, weil manche wirklich immer auf der Suche nach diesem besonderen Kick sind und andere aus den gleichen Gründen immer vor Gefühlen warnen. Und es ist auch unter Christen bekannt, dass religiöse Gefühle durch bestimmte Techniken manipulierbar sind. Aber ich vermute, dass die wenigsten Christen sagen würden, ihr Glaube bestehe aus Hochgefühlen. Viele leiden zwar darunter, wenn ihre Gefühle zeitweise verschwinden, aber sie wissen immer noch, wo ihr Heil verborgen liegt: nämlich nicht in ihnen sondern in Christus. Auch dann, wenn sie gerade nichts Frommes und Heiliges spüren sondern sich nur als Sünder erkennen. Und genau diese Erkenntnis ist es, die den Menschen rettet. Hehre fromme Gefühle stehen echter Buße eher im Weg, ebenso wie ein unterkühltes rationales Selbstbewusstsein, dass zur Eitelkeit verleitet: beides macht den Menschen selbstsicher und vermittelt ihm das Gefühl, er sei wer weiß wie heilig und vollkommen. Das ist nicht die Haltung, mit der ein Mensch errettet werden kann. Was die Forscher also herausgefunden haben ist also nur, dass es auch Gefühle gibt, die mit Religion im Zusammenhang stehen – sowie es auch bestimmte Gedanken gibt. Alle sich anschließenden Fragen sind schon zuvor behandelt und erheblich geistreicher besprochen worden.
Und auch die andere Frage, die dann nicht mehr ganz so laut diskutiert wird: wieso ist der Mensch für die Suche nach Gott wie geschaffen? Natürlich enden die Artikel mit dem Hinweis auf den biologischen Nutzen der Religion. Hierzu wieder Ulrich Schnabel in der ZEIT:
„Angesichts der unausweichlichen Tatsache, dass wir alle sterben müssen, verheißt der Glaube an eine transzendente Wirklichkeit individuellen Trost; zugleich erlaubt er die Durchsetzung verbindlicher ethischer Standards und sichert so die Stabilität von Gesellschaften. Und schließlich lässt sich mit religiösen Argumenten Macht begründen und durchsetzen – auch das sichert das eigene Überleben.“
Das ist natürlich Blödsinn, denn alle diese Vorteile lassen sich einfacher erreichen: der Glaube an das ewige Leben hat nichts mit dem Wunsch zu tun, mit Gott versöhnt zu sein und wurde ja auch tatsächlich philosophisch begründet. Die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod an sich bedarf keiner Religion. Ethische Standards wollte die Aufklärung doch gerade ohne Religion durchsetzen und beruft sich dabei allein auf die Vernunft. Und Macht gab es gerade in atheistischen Diktaturen wie sonst nirgendwo.
Die Frage, weshalb der Mensch bestimmte religiöse Themen immer wieder aufgreift, lässt sich biologisch, soweit ich sehe, nicht beantworten. Dies scheitert schon an der Heterogenität des Themas, denn man findet zwar die meisten Themen und Gedanken in vielen Kulturen aber nicht überall. Auf diese Weise kommt man zwar auf die zentralen Fragen der Menschheit, aber nicht auf ein urtümliches Gefühl, dass man als Kernstück aller Religionen erweisen könnte. Das wäre gleichzeitig zu wenig, weil die Übereinstimmungen erheblich weiter gehen als bis zu einem bestimmten Gefühl, und es wäre zu viel, weil schon dieses Gefühl nicht überall die gleiche Rolle spielt.

Es ist also bestenfalls ein Zeichen für unsere Zeit, dass wir erwarten, die entscheidenden Fragen unseres Lebens nicht durch Gedanken und Worte sondern durch das Beobachten von Neuronen beantworten zu können. Tatsächlich wird dabei nur ein Bruchteil dessen entdeckt, was in der Geistesgeschichte schon – frei für jeden nachlesbar – gedacht und geschrieben wurde.

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