Abschaffung der Geschichte

Nicht nur Individuen sondern auch Gesellschaften basteln sich ihre Geschichte zurecht, d.h. ganz so einfach geht das natürlich nicht, denn Geschichte ist zwar immer konstruiert aber nicht völlig frei gestaltbar. Sie tun dies, weil sie ihre Gefühle und ihr Handeln an dem ausrichten, was sie für ihr Erfahrungswissen halten. Wer Menschen kontrollieren will, muss daher ihre Geschichte kontrollieren oder, weil das immer nur begrenzt möglich ist, am besten ihre Bedeutung herunterspielen. Aber wie sollte so etwas in einem freien Land möglich sein? Mit Erfahrungen aus der Vergangenheit zu argumentieren, gehört so selbstverständlich zum Argumentieren im privaten wie öffentlichen oder wissenschaftlichen Rahmen dazu, dass man es doch nicht einfach beenden kann.
Tatsächlich ist dies nicht durch Gewalt möglich, wohl aber durch die Aufwertung kurzlebiger Informationen. In Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ gilt die Beschäftigung mit Geschichte und überhaupt der Vergangenheit als politisch unkorrekt und wird mit deutlichem Naserümpfen und Tadeln bedacht. Die Menschen werden nicht gewaltsam davon abgehalten, in der Vergangenheit zu leben (wozu schon das Lesen von Büchern gehört), sondern sie werden im vergnüglichen Moment festgehalten. Ihr Leben besteht nicht aus Strafen sondern aus Genuss. Sie empfinden Freiheit und wirken auf den Leser wie Marionetten in einem gruseligen Theater, das nicht von ihnen mitgestaltet wird. Und Genuss ist ein billiges Mittel. Huxley nennt die Genussmittel, für die sie ihre politische und wirtschaftliche Freiheit verkaufen:
„Je mehr sich politische und wirtschaftliche Freiheit verringern, desto mehr pflegt die sexuelle Freiheit sich kompensatorisch auszuweiten. Und der Diktator ([…]) wird gut daran tun, diese Freiheit zu fördern. In Verbindung mit der Freiheit des Tagträumens unter dem Einfluß von Rauschmitteln, Filmen und Rundfunk wird die sexuelle Freiheit dazu beitragen, seine Untertanen mit der Sklaverei, die ihr Los ist, auszusöhnen.“ (S.19)
Sexuelle Freiheit kostet einen Gesetzgeber nichts, ebensowenig wie die Unterhaltungselektronik oder Rauschmittel. Diese Freiheiten werden leicht zugebilligt und verschaffen den Menschen ausreichend angenehme Gefühle, um ihre Unfreiheit zu ertragen.
Huxley hätte sich nicht träumen lassen, welche Formen diese Entwicklung in den nächsten Jahrzehnten annehmen sollte. Im Zeitalter des Internet kann fast jeder in seiner gesamten Freizeit seinen Tagträumen nachhängen.
In einer Gesellschaft, die sich an kurzlebige Informationen gewöhnt hat, die kaum länger als für den gegenwärtigen Moment von Bedeutung sind, spielen auch Bücher keine Rolle, die mehr als Unterhaltungswert besitzen. Buchreligionen sind naturgemäß verpönt. Moderne Religionen und Weltanschauungen verlegen sich daher mehr auf das Bereitstellen und Konsumieren von Tageszeitungen (sofern der Leserkreis stark genug ist) oder Wochen- und Monatsmagazinen. Am Wichtigsten aber ist natürlich ihre Präsenz im Internet. Kaum eine Kirche, die nicht glaubt daran arbeiten zu müssen, wie sie die Menschen „von heute“ erreichen kann (als wären es andere Menschen als vor 2000 Jahren).
Auf diese Weise wird verhindert, dass die Leser sich der Zähigkeit eines alten Erfahrungsschatzes hingeben. Wer herrschen will, muss die Menschen muss sie aus dieser Zähflüssigkeit der Geschichte herausziehen um sie in einem dünnflüssigeren Medium leichter lenken zu können. Das kann er dadurch erreichen, indem er ihnen immer wieder vermittelt, Wissen sei kurzlebig und überhaupt sei alles in einem schnellen Wandel begriffen. Das bringt seine Untertanen dazu, sich aus purer Unruhe mit an sich völlig nutzlosen Informationen zu beschäftigen solange sie aktuell sind und die wichtigen Fragen zu ignorieren oder vor sich selbst als hochgeistiges Hobby abzutun. Wer sich an diese Rezeptionskultur gewöhnt hat, wird es als ganz normal betrachten, Monat für Monat größere Beträge für seine Tageszeitung auszugeben, und sich gleichzeitig über die hohen Preise von Fachliteratur zu ärgern. Er wird sich voller Stolz vielleicht sogar als „Informations-Junkie“ bezeichnen, ohne zu merken, dass er sich in keinem einzigen Thema wirklich gut auskennt. Den typischen gebildeten und selbstbewussten Bürger stellt er sich zeitunglesend vor. Dieses Bild könnte in den nächsten Jahren durch das Bild des engagiert recherchierenden Internetnutzers abgelöst werden.

Dieses Empfinden wird durch die Lektüre der Zeitungen oder den Konsum von Nachrichtenmagazinen noch verstärkt, denn man umgibt sich dort mit Menschen, die ihre eigene Berichterstattung als höchst bedeutungsvoll empfinden und offensichtlich alles dafür tun, um aktuell zu sein. Und nicht selten berichten sie ja auch über große Würfe in der Wissenschaft und bedienen dann gerne das Gefühl, an die ganz großen Fragen der Menschheit heranzugehen, die man scheinbar nicht beantworten kann, wenn man nicht das tagesaktuelle Geschehen verfolgt. Im Leser wird so stillschweigend die Vorstellung gezüchtet, Nachrichtenmagazine und Zeitungen seien eine Hilfe, um sich in der Welt zu orientieren.

Leider trügt dieses Gefühl, denn tatsächlich wird der Konsument mit fragmentarischem Halbwissen abgespeist, das in so chaotischer Folge auf ihn einstürmt, dass es nicht verarbeitet werden kann sondern kaum mehr als ein intellektueller Kitzel ist, der einen Schein der Intellektualität liefert aber die Gedanken verkümmern lässt. Darüber hinaus sind die meisten Nachrichten, die in den Medien als letzter Schrei hochgejubelt werden, in der Regel in der Wissenschaft ein alter Hut, über den man sich selbst mit alten Lehrbüchern besser informieren kann. Zusammenhänge sind politisch konstruiert und lediglich auf die Tagespolitik zugeschnitten. Die Geschichte benötigt man nur als Lieferantin der nötigen Anekdoten, um den politischen Kurs zu veranschaulichen.

Aber, wird vielleicht jemand einwenden, ist diese Entwicklung denn so schlecht? Zeigt sie nicht, dass wir in einer lebendigen sich schnell entwickelnden Gesellschaft leben? Und was ist denn schlecht daran, wenn die Menschen den Augenblick genießen?

Zur ersten Frage kann man nüchtern feststellen, dass unsere Gesellschaft überhaupt nicht lebendig und schnell entwickelnd ist. Ich halte dies ja gerade für eins der Gerüchte, mit denen die Menschen in Angst und hektischer Sorge gehalten werden. Falsch ist daran erstens, dass sich „etwas“ entwickelt, wo sich nur Menschen entwickeln und frei darüber entscheiden können sollten, ob sie an der Entwicklung teilnehmen oder nicht. Zweitens ist die Entwicklung, die es in den letzten Jahrzehnten wirklich gab, keineswegs überraschend sondern war schon längst angelegt und hat sich auf vorhersagbaren Bahnen bewegt – natürlich nicht, wenn man nur Massenmedien konsumiert. Die Entwicklung ist lediglich eine Ausbreitung der Ideen, die mit der 68er-Generation hochgekocht wurden aber natürlich damals schon nicht mehr ganz neu waren. Es gab weder große Überraschungen noch hing sie nennenswert mit technischen oder wissenschaftlichen Fortschritten zusammen. Es lief eben so, wie es auch zu erwarten gewesen wäre, wenn eine Gruppe planmäßig die Gesellschaft nach ihrem Bild verändern möchte. Also: es gibt keine Entwicklung, sondern eine bewusste und für jeden einsehbare Gestaltung.

Zur Frage, ob das Vergnügen im Augenblick denn nicht positiv ist: dieses Vergnügen lebt von der Dekontextualisierung von Informationen. Es ist also ein Zustand, der hochgradig unübersehbar und deswegen von außen gestaltet wird – zumindest, solange man der Rezeptionskultur seines Umfeldes folgt. Wer sich daran gewöhnt, Informationen in unterhaltsamen Bruchstücken zu konsumieren, ist verführbar. Hierbei gibt es keinen wesentlichen Unterschied zwischen der BILD und der ZEIT – außer dass sie unterschiedliche Berufsgruppen ansprechen. Zeitungleser haben sich an das Gefühl gewöhnt man müsste sich mal intensiver mit dem Thema beschäftigen, aber leider fehlt die Zeit dazu. Und diese Gewohnheit halte ich für gefährlich, weil man sich damit arrangiert, andere für sich die Welt deuten zu lassen – aus purer Überforderung.
Eine weitere Gefahr des vermeintlich glücklichen Momentes ist neben der Verführbarkeit die Entfremdung von vielen Gefühlen, die von größeren Entwicklungen im eigenen Leben abhängig sind. Ein Mensch kann eben im Geist einen Schritt zurück treten und größere Entwicklungen überschauen, er kann auf sein ganzes Leben und darüber hinaus denken. Und dabei empfindet er eben auch entsprechende Gefühle. Beispielsweise lernt er das erhabene Gefühl kennen, einem Ehepartner ewige Treue zu schwören (und dieses Gefühl trügt nicht immer und ist nicht durch ein mögliches Scheitern der Ehe ein falsches Gefühl!). Er lernt das Glück kennen, eine Familie zu gründen und die Entwicklung seiner Kinder zu beobachten (für die Nazis war klar „Die Jugend gehört uns!“). Der Mensch kann planen, sein Umfeld langfristig zu verändern und er kann etwas von Gott erkennen und über die Zeit nach dem Tod nachdenken. Alles ist von Gefühlen der verschiedensten Art begleitet, und alle sind nicht durch billige kurzfristige Mittel zu erzeugen.

Für eine Diktatur (die keineswegs immer eine Alleinherrschaft einer Einzelperson sein muss) ist es daher wichtig, den Menschen aus den Bezügen von Geschichte im Großen und im Privaten zu entkoppeln, denn nur so erhält er einen hilflosen und dummen Untertan. In Huxleys „Schöner neuer Welt“ lernen die Menschen den Satz „Wenn der Einzelne fühlt, wird das Ganze unterwühlt“ (S.102). Mutter- und Vaterschaft werden mit einem Brechreiz konditioniert und Beschäftigung mit dem Vergangenen wie gesagt als etwas Anstößiges hingestellt.
Die angenehmen Gefühle sind also nicht das Problem, sondern der Anspruch, kurzfristig ein Anrecht auf sie zu haben. Denn dadurch werden von den unzähligen Erlebnissen nur die selektiert, die kurzfristig zu angenehmen Gefühlen führen.

Huxley ist es, der die moderne Welt und ihre Bedrohungen vorausgesehen hat, nicht George Orwell. Die Mechanismen, auf die er hinweist, erwiesen sich als derart wirkungsvoll, dass seine ausdrückliche Warnung nicht mehr ausreichte, um die Menschen davon abzuhalten.
So sind aus Menschen geschichtslose Wesen geworden, die ihren Lebensrythmus einer Welt angepasst haben, die es nur in ihrem Kopf und in ihren Medien gibt.

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