Drei Tage der Deutschen Einheit

Bis zum kommenden Sonntag feiert Deutschland den „Tag der Deutschen Einheit“. Ich war über das Ausmaß dieses Festes erstaunt, denn man darf nicht vergessen, dass bisher noch jedes Jahr einen 3. Oktober hat und bis zum jüngsten Tag vermutlich haben wird. Das wird auf Dauer ziemlich teuer, erst recht, wenn man wie ich den Verdacht hat, dass dieser Tag noch ausgebaut werden wird.

Zunächst muss man fragen, wodurch das verblüffende Interesse entstanden sein könnte, nun den Tag der Deutschen Einheit nicht nur mit einem Feiertag sondern auch einem grandiosen finanziellen Aufwand regelrecht zu inszenieren. Sind die Politiker auf einmal dankbar für den Untergang des Kommunismus oder halten sie es jetzt für besonders dringend vor ihm zu warnen? Dafür gibt es eigentlich wenig Anzeichen. Und was ist mit dem ganzen Spot über die „blühenden Landschaften“?
Erst recht ungriffig wird dieser Feiertag durch das Motto „Kulturnation Deutschland“. Vermutlich wird es jetzt jedes Jahr ein anderes Motto geben, aber nie wird es um die ehemalige DDR oder die Wiedervereinigung gehen – davon gehe ich zumindest aus. Bei diesem Feiertag geht es also um nichts, zumindest um nichts anderes als den Staat selbst, der also jetzt jedes Jahr irgendwelche Facetten an sich feiern lässt.

Aber wieso? Soll das ein stiller Versuch sein, einen Schlussstrich zu ziehen, ohne offen über ihn zu diskutieren? Erwacht in Deutschland Vaterlandsliebe oder immerhin der Wunsch danach? Oder ist es einfach nur ein natürliches Verlangen von Politikern, die Menschen für den von ihnen gestalteten Staat zu begeistern?

Vielleicht ist es von allem ein bisschen. Aber ich vermute, dass es eigentlich noch um etwas anderes geht. Ich halte es für keinen Zufall, dass diese Entwicklung im gleichen Jahr einsetzt, in der in Deutschland auch der Einbürgerungstest eingeführt wurde. Ich halte es für Teil eines umfassenderen Versuchs, in Deutschland die Einheit der Gesellschaft durch die Verbindung von Religion und Politik zu sichern. Das klingt etwas verwegen, aber genau das steht hinter dem Konzept einer sog. „Zivilreligion“. Ich mag das Wort nicht besonders, weil es so klingt, als ginge diese von den Bürgern aus, aber das ist eben nicht unbedingt der Fall, denn zunächst bedeutet es einfach, dass das öffentliche Leben mit seinen Institutionen sakrale Weihen erfährt. Der ganze öffentliche Pomp (vorfahrende Oberklasselimousinen, Fahnen hissen, Trompeten, roter Teppich…etc…) gehört hierhin, ist in Deutschland aber aus guten Gründen nie besonders exzessiv ausgestaltet worden. Amerika hat die Einheit der Gesellschaft immer und systematisch durch ein klares Bekenntnis zum Patriotismus angestrebt. Und die ganze Amerika-Polemik der letzten Jahre darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass dieses Modell in Deutschland langsam salonfähig zu werden scheint. Die Einführung eines Einbürgerungstestes war nur ein öffentlich diskutiertes und daher allgemein bekanntes Ergebnis dieser Überlegungen.
Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren noch einen weiteren Feiertag erhalten, der dann nicht Bestandteil einer deutschen sondern einer europäischen Zivilreligion ist. Vermutlich wird es nicht der „Reformationstag“ sondern eher ein „Tag der Aufklärung“ o.ä. sein für den dann allerdings ein christlicher Feiertag gestrichen wird – denn es wird auf jeden Fall eine atheistische Zivilreligion.
Das Bestreben, die Gesellschaft auf nationale Themen einzuschwören, weil man das Christentum als Grundlage einer Gesellschaft nicht erträgt, ist nicht neu. Auch die Schweiz hat zeitweise versucht, an die Stelle des Wissens über biblische Geschichten bei den Kindern Wilhelm-Tell-Kitsch zu setzen und Nation. Die Nazis wollten deutsche Märchen – vor allem in der Grimm`schen Fassung – wieder verstärkt unter den Kindern populär machen und waren neben den Kommunisten überhaupt diejenigen, die hier am konsequentesten den Plan einer Zivilreligion betrieben haben. In beiden Fällen wurde der Staat Träger und Gestalter der herrschenden Religion, der alle anderen zur Treue verpflichtet waren.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Deutschland den Tag der Deutschen Einheit als Feiertag seiner Zivilreligion gewählt hat, denn dieser Tag hängt wie kein anderer mit beiden, mit Nationalsozialismus und Kommunismus, eng zusammen. Und gerade sie sind der Grund, weshalb man in Deutschland aber auch sonst bis zum jüngsten Tag das Thema „Zivilreligion“ in der Mottenkiste lassen sollte.

Dabei haben wir allen Grund, die Einheit zu feiern. Wir können dankbar und beschämt über Gottes Gnade an unserem Land sein. Der Tag der Deutschen Einheit ist der richtige Zeitpunkt, um überall Dankgottesdienste zu feiern. Es ist ein schlechter Zeitpunkt, um die Deutschen mit Würstchenbuden und moderner Volksmusik an eine neue Selbstverliebtheit zu gewöhnen.

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