Politische Paradiesvorstellungen

Jede Weltanschauung hat vermutlich ihren Traum vom Paradies: die Kommunisten träumen von der Zeit, in der die Menschen ohne Besitz miteinander lebten (allerdings auch ohne Staatseigentum…), die Naturmystiker träumen von der Zeit, bevor die Christen die Menschen von der Natur entfremdet hatten, die Nazis von der vermeintlichen Größe Deutschlands, bevor die Juden das Christentum gebracht haben, andere träumen von „früher“ ohne es genauer zu datieren oder vom Leben wie im Naturzustand.
Diese Träume sind eine nicht zu unterschätzende Quelle der politischen Aktivität, denn bekanntlich ist ein positiver Reiz immer stärker als ein negativer, also Belohnung motiviert stärker als Strafe. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies nennt man in der Politik allerdings lieber „Vision“ o.ä. Tatsächlich handelt es sich nach meiner Einschätzung allerdings immer um Vorstellungen, die im jeweiligen politischen Lager irgendwo in der Vergangenheit zu verorten sind.

Interessanterweise ähneln sich diese Vorstellungen irgendwie alle: immer leben die Menschen in Frieden miteinander und sich selbst. Das Leben erscheint immer irgendwie klar geregelt und die Menschen kennen keine Angst. Das klingt zu naiv? Finde ich auch, aber ich habe es in vielen Beschreibungen der Welt von „früher“ so verstanden. Kein Wunder, dass es Leute gibt, die für diesen Zustand zu kämpfen bereit sind.

Wie sieht es aber mit dem Christentum aus, denn immerhin habe ich ihm den Begriff des „Paradieses“ entlehnt? In der Bibel wird ein Paradies beschrieben, ein Garten mit den vier Strömen, in dem die Menschen ohne Scham und Schuld mit Gott in einer glücklichen Welt leben konnten.
Dass diese Zeit endete, war die Strafe für den Ungehorsam der Menschen (Gen 1-3) und hatte eine Konsequenz, die das christliche Paradies von allen anderen unterscheidet: Gott versperrte den Zugang durch die Cherubim (mächtige Engel), die mit flammendem Schwert ausgerüstet waren. Das Paradies war für immer verloren und kein Mensch sollte jemals wieder dortin zurück kehren.
Als Christ stehe ich daher immer etwas verloren zwischen dem wortgewaltigen Gequatsche von Visionen, dem „neuen Menschen“, einer „neuen Gesellschaft“ oder auch nur dem Kampf für eine bessere Welt. Nicht weil ich diese Ziele alle ablehne, sondern weil ich davon überzeugt bin, dass dadurch starke Sehnsüchte geweckt werden, die nicht erfüllt werden können und im besten Fall Politik-Müdigkeit hervorrufen, im schlechtesten aber einen gigantischen Hass auf die Bösewichte, die dem vermeintlichen Paradies im Wege stehen. Und die beiden größten Schreckens-Regime wurden auf einer Woge aus großen Erwartungen und Begeisterung getragen.
Eine christliche Partei wird niemals die gleiche Leidenschaft und Begeisterung unter ihren Anhängern hervorrufen können, wie eine rote, grüne oder braune Partei. Christen haben in dieser Welt nicht ihr Herz verloren und glauben auch nicht, hier das große Glück finden zu können.
Unser Heil hängt nicht von dem ab, was Menschen in dieser Welt erreichen können, sondern von dem, was ein Mensch bereits für uns getan hat: Wer glaubt, dass Jesus für seine Sünden gestorben ist, kommt nicht ins Gericht sondern kann in Frieden mit Gott leben, hier und nach dem Tod. Und er kann sich darauf freuen, dass Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde erschaffen wird, die jeden menschlichen Traum von einem Paradies übersteigt.

Und das klingt zu fantastisch? Zunächst einmal klingt jede irdische Erlösungshoffnung fantastisch, denn politische Träumerei ist alt und ermüdend. Man muss sich schon sehr viel Mühe geben, dafür noch etwas Begeisterung aufzubringen – oder vielleicht sehr jung und unerfahren sein.
Aber man muss sich umgekehrt auch sehr viel Mühe geben, an dem Auferstehungsbericht Jesu eine Schwäche zu entdecken: er kann nicht nur symbolisch gemeint sein, weil er dafür viel zu detailiert geschildert wird. Er nützte damals auch keinem Jünger, weil der Glaube an Jesus alle Jünger einer brutalen Verfolgung ausgesetzt hat. Die weltweite Verbreitung des Christentums haben die ersten Christen nicht mehr miterlebt. Wer sich fragt, weshalb er gerade die Hoffnung der Christen an ein Leben nach dem Tod teilen sollte, findet die Antwort u.a. in den Berichten von der Auferstehung.

2 Gedanken zu „Politische Paradiesvorstellungen“

  1. Was soll denn an dem Auferstehungsbericht Jesu glaubwürdig sein?
    Und was ist so verkehrt daran politische Vorstellungen in Verbindung mit besseren Lebensbedingungen verwirklichen zu wollen?
    Die ganzen Religionen sind doch nur ein Werkzeug der jeweiligen „Führungselite“ um das Volk ruhigzustellen! Dem Volk wird dann gesagt: „Nehmt Euer Schicksal hin so wie es ist!“ und ihm wird dann versprochen: „dafür werdet Ihr im Jenseits belohnt“ (bei Christen, Juden und Moslems) oder „dafür werdet Ihr nach Eurer Wiedergeburt im nächsten Leben belohnt“ (bei Hindus) oder was auch immer!
    Mit solchen leeren Versprechungen sollen doch die Menschen lediglich davon abgehalten werden etwas verändern zu wollen!

  2. Das Christentum ist ein Werkzeug der Führungselite? Jesus war kein Führer, Paulus war keiner und auch kein anderer der zwölf Apostel. Sie wurden von der Führungselite verfolgt und sind außer Johannes alle als Märtyrer gestorben.
    In China gibt es mehr Christen als in den USA, aber das hat sich noch nicht auf die Führungselite ausgewirkt, die bislang eher versucht, das Christentum klein zu halten. In den USA waren es die puritanischen Kolonien, die sich gegen die englische Führungselite gewehrt und ihre Unabhängigkeit erfochten haben. Christen spielten in der sog. „unbloody revolution“ eine ebenso große Rolle wie in der größten Revolution der neueren Zeit: dem Untergang des Kommunismus und der Befreiung der DDR.
    Ich will gar nicht sagen, dass Christen keine Fehler gemacht haben oder dass Nicht-Christen nicht gegen Ungerechtigkeit kämpfen könnten.
    Also besonders schicksalsergeben kommt mir die Geschichte des Christentums ganz sicher nicht vor.

    Und dafür gibt es auch theoretische Gründe: das Argument, das du zitierst wurde ja vor allem vom Marxismus/Leninismus bemüht. Bekannter ist es ja unter der Kurzform „Religion ist Opium fürs Volk/des Volkes“. Weil die Menschen die Hoffnung auf das ewige Leben hätten, gäben sie sich hier zu schnell mit Ungerechtigkeit zufrieden.

    Die Revolutionen, von denen ich spreche, wurden nicht selten von dem Mut getragen, sein Leben für die Freiheit aufs Spiel zu setzen. Und diesen Mut bringt tatsächlich leichter jemand auf, für den das Leben hier auf der Erde nicht alles ist. Das gilt grundsätzlicht nicht nur für Christen, aber es trifft natürlich das Opium-Argument.
    Es ist daher auch kein Wunder, dass der Widerstand im Dritten Reich zu einem unverhältnismäßig hohen Anteil aus Christen bestand (evangelische Jugendgruppen waren die letzten und dann bis zum Ende einzigen Jugendgruppen, die nicht zur HJ gehörten), während der Widerstand der späteren Maulhelden vor allem von Nicht-Christen ausging (z.B. Günter Grass).

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