Technik und Politik

Die technische Entwicklung beeinflusst unser Gehirn, sie prägt unseren Alltag, sie lässt Berufe sterben und aufblühen. Aber bisher wurde m.W. (ich lasse mich gerne eines Besseren belehren) wenig über ihren Einfluss auf die Politik nachgedacht.
Welche Auswirkungen hat es auf eine politische Kultur, wenn geistige Arbeit von elektronischen Helfern erledigt wird? Denn darum geht es ja: alles, was wir heute an Beispielen für moderne technische Entwicklung anführen würden, wären Beispiele, in denen es darum geht, das Gehirn zu entlasten. Elektronik entlastet unser Gehirn als Speicher, es entlastet uns von Recherchen, die Suchmaschinen für uns erledigen. Es entlastet uns vor unangenehmen Gedanken, indem wir Musik hören, gegen virtuelle Gegner spielen, oder Filme sehen – und zwar jederzeit und überall.
Spätestens, seit es mp3-Player gibt, muss niemand mehr Langeweile ertragen oder sich mit schweren Gedanken plagen, wenn er nicht will.

Welche Entwicklung wir durchgemacht haben, kann man am besten erkennen, wenn man sich die Aufmerksamkeitsspanne früherer Zuhörer vor Augen führt:

„In Peoria, Illinois, zum Beispiel hatte Douglas am 16. Oktober 1854 eine dreistündige Ansprache gehalten, auf die Lincoln verabredungsgsmäß antworten sollte. Als er schließlich an der Reihe war, machte er sein Publikum darauf aufmerksam, dass es schon 5 Uhr nachmittags sei; er selbst werde für seine Rede wahrscheinlich ebensoviel Zeit benötigen wie Douglas, und es sei vorgesehen, dass dieser noch einmal Gelegenheit zur Erwiderung bekommen sollte. Lincoln machte seinen Zuhörern deshalb den Vorschlag, sie sollten heimgehen, zu Abend essen und dann erfrischt zurückkommen, um weitere vier Stunden lang den Reden zu folgen.“
Neil Postman fragt in dem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“, dem ich das Zitat entnommen habe (S.60 der 17. Auflage): „Was für ein Publikum war das? Wer waren diese Leute, die sich freudigen Herzens sieben Stunden Rednerkunst gefallen ließen?“, um dann zu zeigen, dass diese Form der öffentlichen Aufmerksamkeit ein Teil des sozialen Lebens war. Die Menschen waren durch den hohen Stellenwert, den Bücher im Amerika des 19. Jahrhunderts einnahmen, an lange Gedankengänge und vor allem an lange Sätze gewöhnt. Ohne die Christen damit zu sehr loben zu wollen, muss Postman als Grund dieser Bildungsfreudigkeit den Protestantismus als wichtige Quelle anführen. Denn sie teilten Luthers Ansicht, „die Buchdruckerkunst sei die höchste und äußerste Gnade Gottes zur Verbreitung der Lehren des Evangeliums“ (S.46, so überspitzt hätte Luther das wohl kaum gesagt, aber ganz falsch ist es nicht).

An diesem Beispiel sieht man, dass die Gewöhnung an lange mühsame Gedankengänge nicht nur etwas mit Gesundheit zu tun hat, wie es der Begriff der „digitalen Demenz“ nahelegt, sondern mit Politik und daher auch politischer Mitbestimmung. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich zu überlegen, wie sich die Anforderungen an Politik ändern, wenn die Wähler jede geistige Anstrengung an elektronisch Helfer delegieren. Politik muss dann verstärkt mit Bildern arbeiten und Gefühle bedienen. Wer den aktuellen Wahlkampf in den USA verfolgt, wird erleben, was für eine Bedeutung diese beiden Elemente nicht nur haben, sondern welche ihnen auch hier in Deutschland stillschweigend beigemessen werden. Ich erinnere mich noch an den Bericht über eine Woche, die für McCain sehr schlecht gelaufen sein soll, weil er sich einmal mit der Zuordnung eines Landes geirrt hat und beim zweitenmal ein Bild von ihm auftauchte, in dem er sehr alt und abgewrackt aussah. Kaum jemand bezweifelt, dass so etwas für Wähler heute unglaublich interessant ist. Erstaunt hat mich allerdings, dass diese neue Spielregeln stillschweigend auch offiziell akzeptiert werden obwohl sie offensichtlich völlig unerheblich sind.
Der moderne Wähler lebt in einem kleinen Zeitfenster, das von Bildern und Emotionen beherrscht wird. Und wer Bilder und Emotionen beherrscht, beherrscht den Wähler. Das gilt grundsätzlich für alle Parteien. Aus zwei Gründen bedeutet es aber trotzdem eine Gefahr: Erstens wird der Bürger mit Info-Happen abgespeist und die wirklichen Pläne und Veränderungen werden hinter verschossenen Türen ausgearbeitet. Wer die Bilder bestimmen kann, bestimmt auch die Programme. Wer das Bild von einem verhungerten Kind verbreitet, darf auch sein Programm zur Lösung verbreiten. Das Bild wird dann sozusagen als Einheit von Tatsache und Bewertung akzeptiert, so dass es heute die meisten Menschen akzeptiert haben, dass sozialistische Ideen geeignet sind, Armut zu bekämpfen. Das ist nämlich der Kontext, in dem Armut meistens dokumentiert wird, oder zumindest im Kontext einer allgemeinen Kritik am Kapitalismus.
Das zweite Problem besteht darin, dass sich manche Programme besser als andere in einem kleinen Zeitfenster unterbringen lassen. Z.B. kann man es dem Wähler erheblich besser verkaufen, Geld an Geiselnehmer zu bezahlen, als kein Geld zu bezahlen und womöglich sogar mit Gewalt einzugreifen. Die hässlichen Bilder würde der Wähler nie verzeihen, viel weniger als das offensichtlich dumme und wiederholte Zahlen von Lösegeldern. Natürlich ist es dumm, weil man die Geiselnahmen dadurch erst züchtet und gleichzeitig riesige Geldmengen in den internationalen Terrorismus pumpt. Natürlich ist es dumm, weil dadurch mehr Geiselnahmen verantwortet werden und weil es durch die Anschläge, die durch das Geld finanziert werden, mehr Tote gibt. Aber wie bringt man das in einem kurzen Zeitfenster unter, in dem nur Raum ist, für ein paar Bilder? Der Wähler wählt die Bilder von den glücklichen Heimkehrern und spottet vielleicht noch zynisch über die verheimlichten Lösegelder -und kommt sich dabei unglaublich überlegen und wissend vor. Dabei ist er derjenige, für den das ganze Spiel gespielt wird.

Man kann also kurz sagen, dass die Verbreitung der elektronischen Gehirn-Roboter den Menschen in einem kleinen Bewusstseins-Fenster bequem einrichtet – ich will gar nicht sagen „zwingt“ – und ihn damit zum Spielball von Politik und Medien macht. Zweitens geben die modernen Informationskanäle, die am häufigsten konsumiert werden bis zu einem gewissen Grad den Inhalt vor, den sie vermitteln sollen. Und über Bilder lassen sich eben besser Emotionen als komplizierte Programme und langfristige Überlegungen vermitteln. Permanente Musik wird uns daran gewöhnen, dass wir einen Anspruch auf kurzfristige angenehme Gefühle haben.

Wer den beschriebenen Einfluss für übertrieben hält, kann ja ein einfaches Experiment selbst durchführen: lege dich für eine bestimmte Zeit fest, nicht fernzusehen, keinen mp3-Player zu benutzen und Musik nur in ausgewählten und vorher abgesteckten Zeiten zu hören. Vermeide alles, was dir kurzfristige bildgeschwängerte Informationen bietet, halte dich aus Foren raus, lies keine Blogs, keine Zeitung und keine Zeitschriften (selbstverständlich, soweit es nicht für Ausbildung, Studium oder Beruf erforderlich ist). Und setze das Ganze auf sagen wir 6 Monate an. Es ist kein Ersatz, schlaue Bücher über den Einfluss der veränderten Konsumentengewohnheiten zu lesen, man muss selbst erleben, welchen Einflüssen man ausgesetzt ist. Und das kann man nur, indem man sie wenigstens für eine Zeit ausschaltet.

Ich kann vorweg schon sagen: Genau so langweilig wie es klingt, ist es auch – zumindest am Anfang. Denn man muss sich erst an neue Beschäftigungsmöglichkeiten und Hobbys gewöhnen. Aber bis dahin langweilt man sich, daran führt kein Weg vorbei. Man wird aber ein anderes Gesprächsverhalten entwickeln, bei dem der Kontakt zu anderen Menschen einen neuen Stellenwert erhält – weil er zu den wenigen unterhaltsamen Dingen gehört, die noch bleiben. Auf einmal gibt es Zeit für Bücher, und wenn man die Tages- und Wochenzeitungen für diese Zeitspanne abbestellt, hat man sogar das Geld für die Bücher 😉
Ja, überleg mal, was du für das Geld kaufen kannst, wenn du keine Zeitung abonnierst, keine Filme ausleihst oder Musik herunterlädst. Belohne dich doch für das gekündigte Abo und das ganze gesparte Geld mit einem Gang zum Buchladen deines Vertrauens und kauf dir ein Buch zu einem Thema, zu dem du schon immer mal etwas wissen wolltest.

Und wenn man Glück hat, merkt man nach einiger Zeit, wie sich ein eigenes Empfinden regt, das einen neuen Blick auf die Welt um dich herum hervorbringt.
Man wird dann zwar nicht mehr überall mitreden können. Aber vielleicht wird man etwas zu sagen haben.

Ich selbst habe mein Informations-Verhalten nach solchen Erfahrungen grundlegend umgestellt und würde mich nicht wundern, wenn es anderen ähnlich geht…

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