Man liest wieder Marx

Zeitweise war „das Kapital“ von Karl Marx seit der Finanzkrise vergriffen. Die Marxisten freuts und wir fragen uns: was erkennt man daran?
Interessieren sich die Deutschen jetzt auf einmal für volkswirtschaftliche Zusammenhänge? Dann gäbe es sicher Bücher, die ihnen hier besser weiter helfen könnten. Nein, die ernüchternde Antwort ist wohl eher, dass sich hier ein urdeutscher Reflex zeigt, der alle Hilfe vom Staat erwartet. Dieser Reflex funktioniert flächendeckend, schichtenübergreifend, altersunabhängig und unter dem Wohlwollen praktisch aller deutscher Medien.
Ich habe ja schon an anderer Stelle etwas darüber gelästert, dass ein Staat, der selbst kein Geld besitzt, den Finanzmarkt retten möchte. Besonders bizarr ist dieses ungebrochene Vertrauen aber wenn man bedenkt, dass gerade der deutsche Staat die seltene Leistung vollbracht hat, in einem einzigen Jahrhundert gleich zweimal bankrott zu gehen: nämlich 1923 und 1948 (Quelle: Wikipedia). Der marxistische Teil Deutschlands war dann in den 80er Jahren noch ein drittes Mal und nach nur etwa 40 jährigem Bestehen zahlungsunfähig. Woher kommt also das ungebrochene Vertrauen der Deutschen? Oder ist er doch nicht auf Deutschland beschränkt?


Genau genommen ist er heute eher typisch für Nicht-Christen. Wenn heute zwei Parteien gegründet würden, von der Sie nichts wüssten, außer dass die eine christlich und die andere atheistisch ist, wem von den beiden würden sie eher unterstellen, dass er die Lösung der Finanzmarktkrise in einem stärkeren Lenken des Staates sieht?
Für Atheisten ist es tatsächlich schwer, etwas über dem Staat zu denken. Man darf sich also von dem ruppigen Umgang linker Parteien mit ihrer Führung und ihrem autoritätskritischen Impetus nicht darüber hinwegtäuschen lassen, dass es sich um eine im Kern staatsgläubige Weltanschauung handelt. Sobald man eine Gerechtigkeit über dem Staat installiert, hätte man unweigerlich den Bereich der Immanenz verlassen und windet sich nun als Schuldiger vor Gottes Thron. Der Gedanke an eine überstaatliche Gerechtigkeit ist dem Nicht-Christen daher unangenehm und er denkt lieber über noch ausgefuchstere Strukturen und Kontrollinstanzen nach – die nicht nur immer teurer werden sondern ebenfalls wieder davon leben, dass Menschen nicht korrupt sind.
Die Kritik am Irak-Krieg war zum großen Teil von dem Gedanken getragen, dass dieser Krieg außerhalb des internationalen Rechts erfolgte. Diese Kritik wurde gerade von der Linken oder ihren Vorläuferinnen erhoben. Der Hauptkritikpunkt war also nicht, dass man einen Diktator nicht mit Gewalt stürzen dürfe, sondern dass in der Legitimierung des Krieges eine Gerechtigkeit bekannt wurde, der Staaten unterliegen und die daher über internationalem Recht steht. Dieser Gedanke wurde in dem Vorwurf, Bush betreibe einen „Kreuzzug“, ziemlich präzise verworfen.
Es ging also eigentlich um die Frage, wem Menschen vertrauen: Gott oder Institutionen. Das ist der naheliegende Grund dafür, dass jeder konsequent betrieben Staatsatheismus Diktaturen hervorgebracht hat. Wo Menschen nicht mehr an Gott glauben, wird der Staat alles für sie. Dass Europa bislang vor so einer Entwicklung verschont bleibt, liegt nicht daran, dass sich an diesem Mechanismus irgendetwas geändert hätte, sondern an dem Reichtum und der politischen Sicherheit der Länder.
Francis Schaeffer, ein christlicher Denker des 20. Jahrhunderts, dem ich viel zu verdanken habe, vergleicht die Situation mit einer alten römischen Brücke: vor 2000 Jahren konnten die Fußgänger sie benutzen, ohne dass sich jemand Gedanken über ihre Stabilität zu machen brauchte. Aber einen modernen sechsachsigen 40-Tonner wird sie nicht tragen können.
So ist es auch mit einer Gesellschaft, die sich von Gott abgewendet hat: sie kann noch einige Jahre oder Jahrzehnte in Frieden und Freiheit leben, solange sie keinem größeren Druck ausgesetzt ist. Aber wehe, der Wohlstand bricht ein – ich spreche noch nicht davon, dass Menschen vom Hungertod bedroht sind – dann fliehen die Menschen ohne mit der Wimper zu zucken in die Arme gerade der Parteien, die ihnen einen starken Staat versprechen. Die Sorge vor „Demagogen“ ist ein beredtes Zeugnis dafür, dass dieser Mechanismus funktioniert. Unsere Demokratie lebt nicht durch das Grundgesetz sondern hängt z.Zt. am seidenen Faden des bürgerlichen Wohlstands. Und die Finanzkrise zeigt, wie reflexhaft mitten im Bürgertum der Fuß in den vermeintlichen Notausgang Diktatur gestellt wird. Denn es sind doch wohl nicht die ärmsten Menschen, der Unterschicht, die sich „Das Kapital“ kauften, sondern gut bürgerliche Leser.

Dabei scheinen sich alle einige darin zu sein, dass die Bankkrise durch Schuld entstanden ist. Und das ist ein Problem, dass man durch eine Stärkung des Staates nur auf eine andere Ebene verschieben kann. Denn wenn ein Volk sich von Gottes Maßstäben entfernt, dann betrifft dies sowohl den privaten wie den öffentlichen Bereich. Und zuallererst betrifft es uns selbst. Aber wer wissen möchte, woher sein Wissen um seine eigene Schlechtigkeit kommt und wo es Erlösung für Sünder gibt, wird bei Marx nur Schweigen finden.

Ein Gedanke zu „Man liest wieder Marx“

  1. Ich gebe Ihnen voll recht!

    Umso mehr bin ich von den amerikanischen Republikanern enttäuscht, die bei der Bankenkrise sofort nach dem Staat rufen, anstatt die Worte von Ronald Reagen zu beherzigen:
    In der Krise soll sich der Staat heraushalten!

    MfG

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