Das Gerangel um den Antisemitismus

Der Kampf gegen den Antisemitismus scheint neue Formen anzunehmen: die beiden letzten Bösewichte waren der ifo-Chef Hans-Werner Sinn, und jetzt Christian Wulff von der niedersächsischen CDU.
Sinn hat die wachsende Empörung gegen die Banker in der Finanzkrise in einem Interview mit dem tagesspiegel mit der Suche nach einem Sündenbock in der Weltwirtschaftskrise von 1929 verglichen, bei der die Juden an den Pranger gestellt wurden. Wörtlich sagte er:

„In jeder Krise wird nach Schuldigen gesucht, nach Sündenböcken. Auch in der Weltwirtschaftskrise von 1929 wollte niemand an einen anonymen Systemfehler glauben. Damals hat es in Deutschland die Juden getroffen, heute sind es die Manager. Als Volkswirt sehe ich stattdessen falsche Anreize und fehlende Regeln.“

Wulff sagte wörtlich:
„Ich finde, wenn jemand 40 Millionen Steuern zahlt als Person und Zehntausende Jobs sichert, dann muss sich gegen den hier nicht eine Pogromstimmung entwickeln.“


Beide haben sich also nicht antisemitisch geäußert, sondern den Antisemitismus als abschreckende Vorlage verwendet, womit sie beide bewiesen haben, dass sie ihn verurteilen. Wieso werden sie jetzt aber selbst mit dem Antisemitismusvorwurf bedacht und Wulff sogar als „Brandstifter“ bezeichnet?
Der Vorwurf ist perfide: sie bagatellisierten mit ihren Äußerungen das Leid der wirklichen Opfer der Juden z.Zt. des Nationalsozialismus.
Ich persönlich halte beide Vergleiche zwar im Falle von Herrn Sinn für deplaziertes Selbstmitleid und im Falle von Herrn Wolf für einen missratenen Vergleich. Aber für bedenklich halte ich sie nicht.
Zunächst muss man wissen, dass die Vergleiche der Art „damals-waren-es-die-Juden-heute-sind-wir-es“ im Internet regelmäßig und in den absurdesten Kontexten auftauchen, ohne dass das als problematisch empfunden wird. Die entsprechenden Leute merken dann i.d.R.selbst, ob ihnen der Vergleich abgenommen wird oder nicht. Und wenn schon: wenn alle sich mit den verfolgten Juden vergleichen, wird das Beispiel irgendwann von selbst reizlos.

Zweitens war es jahrzehntelang die Strategie der 68er und ihrer geistigen Schützlinge, überall und in jedem Wort der Gegner Antisemitismus und Faschismus nachzuweisen. Unter Studenten gehörte es zum guten Ton, alles und jeden als „Faschist“ oder „faschistisch“ zu brandmarken. Wenn die Karten für die Kopiergeräte teurer wurden, war der Faschismus eben so daran schuld wie an den Studiengebühren. Und der freie Markt war ja ohnehin eine Form des Faschismus. Christen waren Antisemiten, weil sie neben dem Alten Testament das Neue Testament haben und überhaupt, weil sie behaupten, die Juden hätten Jesus gehötet – das haben sie zwar tatsächlich, aber darum geht es ja nicht.
Kurz: Antisemitismus und Faschismus waren immer und überall. Sie wurden mit hochsensibler Wahrnehmung noch in den letzten Winkeln der Gesellschaft gnadenlos aufgedeckt.
Wieso reagieren jetzt gerade Linke so empfindlich auf diese Vergleiche, die sie selbst doch so ausgiebig für ihre politischen Ziele verwendet haben? Ja, sie werfen Wulff u.a. vor, in diesen Vergleichen gleich 6 Millionen Juden auf einmal beleidigt zu haben.
Auffallend ist dabei natürlich, dass dieser Vorwurf treffsicher nur an politische Gegner gerichtet wird: also regelmäßig an Politiker der CDU oder eben einen Manager, so dass sich der Vorwurf aufdrängt, hier gehe es weniger um Juden als um einen politischen Kampf, dem die Würde der Juden nur als Vorwand dient.

Drittens ist der Vorwurf auch nicht logisch, denn wenn Frau Künast der CDU vorwirft, 6 Millionen Juden beleidigt zu haben, weil diese behauptet, in den Reihen der Linken gebe es Antisemiten, dann fällt dieser Vorwurf streng genommen natürlich auf sie zurück: sie selbst rückt doch bereits den übertriebenen Vorwurf des Antisemitismus – sofern er aus der CDU kommt – in die Nähe des Nationalsozialismus und verharmlost diesen damit selbst. Und wenn ich ihr das jetzt vorwerfe, rücke ich sie damit nicht auch in die Nähe des Nationalsozialismus und verharmlose schon wieder den Nationalsozialismus…und immer so weiter.

Die Zeit, in der großzügig mit dem Vorwurf des Faschismus umgegangen wurde, endete übrigens bei den Linken ziemlich genau, als die Kirchen anfingen, den Spieß umzudrehen und den massenhaften Babymord in Deutschland mit dem Holocaust verglichen (ich habe damals bewusst darauf geachtet, welche Auswirkungen dieser Vorwurf auf den allgegenwärtigen Faschismus-Verdacht haben würde). Da war die Empörung natürlich groß, weil hier ja aus guten Gründen getötet würde etc…
Auffallend war aber, dass linke Politiker ab dieser Zeit den Spaß an diesem Argument verloren, weil sie merkten, dass ihnen die Sache allmählich aus der Hand glitt. Mittlerweile ist der Faschismus-Verdacht in der Öffentlichkeit ziemlich out und wie man an dem Beispiel der Querelen um die Resolution gegen Antisemitismus sieht, steht sogar der Vorwurf des Antisemitismus selbst heute unter Antisemitismus-Verdacht – zumindest, wenn er von der falschen Seite erhoben wird.

Dabei ist das Thema keineswegs Geschichte. Es ist zwar recht und billig, sich über die Schandtaten von vor über 60 Jahren zu ereifern. Aber viele geistesgeschichtlichen Wurzeln für das nationalsozialistische Regime sind bis heute beliebt: ich weise beispielsweise immer wieder gerne darauf hin, dass die Evolutionstheorie in der Nazi-Zeit ihr blutiges Potential gezeigt hat. Darüber hinaus war es Hitlers erklärte Absicht, nicht nur das Judentum sondern auch das Christentum abzuschaffen. Das war ihm nur deswegen nicht möglich – was er sehr bedauerte – weil es noch zu viele Christen gab. Aber die gleiche Glorifizierung der Antike, die sich beispielsweise in seinen pompösen architektonsichen Plänen ausdrückten, zusammen mit der Vorstellung vom Fall des Abendlandes durch die Annahme des Christentums, waren bestimmende Momente in Hitlers Gedankenwelt, die bis heute nicht ausgestorben ist. Aus diesen Geschichtsbild hat sich ein dumpf-mystischer Zug zum germanischen Heidentum in der Nazi-Zeit etabliert, der gerade bei den Grünen heute ihre direkten Nachfolge gefunden hat. Deswegen sind Grüne noch lange keine Nazis oder Antisemiten, aber der kulturelle Bruch nach dem Dritten Reich war auch mit den 68ern nicht grundlegend.

Es gibt also gute Gründe, die Aufarbeitung der Nazi-Zeit noch lange nicht abzuhaken oder sogar zu diffamieren. Es gibt hier noch viele Themen, die noch auf ihre wissenschaftliche Bearbeitung warten.

4 Gedanken zu „Das Gerangel um den Antisemitismus“

  1. Ich habe ehrlich gesagt keine Erklärung dafür, weshalb der Zentralrat die Bagatellisierung der Nazi-Zeit nicht schon viel früher angeprangert hat.
    Vielleicht hat man ihn früher aber einfach nicht danach gefragt. Oder die damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden waren froh, dass überhaupt mal jemand das Thema anpackt und wollten nicht gleich alles ausbremsen. Man darf auch nicht vergessen, dass der Zentralrat die Gesellschaft und ihre geistigen Bewegungen sehr genau verfolgt und vermutlich ziemlich genau weiß, was er wann einklagen kann. Insofern sind Aussagen des Zentralrates natürlich auch Spiegel einer gesellschaftlichen Entwicklung, die er selbst nicht zu verantworten hat.

    Ich halte die Schärfe – in beiden Fällen forderte Herr Kramer den Rücktritt der Betreffenden – , mit der der Zentralrat auf die missratenen Beispiele reagiert allerdings für kontraindiziert: Denn das Hauptanliegen bei aller Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich besteht doch darin, eine Wiederholung zu vermeiden und schon in Ansätzen zu unterbinden. Und solange Menschen sich noch zu Hass aufstacheln lassen, muss auch der mahnende Hinweis an die Nazi-Zeit erlaubt sein, ohne dass darin gleich eine Relativierung der Juden-Pogrome gesehen wird.

    Auf Wikipedia steht unter dem Stichwort „Pogrom“ (darunter „versteht man eine gewaltsame, auch organisierte Massenausschreitung gegen Mitglieder einer religiösen, nationalen, ethnischen oder andersartig definierten Minderheit oder Gruppe einer Nationalität oder Bevölkerung, verbunden mit Plünderungen und Misshandlungen sowie Mord oder Genozid.“) übrigens als erstes Beispiel die bürgerliche Wut gegen die Juden im christlichen Mittelalter, die nicht annähernd an das heranreichte, was den Juden im Dritten Reich widerfahren ist. Trotzdem klagt darüber niemand.

    Die Reaktionen der 68er sind hingegen erheblich einfacher zu erklären.

    Gruß
    Moorwackler

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