Der Virus

Es war ein Dienstag im August, als der Bildschirm seines Fernsehers schwarz blieb. Mika versuchte es noch einmal, dann schaltete er alle Sender durch. Er blieb schwarz. Langsam, wie in Trance, bewegte er seine Hand zum „Power“-Knopf, wohl wissend, dass es vermutlich zum letzten Mal sein würde.

Der „Virus“ wie er in der Bevölkerung und in den Medien nur genannt wurde, wurde vor ziemlich genau zwei Jahren entdeckt. Die ersten Todesfälle traten in Spanien auf und man ging davon aus, dass Einwanderer aus Afrika ihn eingeschleppt hatten, eine Theorie die dann von zahllosen weiteren Theorien abgelöst wurde, weil es in Afrika selbst erst 4 Monate später zu den ersten amtlich bestätigten Todesfällen kam. Die Entstehung des Virus wurde nie aufgeklärt. Am Anfang sprachen die Boulevard-Zeitungen von einem „Killervirus“ und fragten schon nach den ersten Todesfällen, ob der Virus bald zu uns käme und wir alle sterben müssten. Es schien das geeignete Thema für ein Sommerloch zu werden. Aber je schneller sich die Epidemie ausbreitete, desto nüchterner wurden die Schlagzeilen. Der Virus war offenbar nicht nur ein Verwandlungskünstler wie normale Grippe-Viren, sondern auch ausgesprochen langlebig und zäh. Ihm schien weder Trockenheit noch Hitze bis 40 Grad Celsius etwas auszumachen. Wenn er einmal irgendwo saß, auf einem Fenstergriff, an einem Kamm, an der Schere des Friseurs, im Wasser des Schwimmbades oder einfach auf dem Asphalt, dann blieb er da, bis jemand ihn abstreifte. Die Krankheit hatte keinen Namen und verlief immer tödlich. Innerhalb eines einzigen Sommers sind alle großen Städte in Südeuropa ausgestorben. Auf dem Land schien er sich immer erst etwas verzögert auszubreiten. Im zweiten Sommer – es waren vor allem die Sommer, in denen er sich besonders schnell zu verbreiten schien – trat er in allen Städten der Welt auf und überrannte die letzten verschonten Gebiete so schnell, dass die Nachrichtensender kaum hinterher kamen. Tageszeitungen waren für die Berichterstattung mittlerweile zu langsam.


Im Fernsehen liefen Tag und Nacht Sendungen, in denen zwar selten Bilder aus den betroffenen Regionen gezeigt wurden aber dafür Interviews mit Medizinern, die den Verlauf der Krankheit erklärten und präzise beschrieben, weshalb ihnen noch kein geeignetes Gegenmittel gelingen konnte. Man verband große Hoffnungen mit der Entdeckung, dass offenbar eine winzige Anzahl von Menschen gegen den Virus immun zu sein schien – in Deutschland schätzte man die Zahl der Immunen auf etwa 50. Aber gezählt hat sie natürlich niemand. In den Medien versuchte man mit großen Werbespots die Immunen zur Zusammenarbeit mit der Wissenschaft zu bewegen um so vielleicht die Menschheit zu retten. In den Werbespots traten dann selbst Immune auf, die wiederholten, wie wichtig ihre Aufgabe sei, und dass niemand sich dieser Not verweigern dürfe etc…
Mika, der zu den Immunen gehörte, beobachtete, dass diese Sprecher nach ein paar Wochen auffällig gut geschminkt waren. Nach ein paar weiteren Wochen wurden sie ersetzt durch neue, bis vor etwa 2 Wochen keine neuen Spots mehr zu sehen waren sondern fast rund um die Uhr alte Spots wiederholt wurden.
Irgendwo entstand das Gerücht, die Wissenschaftler hätten die Suche nach einem Medikament schon längst aufgegeben und verwendeten nur noch das Blut der Immunen, um sich selbst noch möglichst lange am Leben zu erhalten. Ob das stimmte und ob es medizinisch überhaupt denkbar war, wusste Mika nicht. Aber die allgemeine Stimmung machte die Geschichte ausgesprochen glaubwürdig. Er selbst wartete ab und hielt sich nach einiger Zeit, als die Suche nach den letzten Immunen immer verzweifelter wurde, dauerhaft versteckt. Niemand sollte wissen, dass er noch lebte.

Nach und nach sind die Veranstaltungen in der Uni ausgefallen und die Regierungen ließen zu Beginn des zweiten und letzten Jahres den Notstand ausrufen. Am Anfang sah man überall Polizisten, die versuchten, Plünderer aus den zahllosen leerstehenden Wohnungen und Häusern zu vertreiben, aber sowohl Polizisten wie Plünderer starben in kürzester Zeit. Seit im Fernsehen nur noch die alten Werbespots gezeigt wurde – die Zeitungen haben ihre Arbeit schon etwas früher eingestellt – schaltete Mika ihn morgens gleich nach dem Aufstehen an und ließ ihn ohne Ton den ganzen Tag laufen. Im Internet konnte man die Informationen zwar auch einholen, aber das Fernsehen war es, das in diesen dunklen Tagen den Zusammenhalt sicherte.
Dann wurde nach und nach die Stromversorgung abgeschaltet und zwar zuerst in den ländlichen Regionen, obwohl dort noch länger Menschen lebten als in den Städten. Größere Proteste konnten sich aus schierer Zeitnot nicht formieren. Mika wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis auch in seiner Stadt das Fernsehprogramm endgültig versiegen und der Strom abgeschaltet werden würde. Er hatte Angst vor diesem Tag und wollte ihn gerade deswegen nicht verpassen. Vielleicht drängte sich ja noch eine Nachricht dazwischen, dass das heißersehnte Medikament endlich gefunden wurde und der Spuk ein Ende hätte…

An jenem Dienstag geschah dann beides fast zeitgleich, denn nur etwa zwei Stunden, nachdem Mika vergeblich versuchte, seinen Fernseher anzuschalten, schaltete offenbar irgendjemand das Stromnetz ab, und Mika saß in seinem Studentenzimmer und versuchte innerhalb von Sekunden die Möglichkeiten zu überfliegen, die ihm jetzt noch blieben, um an Informationen zu kommen. Aber eher, um die aufsteigende Panik zu zerstreuen als noch eine realistische Lösung für möglich zu halten. Mika war jetzt vermutlich allein und er wusste das.
Nachdem er den Kampf gegen den panischen Gedanken, was jetzt aus ihm werden würde, langsam verlor und immer klarer die Angstsplitter in sein Bewusstsein drangen, stand er auf und ging zur Tür hinaus.

Draußen war es still. Eigentlich war es eine seltsame Stille: anders als im Wald, wo immer rundherum Blätter rauschten aber auch anders als in einem geschlossenen Zimmer. Man hörte auch in der Ferne keinen Straßenlärm, keine Menschenstimmen nur den Wind und vielleicht ein paar Blätter, die er am Boden aufwirbelte. Mika war seit vielen Wochen zum ersten Mal wieder draußen und dachte, dass er diesen Moment genießen würde. Immerhin war die Luft so sauber, wie er es nie für möglich gehalten und sich immer gewünscht hatte. Aber als er aus der Tür des Hauses seiner alten Vermieterin (die zu den ersten Todesopfern seiner Stadt gehörte) heraustrat, hat sich die Welt verändert. Er wusste nicht, warum. Der Wind blies nur leicht die polarklare Luft durch die Straßen, aber Mika hatte nicht das Bedürfnis, ihn tief einzuatmen, sondern dachte vor allem an den nächsten Winter und was dieser Wind ihm dann noch für Qualen bereiten konnte, gerade wenn er sich jetzt öfter draußen aufhalten musste. Und obwohl die Straße fast genau so aussah wie beim letzten Mal – außer den offensichtlich ungepflegten Vorgärten – hatte Mika den Eindruck, der Wald sei schon um ihn und habe die Stadt verschluckt. Die Bäume, die Tiere, selbst die Insekten machten einen so starken Eindruck auf ihn, als hätte es in den Jahrzehnten davor nie das Thema Umweltschutz gegeben. Und das, obwohl Mika immer noch vor dem Haus stand und außer dem Unkraut in den Vorgärten weder Tiere noch Pflanzen sehen konnte.

Ihm fiel auf, dass er noch nicht gefrühstückt hatte und keinen Hunger verspürte. Diese Erkenntnis war eine von den vielen, die wir ständig in Sekundenbruchteilen durchfliegen, ohne uns darüber Gedanken zu machen. Aber jetzt stand die Frage im Raum, was er überhaupt in den nächsten Monaten frühstücken würde, denn alle Geschäfte hatten längst geschlossen, auf den Bauernhöfen wurde nichts mehr angebaut. Mika hatte sich während der Virus immer schneller und wahlloser über seine Opfer herfiel, mit der Vorstellung gespielt, er würde am Tag X vermutlich wieder zum Jäger und Sammler. Aber erst jetzt, wo der Tag gekommen war, fühlte er sich hilflos. Wie lange halten die Lebensmittel in den Geschäften eigentlich? Der Gedanke an die Berge von Lebensmitteln, die jetzt auf der ganzen Welt in den Vorratslagern und Geschäften vor sich hingammeln, widerte ihn an. Wie sieht eine aufgetaute und eingeschweißte Pizza nach hundert Jahren eigentlich aus? Sollte er versuchen Tiere zu halten – Tiere! Was war eigentlich mit den ganzen Tieren auf den Bauernhöfen, in den Zoos, in den Aquarien und Terrarien in den ganzen Wohnzimmern und Kellern? Verhungerten jetzt auf der ganzen Welt alle Tiere in menschlicher Obhut? Der Gedanke war grauenhaft, aber vielleicht haben die letzten Tierpfleger ihre Tiere vorher getötet um genau das zu verhindern, aber wenn alle Tierpfleger und alle Bauern alle Tiere getötet haben, wo bekommt er dann Tiere her, die er halten konnte? Und wie albern erschien ihm auf einmal der Gedanke, Haustiere zu halten.

Von der ständigen Angst – und von der Nacht – hatte er einen trockenen unangenehmen Geschmack im Mund und beschloss, in sein Zimmer zurück zu gehen und sich erst mal die Zähne zu putzen. Fast zeitgleich fiel ihm auf, dass er keinen Zahnarzt mehr hatte. Und wenn er jetzt heftige Schmerzen bekäme? Könnte er in eine Zahnarztpraxis einbrechen und sich selbst eine Betäubungsspritze geben? Oder sich einen Zahn ziehen? Ihm schoss bei dem Gedanken das Blut in den Kopf und seine Hände wurden kalt. Wieviel Schmerzen müsste er wohl aushalten, vor die ihn Ärzte bewahren konnten? Und im im Alter, wenn die Krankheiten immer häufiger würden… Und wie alt konnte er überhaupt werden? Er war jetzt 24 und wusste, dass das in vielen Kulturen dem durchschnittlichen Lebensalter entsprach. Wenn er nur irgendwo noch einen Immunen finden könnte, der Zahnarzt ist, das muss doch möglich sein.
Mika schmunzelte, weil er in seinen Tagträumen nie auf die Idee gekommen wäre, dass man sich auf einer einsamen Insel vor allem einen Zahnarzt wünscht – –

Und wer würde ihn im Alter versorgen, wenn er nicht mehr jagen oder Tiere versorgen kann? Vielleicht reicht ein Zahnarzt doch nicht, vielleicht besser eine Zahnärztin? Wieviele Zahnärztinnen gab es eigentlich? Am Besten eine Frau, die selbst ihre Kinder kriegen könnte und nicht bei der Geburt stirbt. Ihm war unheimlich, als er merkte, wie sehr er sich in den letzten Stunden verändert hatte: eine Frau hätte er doch nie nach ihrer Gebärfähigkeit ausgesucht! Und wenn die Frau bei der Geburt stirbt? Er müsste noch einen Frauenarzt finden oder eine Hebamme…und dann am besten doch mehrere Frauen, falls die eine dann doch stirbt…
Aber wenn es vielleicht noch eine kleine Gruppe von Immunen gab, die nicht in der Wissenschaft verheizt wurden, könnte man sich doch zusammenschließen. Er musste die anderen nur finden und das wollte er als Erstes tun – gleich nach dem Frühstück. Weil die Milch schlecht geworden war, verzichtete er auf sein Müsli und aß noch etwas von dem übriggebliebenen Brot.

Als er satt war legte sich die Panik etwas und er begann seinen Plan etwas systematischer anzugehen: Zunächst müsste er herausfinden, wo sich die letzten Immunen, wenn es sie noch gab, überhaupt versteckt haben könnten. Er konnte unmöglich an allen Wohnungen der Welt klingeln. Vielleicht haben sich manche im Wald versteckt. Mika mochte den Wald und hatte, während er früher über seinen langweiligen Büchern lustlos gelernt hat, oft von einem Leben im Wald geträumt. Aber jetzt hatte er kein großes Bedürfnis, in den Wald zu gehen. Die Ruhe hatte er nun in der Stadt und der Wald war ihm zum ersten Mal in seinem Leben unheimlich. Blödsinn, dachte er, wieso sollte ich denn jetzt vor dem Wald Angst haben? Es gibt hier keine Wölfe oder andere gefährliche Tiere… d.h. in Bayern gab es doch mal einen Problembär, aber der wurde ja erschossen. Aber wer sagt, dass nicht jetzt in diesem Moment ein Bär die deutsche Grenze überschreitet oder ein Wolfsrudel? Wenn die Hirsche hier in den Wäldern nicht mehr geschossen werden, vermehren die sich doch unbegrenzt bis die Wölfe der Nachbarländer das spitz kriegen und sich ebenfalls ungehindert hier vermehren. Oder haben die Tierpfler der Zoos alle Tiere, die sich hier in diesem Klima alleine zurecht finden können vielleicht sogar frei gelassen, weil es ohnehin keine Menschen mehr gab? Konnte es vielleicht sogar Löwen hier geben? Mika wollte sich noch am gleichen Tag eine Waffe besorgen.

Im Wald wollte Mika nicht suchen und war fast sicher, das kein Immuner so dumm sein konnte, sich dort zu verstecken. Also dann doch die Wohnungen? Nein, es war viel einfacher: er musste nur davon ausgehen, dass die anderen sich ganz ähnliche Gedanken machten wie er selbst. Sie würden auch herumgeistern und nach Überlebenden suchen. Er musste nur möglichst viele Straßen in möglichst vielen Städten abfahren und hätte dann immerhin die größte Chance, auch einem anderen Immunen zu begegnen. Er wollte Proviant für ca. einen Monat mitnehmen und wusste, dass er dann irgendwo anfangen müsste, Bauer zu werden. Vielleicht sollter er direkt die Bauernhöfe anfahren und von dort aus seine Streifzüge unternehmen, denn im August muss man spätestens anfangen irgendetwas zu sähen, oder? Vielleicht sollte er sich auch heute noch Literatur über Landwirtschaft besorgen. Alle Bücher der Welt standen ihm frei zur Verfügung. Niemand würde ihn je deswegen anklagen.

Er hatte kein Auto und brach deswegen einfach bei seinen Nachbarn ein, um dort nach deren Autoschüssel zu suchen. Es war ein alter Opel-Kombi. Mika wusste, dass er alle Autos der Welt nehmen könnte, aber es war ihm egal. Die Geschäfte waren voll mit Dingen, von denen er nehmen konnte, was er wollte, aber er hatte weder ein Interesse an der teuersten Spielkonsole, noch an den elegantesten Kleidern. Er interessierte sich nicht für Designermöbel und nicht für Premium-Autos. Er wollte nur so schnell wie möglich wissen, wo die anderen Immunen waren und wissen, wie er die nächsten Monate überleben konnte – vor allem die Wintermonate.
Als Mika im Auto saß, zögerte er noch einen Augenblick, weil er sich nicht entscheiden konnte, wohin er fahren sollte. Vielleicht wäre es doch gut, wenigstens in einem Campingladen einen Schlafsack und ein Messer zu besorgen. Er brauchte noch Vorräte und vielleicht eine praktische Anleitung, wie man Kühe melkt, Waffen, jede Menge Zahnpasta, Zahnseide und Zahnbürsten, Werkzeug, Seile, ein Zelt?
Mikas Gedanken überschlugen sich. Aber dann beschloss er doch, als Erstes zu einem Bauernhof in der Nähe zu fahren und zu sehen, ob er den Betrieb dort wieder aufnehmen könnte und vor allem, ob es dort noch Tiere gab.

Er suchte an dem Schlüsselbund seiner Nachbarn den Schlüssel heraus, den er für einen Autoschlüssel hielt und drehte ihn im Zündschloss. Der Motor sprang sofort an und Mika ließ den Wagen langsam von der Einfahrt auf die Straße rollen. Als der Wagen dann auf der Straße stand, überlegte er, ob man als letzter Mensch im Straßenverkehr irgendetwas beachten sollte. An Verkehrsregeln brauchte er sich jetzt wohl kaum zu halten. Andererseits wäre es wirklich tragisch, wenn er den letzten Immunen aus Versehen an einem Zebrastreifen überfährt. Niemand würde ihn vor überfrierender Glätte warnen, niemand würde umgestürzte Bäume von der Autobahn entfernen. Und niemand würde ihn aus einem verklemmten Auto befreien, wenn er sich überschlägt.
Er gab leicht Gas und ließ den Wagen langsam anfahren.

2 Gedanken zu „Der Virus“

  1. Sehr gute Einleitung! Wofür?

    Ich bin auf den Gedanken gekommen, dass wir alle aufeinander angewiesen sind. Dass wir das überlebensnotwendige – Essen – bei unseren täglichen Gedanken nicht ausser Acht lassen sollten. Ich bin Gott dankbar, dass ich in einer funktionierenden Gesellschaft mit sozialer Sicherung und medizinischer Versorgung lebe.

    Ich bin mit dem Gedanken eines solchen globalen Szenarios gross geworden. Ich weiss, wie ich mich ernähren würde, wie ich welches Wissen bewahren würde und wie ich mir einen Zeitplan erstellen würde, um die anderen Immunen zu finden. Ich würde als Erstes damit anfangen, weiter in den Süden zu ziehen und dabei in den Städten Energievorräte und Wissen (Bücher) sichern. Ich würde mir Depots anlegen und im Süden eine Radiostation reaktivieren, die mir es ermöglichte, den Kontakt mit anderen aufzunehmen. Mein Autoradio würde ich genau aus diesem Grund nicht ausschalten, selbst, wenn es nur rauschte. Zuletzt würde ich meinen Gott fragen: Warum? Habe ich etwas missverstanden?

    Diskriminierung.

  2. Die Idee, nach Süden zu ziehen und eine Radiostation zu reaktivieren ist gut. Aber um zu senden bräuchte man ein funktionierendes Stromnetz, oder? Dann könnte man doch auch das Internet benutzen um auch Rückmeldung zu erhalten und eine Kommunikationsplattform weltweit zu haben.

    Mich hat an dem Szenario der Gedanke fasziniert, dass man in so einer konstruierten Situation erkennen kann, wie komplex eigentlich unser Empfinden und unsere Einstellungen sind: wenn wir in den Wald gehen sind wir nicht allein – selbst wenn wir es vielleicht gerade tun, um allein zu sein! – sondern schleppen einen riesigen Kulturraum mit uns. Wir betreten ihn als Gattungswesen Mensch, nicht als Individuen. Wir betrachten ihn als schützenswert, weil die Menschheit ihn abbaut – nicht wir. Wir schleppen in unserem Empfinden die Tatsache mit, dass jedes gefährliche Tier in Deutschland von irgendjemandem abgeknallt würde, und gerade dieses Wissen erlaubt es uns andererseits, uns darüber aufzuregen.

    Normalerweise empfinden wir uns nicht als so abhängig in unserem Empfinden von der ganzen Menschheit. Und gerade deswegen war es mir ein Anliegen, durch dieses Szenario einen Einstieg in die Überlegung zu bieten, wo es aber tatsächlich so ist. Es wäre auch spannend, mal zu überlegen, wie Mika nach dem Tag X über Fotos denkt. Wird er jetzt Sport treiben, was wird ihm an seinem Körper überhaupt das Wichtigste sein? Mit welchen Gedanken wird er sich bei seiner Feldarbeit beschäftigen, jetzt wo er so viel Gedanken nicht mehr machen muss, die ihm von den Medien angereicht wurden? Wie wird er Partnerschaft leben, Kinder erziehen, wie wird er über die Religionen denken? Wie wird die erste kleine Gesellschaft aussehen? Welche Bereiche der Wissenschaft werden seine Kinder als Erstes weiter betreiben…usw…
    Und dann stellt sich die Frage: Hat Mika die Welt jetzt zum ersten Mal so gesehen, wie sie wirklich ist? Oder war sie vorher normal und jetzt ist die Normalität durch eine Extremsituation unterbrochen, um so schnell wie möglich zurück erobert zu werden? Oder ist die Frage albern?

    Ein anderer wichtiger Gedanke war mir die Rolle der Medien. Mika klammert sich in der Geschichte bis zum Schluss an die Möglichkeit, dass er noch einmal neue Informationen aus dem Fernsehen bekommt, und der Tag X beginnt exakt in dem Moment, wo dieser für immer dunkel bleibt.
    Ich bin überzeugt davon, dass dieses Vorgehen realistisch wäre. Denn auch wenn uns die Einflüsse wirklich der gesamten Menschheit auf unser Leben im Alltag nicht so bewusst sind, empfinden viele es doch als enorm wichtig, den Kontakt zu den großen Informationsverteilern der Menschheit nicht zu verlieren.

    Die Geschichte ist keine Kritik an Gesellschaft oder an der Tatsache, dass Gesellschaften undurchschaubar vernetzte Wesen sind. Es ging mir auch nicht darum, vor einer Gefahr zu warnen. Sonst wäre der Auslöser traditionell ein Atomkrieg oder irgend ein Monster aus den Labors obskurer Wissenschaftler.
    Die Geschichte ist vielleicht eher eine Kritik der Gedanken.

    Moorwackler

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