Pädophilie in öffentlichen Kinderheimen und -tagesstätten

Die Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) möchte ein Gesetz auf den Weg bringen, durch dass auch geringfügige sexuelle Straftaten in einem erweiterten Führungszeugnis aufgeführt werden. Der Hintergrund sind die wiederholten Fälle von pädophilen Betreuern in öffentlichen Kindertagesstätten und Kinderheimen. Näheres dazu in einem Artikel der SZ. Pädophile suchten sich lt. Zypries gezielt Berufe, in denen sie engen Kontakt zu Kindern hätten. Das neue Gesetz solle hier zumindest die Fälle verhindern, in denen jemand, der schon beispielsweise durch den Handel mit pädophilem Bild-Material leicht vorbestraft wurde, dann eine Stelle als Kinderbetreuer erhält. Bislang erscheinen in den Führungszeugnissen nur Straftaten ab einer Freiheitsstafe von mehr als drei Monaten oder einer Geldstrafe von mehr als 90 Tagessätzen.

Das Thema scheint in den Medien nicht besonders beliebt zu sein, denn von den Fällen, an die Frau Zypries vermutlich denkt, erfährt man nichts außer der Tatsache, dass Frau Zypries dagegen vorgehen möchte. Es passt nicht in diese Zeit, in der alle Eltern arbeiten und ihre Kinder von anderen betreuen lassen möchten, in der keine Kosten gescheut werden, um flächendeckend Kleinst-Kind-Betreuung für alle kostenlos anzubieten wenn nun ein Schatten auf den staatlichen Erziehungssektor fällt. Dabei ist das Problem mit dem neuen Gesetzesentwurf kaum in den Griff zu kriegen, und dafür gibt es Gründe, die nicht einfach mit einer juristischen Lücke erklärt werden können:
Pädophiler Missbrauch kommt fast ausschließlich in Familien mit Stiefeltern vor und fast nie dort, wo die leiblichen Eltern ihre Kinder erziehen. Dieser Unterschied ist frappierend eindeutig. Es stimmt eben nicht, dass es letztlich egal ist, von wem Kinder versorgt werden, denn die leibliche Elternschaft scheint ein massives Schutzwerk in den Gefühlen zu errichten, die sich nicht mit sexuellen Gefühlen vertragen. Das Gleiche gilt ja auch für die Beziehung von Bruder und Schwester. Diese Beobachtung ist banal, wenn sie nicht so schrecklich unmodern wäre.
Die gleichen Mechanismen, die in der Patchwork-Familie so oft zu Missbrauchsfällen führen, muss man auch in anderen Bereichen erwarten, in denen Kinder von Fremden betreut werden. Die Heime haben allerdings viel weniger Erzieher pro Kind und bieten den Kindern dadurch noch weniger Schutz, als sie ihn in einer Patchwork-Familie vielleicht hätten. Der neue Gesetzesentwurf wird nur dafür sorgen, dass keine Bewerbungen von Menschen geschrieben werden, die schon etwas auf ihrem Führungszeugnis stehen haben. An ihre Stelle treten dann eben die Bewerber, die noch ein blankes Führungszeugnis haben weil sie nicht erwischt wurden. Die Leute sind ja vermutlich nicht blöd.

Was kann man stattdessen tun? Nicht viel, aber es wäre schon mal ein Anfang, wenn die Öffentlichkeit anfängt, sich für ihre Kinder zu interessieren. Dies kann z.B. durch wissenschaftlich begleitete Interviews mit Heimkindern anfangen, deren Ergebnisse dann veröffentlicht werden.
Zweitens können Kirchen sich gezielt an Heimkinder wenden und ihnen die Möglichkeit der Beschwerde bieten. Leider sind auch schon genug pädophile Priester an Kindern schuldig geworden. Aber wenn wird darauf warten, bis die Institution mit der weißen Weste auftaucht, könnte es für viele Kinder zu spät sein. Natürlich könnte auch ein gemeinnütziger Verein so einen Anlaufstelle werden, aber bis sich das Bewusstsein in der Bevölkerung entwickelt hat, dass hier Handlungsbedarf ist, wird es noch eine Weile dauern. Und bis dahin könnten Kirchen und Gemeinden diese Aufgabe übernehmen.

5 Gedanken zu „Pädophilie in öffentlichen Kinderheimen und -tagesstätten“

  1. Hallo Moorwackler!

    Danke für Deinen Beitrag, den ich in seinem Anliegen voll und ganz unterschreiben möchte.

    Eine Frage zu der Statistik: aus welcher Quelle stammt die Aussage, daß pädophiler Mißbrauch nur in Ausnahmefällen seitens der leiblichen Eltern erfolgt?

    Ich kann zwar nachvollziehen, daß so etwas wie die natürlichen „Elterngefühle“ an sich schon eine starke Bande gegen sexuelle Übergriffe darstellen. Aber erstens ist auch diese Bande potentiell brüchig – und zweitens bin ich bislang davon ausgegangen, daß Fälle von sexuellem Mißbrauch innerhalb der eigenen Familie einfach weit weniger zur Anzeige gebracht werden als Übergriffe von Fremden oder zumindest Nichtverwandten.

    Hast Du Links zu den Statistiken, auf die Du Dich beziehst, bzw. Hinweise auf Literatur?

    Viele Grüße,

    Tobias

  2. Hallo Tobias,

    ich dachte zunächst an ein Interview mit einem Psychologie-Professor, der zum Fall Amstetten befragt wurde und eben sagte, dass dieser Fall nicht nur wegen seiner besonderen Grausamkeit sondern vor allem deswegen so unerklärlich sei, weil so etwas normalerweise nicht bei den leiblichen Vätern geschieht.

    Aber es gibt hierzu auch prominente Untersuchungen,über die ich in der SZ etwas gefunden habe:
    „Einige der wichtigsten Studien zum Thema Stiefeltern stammen von dem Forscherehepaar Martin Daly und Margo Wilson von der McMaster University in Hamilton, Kanada. Die Wissenschaftler hatten in den achtziger Jahren anhand von nordamerikanischen Kriminalstatistiken untersucht, ob Kinder in Familien mit Stiefmutter oder –vater ein höheres Sterberisiko haben als in Familien mit nur leiblichen Eltern.

    Höheres Todesrisiko für Stiefkinder
    In Kanada zum Beispiel wurden damals jährlich pro einer Million Kinder im Alter von bis zu drei Jahren etwa 640 Kinder von einem Elternteil getötet. Damit war die Zahl der getöteter Kinder 70 Mal größer als die unter ihren Altersgenossen, die mit beiden leiblichen Eltern lebten.

    Weitere Analysen der Todesfälle kleinerer Kinder ergaben sogar ein hundertmal höheres Risiko für Stiefkinder, von einem Elternteil getötet zu werden. Und bei Teenagern war das Risiko immerhin noch 15 Mal so hoch.

    Wie das Ehepaar berichtete, wurden Hinweise und Daten auf Unterschiede für Stief- und leibliche Kinder auch andernorts beobachtet. So wurden 32 Prozent der Kinder in England und Wales, die bei mindestens einem Stiefelter aufwuchsen, Opfer einer Misshandlung – und drei Prozent derjenigen Kinder, die nur bei leiblichen Eltern lebten.

    Und in Finnland gaben 1996 fast vier Prozent der befragten fünfzehnjährigen Mädchen an, vom Stiefvater missbraucht worden zu sein, während 0,2 Prozent ihren leiblichen Vater beschuldigten. Asiatische Studien ergaben, dass Schüler häufiger über Schläge klagten, wenn sie mit einem Stiefvater oder einer Stiefmutter lebten, als wenn sie nur von leiblichen Eltern aufgezogen wurden. Und Stiefkinder verlassen früher das Elternhaus als leibliche Kinder.

    Gravierende Unterschiede bei der Behandlung der Kinder wurden auch in archaischen Gesellschaften beobachtet, etwa bei den Aché, einem Stamm von Jägern und Sammeln in Paraguay. 43 Prozent aller Kinder mit einem Stiefvater erleben hier nicht das 15. Lebensjahr. Von jenen, die von den leiblichen Eltern versorgt werden, sterben dagegen 19 Prozent vorher.

    Auch Studien deutscher Wissenschaftler deuten auf Nachteile für Stiefkinder. So untersuchten etwa Eckart Voland von der Universität Gießen zusammen mit Peter Stephan Kirchenbücher deutscher Ortschaften aus den vergangenen Jahrhunderten.

    Wie sie feststellten, war die Lebenserwartung von Kindern zum Beispiel in der Ortschaft Ditfurt bei Quedlinburg im 17. bis 19. Jahrhundert im Durchschnitt etwa sieben Jahre geringer, wenn sie bei einer Stiefmutter lebten. Von 1000 Kindern, deren Vater nach dem Tod der Mutter nicht mehr heiratete, starben etwa 100 vor dem 15. Lebensjahr. Gab der Vater dagegen einer zweiten Frau das Jawort, stieg die Zahl der Todesfälle auf 130. Offenbar stellte die neue Frau in der Familie demnach ein gewisses Risiko für die Kinder dar.“ ( http://www.sueddeutsche.de/wissen/754/315643/text/ )

    Gruß
    Moorwackler

  3. Vielen Dank für die Nachreichung, das ist sehr informativ!

    Mich würde zwar trotzdem interessieren, ob die Statistiken nicht wesentlich anders aussähen, wenn die Dunkelziffer von sexuellem Mißbrauch seitens leiblicher Eltern einberechnet würde – aber es ist nun einmal eine Dunkelziffer …

    Viele Grüße,

    Tobias

  4. Hallo Tobias,

    die Statistiken sähen mit Sicherheit anders aus und alle, die sich mit dem Thema auskennen, gehen von sehr hohen Dunkelziffern in beiden Bereichen aus. Aber sie gehen m.W. nicht davon aus, dass sich an der klaren Tendenz viel verschieben würde. Und spätestens wenn man die Mortalität der Kinder in beiden Familienformen vergleicht, kommt man zu eindeutigen Ergebnissen. Das Ergebnis passt sehr gut zu den repräsentativen Befragungen.

    Gruß
    Moorwackler

  5. Hallo Moorwackler!

    Der Verweis auf die Mortalitätsrate bei Kindern macht Sinn, wobei hier ja allerlei Faktoren reinspielen, von denen sexueller Mißbrauch vermutlich nur die Spitze des Eisbergs ist. Aber wenn man davon ausgeht, daß die Tendenz der Mortalitätsrate bei allen Faktoren, die hier eine Rolle spielen, einigermaßen gleich ist, dann kann man schon darauf schließen, daß auch sexueller Mißbrauch durch leibliche Eltern seltener ist als der durch Fremde – sehe ich auch so.

    Viele Grüße,

    Tobias

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