Was ist Toleranz?

Politisch verwässerten Begriffen nähert man sich am Besten im Ausschlussverfahren: Von der Wortbedeutung muss es sich um eine Art von „Gewährenlassen“ oder „Erdulden“ handeln, aber wir sprechen nicht von Toleranz, wenn jemand gemobbt wird. Er erduldet zwar möglicherweise viel, aber er erduldet es nicht freiwillig. Tolerant ist auch nicht derjenige, der Unrecht geschehen lässt, in das er eingreifen müsste. Ein toleranter Mensch ist zwar einerseits irgendeiner Form von Wissen um gut und schlecht verhaftet – wer nichts schlecht findet, kann auch nichts tolerieren – und doch scheint es eine Form des Duldens zu geben, die dem Guten nicht widerspricht.
Gibt es solche Fälle? Im Alltag kennen wir sie recht häufig: z.B. wenn Nachbarn duldsam sind gegenüber einem kläffenden Hund oder plärrenden Kindern oder Grillgerüchen. Es ist eine ganz einfach Form der Duldsamkeit, die ohne großes Pathos daher kommt. An diesen Beispielen kann man sehen, was wir an dieser Form der Duldsamkeit loben, wenn wir sie als „tolerant“ qualifizieren: es ist ein tolerieren, mit dem man niemandem schadet und mit bescheidenen Mitteln den Frieden sichert.
Nun werden aber einige psychologisch vorbelastete Menschen gleich einwenden, dass es aber auch sein kann, dass dieses scheinbar so tolerante Verhalten ja einfach eine Form von Feigheit sein kann. Vielleicht sind die toleranten Nachbarn ja, wenn sie abends alleine am Küchentisch sitzen und unter sich über den kläffenden Hund und die plärrenden Kinder reden, eher ein Muster für Engstirnigkeit als für Toleranz.

Es geht offenbar bei der Frage, was wir als tolerantes Verhalten bezeichnen nicht nur darum, was geduldet wird, sondern auch darum, aus welchen Motiven geduldet wird. Solange das tolerante Verhalten nur dem eigenen Nutzen dient und nicht ehrlich gemeint ist, könnten wir – sofern wir es wissen können – nicht von Toleranz sprechen. Wirkliche Toleranz scheint ein Aspekt von etwas Größerem zu sein. Vielleicht kann man Toleranz am Besten so definieren:
Toleranz ist die Fähigkeit, aus Liebe Leiden zu ertragen.
Es ist daher kein Wunder, dass dieser Begriff im christlichen Abendland entwickelt wurde, denn er hängt aufs Engste mit dem christlichen Liebesbegriff zusammen und wird von niemandem besser verkörpert als von Jesus selbst, der für seine Kirche die Herrlichkeit verließ und sich bis zum Tod am Kreuz erniedrigen ließ.

Wenn heute von Toleranz die Rede ist, dann oft in einem sehr politischen Kontext. Es ist heute sehr populär, für Toleranz zu kämpfen und sich sogar politisch dafür einzusetzen. Wer verstanden hat, was Toleranz ist, wird aber leicht erkennen, wie unsinnig so eine Formulierung ist. Es würde auch niemand einen Krieg für mehr Liebe unter den Menschen führen oder für herzliche Selbstverleugnung. Und genau das ist Toleranz, wenn sie den Begriff verdient. Es handelt sich hierbei offensichtlich um kein politisch brauchbares Konzept und nichts, wofür man sinnvoll kämpfen kann. Man kann für Freiheiten kämpfen, aber nicht für Toleranz.
Wenn dennoch der Anspruch erhoben wird, für Toleranz zu kämpfen, scheint der Begriff vom Kampf um eine Freiheit nicht zu genügen, und tatsächlich ist es auch nicht dasselbe: wer für die Freiheit kämpft, ermöglicht sich oder anderen bestimmte Optionen. Wer – zumindest in seinem Wahn – für Toleranz kämpft, zielt eigentlich dem Anspruch nach auf die Motive hinter dem freiheitsberaubenden Verhalten. Er möchte nicht nur die Freiheit, sondern auch die liebevolle Zustimmung hinter der Freiheit. Da ihm nun der Kampf für wirkliche Liebe nicht möglich ist, bleibt ihm nur noch der Kampf um die Zustimmung. Nur ist Zustimmung keine Toleranz. Wer etwas billigt oder sogar gut findet, kann es nicht tolerieren.
Der Kampf gegen Intoleranz kann nur ein Kampf gegen das Gewissen sein, das durch Drohen und Spott belastet werden soll. Da so ein Vorgehen offensichtlich wenig mit Liebe zu tun hat, hat es auch wenig mit Toleranz zu tun.
Man kann also zum Kampf für mehr Toleranz kurz sagen: es gibt ihn nicht, weil er weder aus einer toleranten Gesinnung entstehen kann noch wahre Toleranz zum Ziel hat.

2 Gedanken zu „Was ist Toleranz?“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.