„…dass ihr die Liebe nicht aufweckt und nicht stört, bis es ihr selbst gefällt.“

Der Streit um das richtige Vorgehen gegen Kinderpornographie dürfte zu einem der bizarrsten werden, die wir vor dem Wahlkampf erleben: so viel Einigkeit und so leidenschaftliche Uneinigkeit sind auf den ersten Blick schwer einzuordnen. Wenn es wirklich um die gleichen Ziele geht, sollten die gemeinsamen Mittel kein großes Problem sein – und über die Mittel ist man sich ja zu 99% ebenfalls einig. Alle wollen die Polizei stärken und die Opfer besser betreuen etc…
Und da der Markt mit der Kinderpornographie nach wie vor boomt, müssen sich ohnehin alle Parteien die gleichen Vorwürfe gefallen lassen, nicht rechtzeitig genug und nicht wirkungsvoll dagegen vorgegangen zu sein. Worum geht es also?

Die Grünen haben auf ihrer Homepage einen Text veröffentlicht, auf dem sie erklären, weshalb sie die von Familienministerin Von der Leyen geplante Sperrung von Seiten mit kinderpornographischem Material ablehnen.
Die Argumente der FDP finden Sie hier.
Die ausführlichste Diskussion des Themas bietet ein Artikel der c`t, den ich hier auf Spiegel zitiere.

Die Argumente sind nicht leicht von der Hand zu weisen. Auch wenn es um schwere Verbrechen geht, müssen rechtsstaatliche Regeln eingehalten werden. Ich möchte hier auch nicht das Vorgehen selbst diskutieren oder Alternativen vorschlagen, sondern auf eine bedenkliche Akzentverschiebung hinweisen, die in der Diskussion eher durchschimmert als klar formuliert wird.

In allen drei Quellen (Grüne, FDP und c`t bzw. der zitierende Spiegel) scheint stillschweigend nur die tatsächlich verübte Gewalt bekämpfenswert zu sein, nicht aber Sexualität mit Kindern. Zumindest habe ich in keinem einzigen Text einen Hinweis gefunden, der diesem Punkt widerspricht. Im Gegenteil beginnt der Text der Grünen ausdrücklich mit einer Abgrenzung:

„Es handelt sich nicht um mehr oder weniger verfängliche Darstellungen der Sexualität Jugendlicher, sondern um Szenen der Vergewaltigung und des Quälens von Kleinkindern.“

M.W. spricht man nicht erst bei sexuellen Gewaltvideos von „Pornos“ sondern müsste sie etwas allgemeiner als „verfängliche Darstellungen der Sexualität“ bezeichnen. Klar ist „Quälen“ und „Vergewaltigen“ ein Verbrechen, aber zu einem Verbrechen wird es doch im Falle von Minderjährigen (und nicht nur bei „Kleinkindern“!) nicht erst durch die Gewalt, sondern schon durch die sexuelle Betätigung und Darstellung an sich.
Was ist beispielsweise, mit Darstellungen von Kindern, die nicht illegal aufgenommen aber illegal im Internet betrachtet werden? Z.B. der Missbrauch pädiatrischer Abbildungen von Kleinkindern. Keiner der Kritiker bietet eine alternative Lösung zur derzeitigen Gesetzesvorlage, wie diese Inhalte aus dem Netz entfernt werden können und damit nicht nur die Entstehung (im Falle der Pädiatrie würde man die Abbildungen als solche vermutlich überhaupt nicht verfolgen, aber will sie vermutlich auch nicht unbedingt im Netz haben) sondern auch die Nutzung bestmöglich unterbunden werden kann.
In der stillschweigenden Zuspitzung des Themas auf den Gewaltaspekt, fehlt mir das klare Bekenntnis der Grünen, dass Sexualität mit Kindern, und das begehrende Betrachten nackter Minderjähriger überhaupt, auch wenn keine Gewalt abgebildet wird, verwerflich ist.

Die scharfen Worte und Vorwürfe gegen die Union können für einen Moment von solchen Überlegungen ablenken. Aber die schnodderige Formulierung, es gehe ja nicht um die „Darstellung“ der Sexualität Jugendlicher, legt nahe, dass die Grünen faktisch genau diese schützen und aus der Schusslinie ziehen möchten. Und genau das könnte der eigentliche Unterschied sein, der zu den unterschiedlichen Positionen führt. Aber dieses Thema ist zu brisant, um es im Wahlkampf offen zu diskutieren, und so geht es im Bundestag nur um politische Technik.
Vielleicht unterstelle ich den Grünen hier zu viel, aber dann würde ich mich um so mehr über einen Widerspruch aus ihren Reihen freuen.

Die Überschrift ist übrigens ein Auszug aus Hohelied 8,4. Der Text gefällt mir in diesem Zusammenhang deswegen sehr gut, weil er die kulturell bedingte Frage nach einem Verständnis von Kindheit umgeht. Geschützt wird nicht ein bestimmtes Alter, sondern wenn man so will, ein bestimmter Entwicklungsstand. Es gibt offenbar ein Alter, in dem Kinder zwar im weitesten Sinne eine Sexualität haben, aber diese eben doch nicht so leben, wie Erwachsene sich Sexualität vorstellen. Im Hohenlied erscheint nun dreimal die „Beschwörung“, auf keinen Fall die Liebe vorzeitig zu wecken. Es geht nicht um Gewalt, sondern um Verführung, die angeprangert wird. Kinder haben das Recht, nicht nur vor Gewalt geschützt zu werden, und nicht nur vor sexuellen Aufklärungsspielchen moderner linker und grüner Pädagogen, sondern sie haben ein Recht auf eine Kindheit, die vor der Anwesenheit der erwachsenen Sexualität und ihren Angeboten geschützt ist – bis sie auf geheimnisvolle Weise anfängt, sich selbst zu regen und auf die Suche zu gehen…
Das Tabu um die kindliche Sexualität ist daher gut und zu verteidigen. Wenn eine Gesellschaft das Tabu in Gedanken, nämlich in der lustvollen Betrachtung kindlicher Sexualität, bricht, wird sie auch das Tabu in der Realität nicht glaubwürdig verteidigen können.
Das ist ein ernstes Thema, das im lauten Kampf um die besonders abscheulichen Verbrechen der Pornographie leider unterzugehen droht und doch dringend öffentlich eingefordert werden muss.

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