Ein Kampf gegen das Christentum

Konkret geht es um einen christlichen Kongress für Therapie und Seelsorge, auf dem es (wie beim Christival neben vielen anderen auch) Seminare zur Therapie Homosexueller gibt. Ein Aktionsbündnis mit prominenter politischer Unterstützung hat diesem Kongress den Kampf angesagt. Gleichzeitig stellen die Organisatoren in ihrem Flyer aber folgendes fest:

„Unser Protest richtet sich auch nicht nur gegen ein, zwei oder drei Workshops oder Referent_innen auf dem Kongress, sondern vielmehr gegen die homophobe und religiös-fundamentalistische Ausrichtung der evangelikalen Bewegung. Deshalb werden wir den Kongress verhindern!“

Was sie unter „Evangelikalen“ verstehen kann man dort auch gleich nachlesen:

„Evangelikale sind eine rückwärtsgerichtete Strömung innerhalb des Protestantismus, die sich durch fundamentalistische Bibelauslegung, Absolutheits- und Missionierungsanspruch auszeichnet und die nach gesellschaftlichem Einfluss streben.“

Da an dem Bündnis auch politische Parteien beteiligt sind, verstehe ich den letzten Vorwurf allerdings nicht: befürchten die Schreiber, dass es Christen gibt, die sich im öffentlichen Diskurs nicht an die Spielregeln halten? Oder sind sie der Auffassung, dass Christen ihre Meinung nicht von sich geben dürfen? Bevor ich den Autoren hier etwas Falsches unterstelle, möchte ich die Frage lieber offen lassen.
Die ersten Punkte sind heikler, weil sie zwar den „Evangelikalen“ zugeschrieben werden und gleichzeitig deutlich gemacht, dass man darunter nur einen bestimmte Strömung innerhalb einer Konfession innerhalb des Christentums meint und nicht das Christentum selbst. Aber wie soll denn ein Christentum ohne diese Punkte aussehen? Der Kern des Christentums ist das Evangelium, also ein Heilsweg, der vor Unheil retten soll. Der Absolutheitsanspruch lässt sich nicht vom Kern des Christentums trennen: dass der Mensch Gott gegenüber Rechenschaft schuldet, und zwar nur Gott gegenüber und keinem anderen Gott (Monotheismus), dass der Mensch gegen Gottes Willen chronisch rebelliert und schuldhaft dem Tod verfallen ist, dass der Mensch erlösungsbedürftig ist und in Christus die Vergebung seiner Sünden von Gott zugesprochen bekommt, dass es eine Auferstehung der Toten und ein Gericht am letzten Tag geben wird und dass dies für die Einen den Himmel und für die Anderen die Hölle bedeutet – und dass die jetzigen Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die diejenigen erwartet, denen Gott die Schuld nicht zurechnet.

Der Missionsauftrag ist ein direkter Befehl von Jesus und ebenfalls unaufgebbar – und im Übrigen eine wohltuend stilvolle Alternative zu dem politischen Druck, mit dem von anderen Gruppen ihre Weltanschauung an den Mann bringen wollen…

Der erste Vorwurf lautete auf „fundamentalistische Bibelauslegung“. Was soll das sein? Sind Christen dafür bekannt, dass sie Bibeltexte anders verstehen als andere? Das Einzige, was man ihnen vorwerfen kann, ist der Umstand, dass es unter den evangelischen Christen (ich meine damit nicht das liberale Kulturchristentum) sehr viel laienhafte Exegese gibt, die alle Schwierigkeiten enthält, die Menschen im Umgang mit Texten haben können. Das ist zunächst nach meiner Beobachtung eher ein Problem des Deutschunterrichtes, als einer bestimmten Theologie…
Grundsätzlich ist aber gerade die flächendeckende Lektüre der Bibel gewollt, weil es im Reich Gottes keine religiöse Elite geben darf. Die entsteht immer genau und zuverlässig dort, wo die Menschen sich daran gewöhnen, dass die Bibel nur mit spezieller Vorbildung gelesen werden darf. Der allgemeine Zugang zu DER Informationsquelle darüber, was ein Christ wissen muss, ist ein Teil urchristlicher Demokratie, die genau in dem Maße verloren geht, in dem Christen aufhören, die Bibel selbst zu lesen und stattdessen ihrem Pastor blind folgen.
Wenn „fundamentalistische Bibelauslegung“ bedeutet, dass man oft mit laienhafter Bibelauslegung zu tun hat, dann kann ich mit einem Schultzucken damit leben und verweise bei Bedarf auf brillante Auslegungen. Wenn der Begriff bedeutet, dass Christen irgendetwas grundsätzlich geheimnisvoll anderes mit der Bibel unternehmen, dann trifft der Vorwurf nicht. Unser heutiges Schulsystem wurde maßgeblich von der Reformation auf die Wege gebracht und zwar vor allem mit dem Ziel, allen Menschen das Lesen und Schreiben bei zu bringen, damit alle Christen ihre Bibel selbst lesen können! Dabei handelte es sich um – Deutschunterricht! Genau das sollte das Werkzeug für Christen sein, wenn sie mit der Bibel arbeiten.

Vielleicht geht es aber eigentlich gar nicht um eine bestimmte Auslegung, sondern um die Frage, welche Autorität biblische Texte haben sollten. Nun, in einer Buchreligion, als die das Christentum m.W. angesehen wird, geht eben alle Autorität von einem Buch aus. Wer damit nicht leben kann, sollte kein Chris werden. An derBibel müssen sich alle Lehrentscheidungen und jede Ethik messen lassen. Dass die Ergebnisse nicht immer dem aktuellen Zeitgeist entsprechen, liegt in der Natur der Sache und ist ein Zeichen integrer Exegese.

Zuletzt muss man feststellen, dass der Kampf des Aktionsbündnisses und seiner unterstützenden Gruppen gegen das Christentum an sich gerichtet ist und eben nicht gegen eine bestimmte Form des Christentums – und schon gar nicht um bestimmte Positionen, wie der Flyer ja ausdrücklich festhält!
Würde man dies zugeben, wäre es ein Affront gegen das Grundgesetz. Formal muss jeder Teilnehmer des Bündnisses die religiöse Freiheit auch dem Christentum zugestehen. Aber wer die Vorwürfe aufmerksam liest, merkt, dass von diesem Christentum nicht mehr viel mehr als der Name übrigbleibt.

Da wir uns im Wahlkampf befinden, möchte ich den Artikel mit dem Hinweis beenden, dass dieses Bündnis u.a. von Politikern der Grünen und der Linken unterstützt wird.

2 Gedanken zu „Ein Kampf gegen das Christentum“

  1. Hallo,

    nur eine kurze Anmerkung zum ersten Absatz: Soweit ich es überblicke, gibt es auf dem Kongress kein Seminar, das sich direkt mit dem Thema Homosexualität beschäftigt. Der Aufhänger des ganzen Streites ist also offenbar an den Haaren herbeigezogen. Was wiederum nur unterstreicht, dass es den Kritikern nie um eine sachliche Auseinandersetzung ging.

    Viele Grüße, Johannes

    PS: Noch eine kleine Anmerkung zu diesem Blog: Es wäre schön, wenn man etwas mehr über die Autoren erfahren könnte! – Oder habe ich da was übersehen?

  2. Hallo Johannes,

    vielen Dank für die Anmerkung, ich habe jetzt einen Link zum Veranstalter eingefügt. Dort kann man sich das Programm ansehen.

    Gruß
    Moorwackler

    PS: ich bin Calvinist.

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