Das Ende des Internets

Jede Gesellschaft bringt die Technik hervor, die sie braucht. Und ebenso kann sie die Technik auch wieder ablegen, wie einen Wintermantel. Dieser Gedanke ist schwer verdaulich in einer Kultur, die vom Mythos der ewigen Evolution allen Lebens geprägt ist. Wir haben doch eher das Bild, dass die Technik wie eine großer Turm ist, bei dem zwar jede Etage auf der darunter liegenden aufbaut, aber die Richtung immer gleich bleibt, nämlich steil nach oben.
Tatsächlich können Wissenschaften aussterben oder doch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken. Heute wird jemand, der sich mit dem Verlauf der Gestirne auskennt, nicht mehr berühmt. In westlichen Kulturen ist die Kunst des Fährtenlesens praktisch ausgestorben. Von vielen Techniken alter Kulturen scheinen wir noch nicht einmal zu wissen, dass es sie gab, nur dass wir ihre kulturellen Leistungen nicht erklären können. Seefahrernationen haben Schifsrümpfe entwickelt, vor denen noch ein moderner Bootsbauer beeindruckt ist. Theologen konnten im Mittelalter berühmt werden, wenn sie es schafften, eine Synthese zwischen der Bibel und den berühmten antiken Autoren zu konstruieren. Heute könnten sie mit dieser Kunst kaum noch einen Kurs in einer Volkshochschule voll kriegen.
Wer sich für das Thema interessiert, wird in dem Buch „Der Untergang des Abendlandes“ noch erstaunlichere Beispiele aus der Mathematik finden. Wir haben nicht nur weiter entwickelt, sondern auch viel Wissen und viele Fertigkeiten verloren. Das muss kein Grund zum Klagen sein, aber man fängt natürlich an zu fragen, wieso unsere Gesellschaft gerade ihre Techniken entwickelt hat, und ob sie möglicherweise irgendwann aussterben.
Ich möchte das mal anhand des Internets durchspielen, eine Technik, von der man sich kaum vorstellen kann, dass eine Gesellschaft auf sie einmal verzichten wird. Es ist aber denkbar, dass es sich in wenigen Jahrzehnten zu einer reinen Datenbank entwickeln wird und Chats und Foren aussterben werden.

Das Internet birgt nämlich eine Gefahr, die größer ist als Krieg und Terrorismus. Das Internet hat das Potential, einen Rechtsstaat aus den Fugen zu heben und zu einer Diktatur der Straße zu führen. Der Terrorismus wird naturgemäß von kleinen Gruppen ausgeübt. Die Anschläge sind zwar punktuell schwer, aber verpuffen in ihrer Wirkung ein Gewehrschuss im Wasser. Kriege zwischen Staaten, wie man sie noch bis zur Moderne kannte, sind mit der Erfindung der Atombombe im Westen praktisch ausgestorben. Denn durch sie ist der Krieg unberechenbar geworden und taugt nicht mehr zum politischen Mittel.
Die eigentliche Gefahr liegt daher in der globalen Bildung von digitalen Gangs, die sich von herkömmlichen analogen Gangs unterscheiden: ihre Netzwerke sind auf verschriftlichte Sprachformen reduziert. Inhaltlich werden sie nicht durch räumliche Nähe, Berührungspunkte im Leben oder gemeinsam Interessen zusammen gehalten, sondern durch Ideen.
Die Ideen wiederum unterscheiden sich von dem analogen herkömmlichen Austausch von Ideen: sie sind nicht argumentativ sondern fragmentarisch. Sie leben nicht in Kontexten sondern in Begriffen, die nahezu beliebig verbunden werden können. Die völlige Freiheit des digitalen Raumes straft keine Inkonsistenz, sie ist darin nachsichtiger als der Alltag.
Digitale Kontakte entwickeln sich nicht sondern können ohne Übergang begonnen und beendet werden. Freundlichkeit und Unfreundlichkeit sind nicht auf Menschen bezogen, sondern auf Gruppengrenzen. Durch Freundlichkeit wird jemand in der Gruppe akzeptiert, durch Unfreundlichkeit ausgestoßen, beide haben daher keine strafende sondern eine technische Funktion. Allerdings führt der technisch reduzierte Umgang zu einer verrohten Sprache, die sich direkt aus der sachlichen Kühle des menschenfreien Gesprächs entwickelt. Im analogen Gespräch ist Sachlichkeit die Kunst, die menschlichen Empfindungen nicht über die Wahrheit regieren zu lassen. Im digitalen Gespräch kann man sie nicht nur leicht ignorieren, man muss sich vielmehr bewusst darauf besinnen, dass auf der anderen Seite überhaupt Menschen sitzen. Das digitale Gespräch verführt deswegen zur rohen Sprache und der Übergang von den nicht-menschlichen, technischen Gesprächsformen zur un-menschlichen ist hierbei fließend.

Da die Gruppen sich über Gedanken und Ideen identifizieren, teilweise aber sehr groß sind, entwickeln sich Lesetechniken, die schon beim Scannen der Texte eine Zuordnung erlaubt. Allein die Anwesenheit bestimmter Themen und Schlagworte genügt, um die Zugehörigkeit zu begründen. Da die Ideen nur soziale Funktion haben, ist der Anspruch an ihre Konsistenz nicht allzu hoch.
Dieser Umgang mit Texten führt allerdings dazu, dass eine schleichende Immunisierung gegen wirkliche Argumente entsteht. Denn wenn man die Idee aus einem anderen Lager liest, erkennt man das schnell an Schlagworten, aber auf mehr darf man eigentlich nicht achten, weil gute Argumente des Gegners das ganze System der Schlagworte ins Wanken bringen würden. In gewisser Weise wird der Satz von Jesus umgekehrt: nicht den guten oder schlechten Baum erkennt man an seinen guten oder schlechten Früchten, sondern die Früchte beurteilt man nach dem Baum – was eben gut möglich ist, da es sich ohnehin nur um Cyberfrüchte handelt.
Man beurteilt eine Idee z.B. nicht nach ihrer Erfolg im Leben, sondern nach ihrer Herkunft. Man fragt nicht, ob eine Idee Menschen verrohen oder weise werden lässt sondern nur, ob sie der richtigen Gruppe entstammt. Stolpert man dann über offensichtlich rohes und unweises Verhalten wird dies eher als berechtigte Reaktion auf unwirtliche Umstände entschuldigt bevor die Gruppe hinterfragt wird.

Diese Entwicklung ergibt sich direkt aus dem Abfall des Menschen von Gott: solange die Menschen an Gott glauben, wissen sie um einen objektiven Raum zwischen den Menschen. Es gibt eine höhere Instanz über ihnen, die es erlaubt, von einer Wahrheit zu sprechen, die unabhängig ist von der Mehrheit und von politischen Stimmungen.
Wenn der Mensch sich von Gott löst – freilich nur in seinem Wahn – wird die Gruppe ihm alles. Die Menschen legen fest, was Wahrheit ist, und genau so wird ihm die neue Freiheit verkauft. Der Mensch macht, was er will, so scheint es. Tatsächlich ist „der Mensch“ aber die Gruppe, die nun festlegt, was wahr ist. Die Gruppe, die sich als Vertreter der Menschheit aufspielt, wird nun zum wichtigsten Bezugspunkt für den Einzelnen. Wieso sollte er sich mit einer Frage selbst beschäftigen, wenn hinterher doch die Gruppe festlegt, was er denken darf und was nicht? Was nützen ihm die besten Argumente, wenn er für Dinge einsteht, die von der Gruppe abgelehnt werden? Und wenn alle unter sich sind, kann man sich damit begnügen, alles, was einem nicht passt, je nach Bedarf als lächerlich, unwissenschaftlich, bescheuert und zum Kotzen zu finden. Die Gruppe regelt, was wahr ist und was nicht, und verteidigt ihren Anspruch selbstbewusst.

Ein Religionswissenschaftler wurde von der Zeitung „Die Welt“ damit beauftragt, ein Gutachten über das Programm „Schule ohne Rassismus“ in der staatlich geförderten Schülerzeitung „Q-Rage“ zu erstellen. Es ist teilweise sehr vergnüglich zu lesen, wie lächerlich diese modernen Texte auf einmal aussehen, wenn man sie einfach mal als Texte ernst nimmt und auf ihren Nutzen untersucht.
Herr Schirrmacher, der dieses Gutachten erstellte, nimmt die Autoren ernst, aber man spürt ihm das stille Kopfschütteln über das Niveau ab. Mir scheint, dass er noch nicht gesehen hat, dass er hier auf eine völlig neue Kultur des Argumentierens stößt. Eine Kultur, die eben nicht argumentiert, sondern anhand von Schlagworten und Gruppenbeschreibungen Freund-Feind-Kulturen ansetzt. Gegen Rassismus zu sein, heißt heute nicht, sich für Menschen einzusetzen, sondern es heißt, Teil einer bestimmten Gruppe und gegen andere bestimmte Gruppen zu sein. Das Programm „Schule ohne Rassismus“ ist kein Kampf gegen eine Haltung – das wäre ja ein klassisch christliches Denken – sondern gegen Gruppen. Die Aufforderung ist also nicht: unterbindet bei euch Rassismus! Oder: so könnt ihr Ausländern helfen, sich in Deutschland wohl zu fühlen. Sondern sie lautet: schließt euch uns an, dann seid ihr einer von den guten und kein Rassismus-Vorwurf wird euch treffen.

Es ist kein Wunder, wie sich in einer säkularisierten vermassenden Gesellschaft ein Medium wie das Internet entwickeln konnte. Frühere Kulturen hätten nicht nur über die technischen Möglichkeiten gestaunt, sondern wohl noch mehr über die Naivität und Begeisterung, mit der es benutzt wird. Sie hätten vielleicht unmittelbar die Sorge damit verbunden, dass es zu mobartigen Zusammenschlüssen kommen könnte, die ohne jede Kontrolle eine Gesellschaft überrennen. Eine Kultur, in der die höchste Wahrheit nur in Gott erkannt werden kann, misstraut man allem, was von unten brodelnd kultiviert wird. Gerade diese Eigenschaft hat aber das Internet, es kultiviert die Bildung von Mobs – oder wie Apple wohl sagen würde: iMobs.
Das Internet ist nicht in erster Linie Datenbank. Wäre es so, könnte man nur herunterladen. Das Wesen des Internet besteht ja nicht im Datensammeln, sondern im Vernetzen. Man merkt diesen Unterschied sehr deutlich, wenn man ältere und jüngere Internetnutzer vergleicht: während die älteren das Internet als Informationsplattform und Kaufhaus verwenden, ist es für die jüngeren darüber hinaus und vor allem eine soziale Welt, in der sie leben. Sie haben ihre Chats und Foren, in denen sie sich regelmäßig austauschen und u.U. gemeinsam planen. Für sie ist es das Medium, über das sie den Kontakt zu ihrer digitalen Gruppe halten. So wie für einen Christen die Schöpfung und die Bibel Offenbarungen Gottes sind, die für ihn die Quelle des Wissens bilden, so ist es für eine atheistische Gesellschaft faktisch die Gruppe.

Das klingt fast gemütlich, ist es aber nicht. Denn wie oben beschrieben, handelt es sich bei diesen digitalen Gruppen um keine Kontakte, die mit den analogen vergleichbar sind, sondern um ein technisches Gruppenspiel. Zweitens, und das ist vielleicht noch schlimmer, spielen die digitalen Gruppen immer mehr die wichtigere Rolle vor den analogen. Sie kommen also nicht dazu, sondern sie degradieren die alten. Ein Schüler, der sich mit seiner digitalen Gruppe über die große Weltpolitik unterhalten hat und dort seine „Gleichgesinnten“ findet – auch wenn es sich nur um ein Gesprächsspiel handelt und er nicht wissen kann, ob er mit den Tastendrückern am anderen Ende der Leitung wirklich etwas zu tun haben möchte – wird dazu neigen, auf seine Mitschüler und Lehrer, vielleicht auch auf seine Freunde aus der Nachbarschaft und sogar seine Familie herab zu sehen, weil er es verlernt, sich auf richtige Menschen einzustellen und sich mit ihnen auseinander zu setzen. Im Internet diskutiert er nur so lange, wie es ihm Spaß macht und so lange es ihn nicht verunsichert oder er mit einer anderen Meinung als Tatsache konfrontiert wird. Im Alltag hat er mit lästigen Menschen zu tun, die auch dann nicht verschwinden, wenn man keinen Gesprächsbedarf hat, wenn sich Gespräche festgefahren haben oder es immer wieder Streit gibt. Man kann andere Meinungen nicht einfach durch eine „ignore“-Funktion ausblenden sondern stößt immer wieder auf diese nervigen wirklichen Menschen.
Es ist eine Lüge zu glauben, dass das Internet verbindet. Es trennt und ersetzt wirkliche Beziehungen gegen digitale iMobs.

Die beschriebenen Eigenschaften des Internets, von der Entmenschlichung der Gesprächsformen bis zur Anhänglichkeit gegenüber der digitalen Gruppe mit ihren digitalen Ideen und Sprachformen, sind geeignet zur Bildung von Gruppengrenzen, an denen es zu wirklicher Gewalt kommt. Die Gefahr geht nicht von Anleitungen zum Bombenbasteln aus – das kann man relativ leicht aus dem Internet entfernen. Die Gefahr geht von den Informationen aus, die nicht entfernt werden können weil sie eigentlich harmlos sind. Und das sind alle Informationen, die zur Identitätsbildung von iMobs beitragen. Nicht Minderheiten bedrohen die Gesellschaft, sondern die orientierungslose Masse wird sich in ihrer mobartigen Selbstorganisation zur Gefahr. Diese Gruppen können stärker wirken, als die klassischen Medien und regieren die Gedanken ihrer Mitglieder stärker als Schule, Politik, Fernsehen oder Zeitungen es je für sich alleine könnten. Wer ernst genommen werden möchte, muss sich auf Dauer daher an diesen Gruppen orientieren und sich die richtigen suchen. Die Rechtsprechung wird sich in einer derart vermassten Gesellschaft den Anforderungen der Gruppe anpassen und entweder das Recht nach den Wünschen der mächtigsten Gruppen beugen oder ihnen gleich selbst die Justiz auf der Straße überlassen, weil sie denken „eigentlich haben sie ja recht…“. Denn eigentlich hat die Masse in einer vermassten Gesellschaft immer Recht.

Eine vermasste Gesellschaft kann nur zum Bürgerkrieg oder zur Diktatur führen. Am Ende, nach dieser Zeit, wird jeder im Internet nur noch ein Mittel der Mob-Formung sehen und mit Grauen daran denken. Es wird als höchst unschick gelten, sich in Foren zu treffen, und weil political correctness unlogisch ist, wird es auch schon anrüchig sein, sich in Foren für Fischzüchter und Häkelfreunde zu begeben, weil Foren allgemein den Geruch gesellschaftszersetzender Mobbildung anhaftet. Letztlich werden nur noch Formulare im Internet ausgefüllt, über die man weiter einkaufen und Bücher ausleihen kann – vielleicht auch wählen. Ansonsten wird das Internet zur reinen Datenbank.
Vielleicht werden wir gegenüber unseren Kindern oder Enkeln einmal schamrot erzählen, dass früher gar nichts dabei war, sich in Foren zu beteiligen. Das Internet, wie wir es kennen, wird es dann nicht mehr geben.

[Edit]
Gerade habe ich einen passenden Beitrag über den „Eier-Krieg“ tschechischer Studenten gegen die Regierung gelesen. Die Empörung über diese Aktion darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns noch in der Testphase mit Spielzeug befinden. Vermutlich wird bei diesem „Krieg“ niemand verletzt und alle werden gut unterhalten. Aber nur ein Narr wird so einen Bericht leichtfertig mit einem Schmunzeln übergehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.