Sind Abtreibungsgegner gefährlich?

George Tiller, der bekannteste und umstrittenste Abtreibungsarzt in den USA wurde vor seiner Kirche erschossen. Der mutmaßliche Mörder ist Scott Roeder. Die Welt nutzte am 1.6.09 die Gelegenheit, einen Bericht über christlichen Terrorismus zu schreiben. Hat sie recht?
Sie berichtet zwar darüber, dass auch die pro-lifer die Tat verurteilten, hält dies aber für „Lippenbekenntnisse“ und „taktisches Bedauern“. Über den Gründer von „Operation Rescue“ schreibt sie:
Nur Randall Terry, Gründer von „Operation Rescue“, der radikalen Gruppe von Abtreibungsgegnern, die seit 1991 auf Tiller Jagd machte und Roeder eine ideologische Heimat gab, sei deutlich geworden: „George Tiller war ein Massenmörder. Wir trauern, dass er keine Zeit hatte, seine Seele darauf vorzubereiten, vor Gottes Antlitz zu treten. Aber ich mache mir mehr Sorgen, dass die Obama-Regierung Tillers Tötung dazu benutzen wird, ’Pro-Lifer’ einzuschüchtern.“
Leider erfährt man daraus nicht, was an der Organisation radikal ist und ob sie wirklich als „geistige Heimat“ für Mörder von Abtreibungsärzten gelten kann. Auf jeden Fall stellt der Artikel einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Haltung zur Abtreibung, der religiösen Begründung und dem daraus folgenden Mord her. Sie bezeichnet Roeder als „Kreuzzügler“, und sie weiß, dass „er wusste, dass das Auge des Herrn wohlgefällig auf ihm ruhte. Roeder betrieb amerikanischen Dschihad. Auge um Auge, alttestamentarisch, der Scharfrichter Gottes.“

Wenn sie jetzt noch die „alttestamentarische“ Bibelstelle genannt hätten, die diesen Dschihad gebietet, wäre ich beeindruckt. Es gibt sie nämlich nicht.
Zu diesem Mord gehörte mehr als die Überzeugung, dass Abtreibung Mord ist. Man muss beispielsweise der Meinung sein, dass man zum Gericht berufen ist, dass der Staat kein Gewaltmonopol besitzt, dass die Tat gelingt etc…
Nun kann ich nur wiederholen, dass gerade Christen, soweit ich sehe, flächendeckend von einem Gewaltmonopol des Staates überzeugt sind, selbst wenn dieser – wie im Falle der Abtreibung – völlig versagt. Und selbst dann, wenn ein Christ der Auffassung wäre, dass der Staat nicht das Gewaltmonopol hat, müsste er sich zum Gericht berufen fühlen, und dazu sehe ich keine Grundlage, weder im Alten Testament noch im Neuen. Ein Christ kann das Gericht Gott überlassen, nein, er muss es Gott überlassen.

Die time hat eine Reihe von Informationen über den Täter zusammengestellt. U.a. erfährt man, dass Roeder Mitglieder antigovernment Freemen group war. Man kann zwar sagen, dass christliche Einflüsse in ihm zu der Überzeugung geführt haben, dass Abtreibung Mord ist – diese Überzeugung teile ich. Aber dass er sich zum Richter an die Stelle des Staates setzt, ist das Ergebnis seiner anarchistischen Haltung, die nebenbei auch schon zu anderen Straftaten führte, wie man in der time erfährt.
Ob die „Anfälle von Geisteskrankheit“, die sein Bruder ihm bescheinigt, mit der Tat möglicherweise auch in Zusammenhang stehen, wird sicher in den nächsten Monaten ausgiebig untersucht werden.
Aber die einstimmige Ablehnung der Tat von allen christlichen Seiten, ebenso wie die gleichzeitige (!) Verurteilung der Abtreibung, sollte man den Christen fairerweise abnehmen.

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