Wie sinnvoll sind Nazi-Vorwürfe?

Nicht nur in Deutschland sondern auch in Amerika ist es ein beliebtes Mittel, unliebsame politische Gegner öffentlich zu beschädigen, indem man sie mit Nazis vergleicht. Es war zunächst ein Spiel der 68er, Nazis in allem und jedem zu finden, und es war nur fair, dass die Gegenseite dieses Spiel aufgriff. Auch Abtreibungsgegner sprechen (selten) vom „Babycaust“.

Kleiner Exkurs:
Allerdings hat die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften erwirkt, dass auf der gleichnamigen Internetseite keine Bilder von abgetriebenen Föten mehr gezeigt werden dürfen. Stattdessen kann man sich jetzt die Leichenteile aus der Ausstellung „Körperwelten“ dort ohne Beschränkung ansehen…
Dieses Urteil dürfte aber auch aus anderen Gründen mit zu den absurdesten der deutschen Geschichte gehören:
Erstens waren es vor allem die Bilder über die Gräueltaten des Dritten Reiches, die den Deutschen die Schamröte ins Gesicht trieb, nicht die theoretische Überlegung, dass man Unschuldige nicht töten darf. Allein auf die Abschreckung der Bilder setzt die Entnazifizierung bis heute – und in meinen Augen mit gutem Recht. Was ist es aber für eine Heuchelei, wenn eben dieses Mittel in politisch unerwünschten Bereichen verboten werden soll, weil es hier auf einmal nicht ausgewogen und möglicherweise sogar belastend sei. Die ganze Begründung kann man hier nachlesen.
Zweitens wird behauptet, dieses Bildmaterial sei „verrohend“. Das Wort unterstellt, dass durch das Ansehen eines Verbrechens die Hemmschwelle, eben diese Verbrechen zu begehen, sinkt. Mag sein, nur kann man nicht gleichzeitig die abschreckende Wirkung des Bildmaterials angreifen – Schülerinnern könnten sich verunsichert fühlen, wenn sie sich für eine Abtreibung entschließen – und beklagen, dass dadurch die Hemmschwelle zu diesen Grausamkeiten gerade gesenkt wird. Die Bilder über die Folteropfer aus den Konzentrationslagern haben doch auch keine verrohende Wirkung.
Drittens wird der Wortschöpfung „Babycaust“ eine „sozialethisch desorierende“ Wirkung unterstellt. Der Vorwurf ist bemerkenswert. Was heißt denn „sozialethisch“? Ich dachte, es geht um die Vermeidung von Gewalt. Tatsächlich geht es der Stelle, die sich so besorgt um die Entwicklung der Jugend zeigt, eigentlich nur darum, dass die Jugendlichen in der Gesellschaft nicht unangenehm auffallen. Auf diesem Weg kann man jeden Zeitgeist über den Umweg des Jugendschutzes zementieren: alles, was davon abweicht, ist jugendgefährdend, weil die Jugend sonst Probleme mit dem Zeitgeist der Gesellschaft bekommt.
Viertens wird der Begriff „Babycaust“ abgelehnt, weil die Analogiebildung zwischen Abtreibung den Morden des Dritten Reiches dem Erziehungsziel entgegen stehe, ein „historisches Bewusstsein und die Fähigkeit zu historisch angemessen differenziertem Urteilsvermögen zu entwickeln“. Nein, liebe Prüfstelle. Es geht nicht um Geschichte um der Geschichte willen, sondern vor allem darum, dass sich diese Geschichte nicht wiederholt! Und gerade die Abtreibung ist bekanntlich unter den Nazis eingeführt worden – zunächst als Indikationsregelung, heute faktisch in jedem Fall bis zur Geburt straffrei möglich.
Offensichtlicher kann der Missbrauch des Dritten Reiches nicht mehr sein. Er ist längst zum Werkzeug der Meinungseliten geworden und wird selbst von Gerichten mit Gewalt geschützt. In Deutschland ist klar geregelt, wer mit Bildern abschrecken darf und wer nicht, wer mit Nazis verglichen werden darf und wer nicht. Dabei gilt: solange die Geschichte noch nicht zu Ende ist, weiß niemand, ob die Verbrechen der Nazis schon der Tiefpunkt waren, oder ob wir noch schlimmere zu erwarten haben. Wer immer glaubt, Muster des Dritten Reiches wiederentdecken zu können, muss daher das Recht haben, dies in aller Deutlichkeit zu sagen.
Exkurs Ende.

Und doch gefällt es mir aus mehreren Gründen nicht, wenn das Dritte Reich als Referenzpunkt aller öffentlichen Ethik gehandhabt wird.
Wenn Politik sich an den Nazis orientieren soll, woran sollten dann die Nazis selbst sich orientieren? Jeder Nazi-Vorwurf lässt die Frage offen, wonach er die Nazis eigentlich beurteilen will, und damit auch, ob sie überhaupt zu verurteilen sind. Im jedem Nazi-Vorwurf wankt das ethische Urteil über das Dritte Reich.
Zweitens tritt an die Stelle der Ethik das Herdendenken: die Nazis waren nicht böse, weil sie etwas böses getan haben, sondern weil sie Nazis waren. Gut ist jeder, der kein Nazi ist. Die Lehre aus der Geschichte ist also nicht, sich wieder an Gottes Gebote zu halten, sondern aufzupassen, dass man nicht zu der falschen Gruppe gehört.
Drittens handelt es sich um einen ethischen Blankoscheck der Meinungseliten: eine Gruppe können nur sie definieren. Es gibt keinen objektiven Maßstab dafür, was gut und was schlecht ist, und deswegen kann es auch keine Kritik geben. Ich habe an anderer Stelle schon mal auf das Paradoxon der Nazi-Vorwürfe hingewiesen. Es geht kurz gesagt darum, dass jeder Nazi-Vorwurf mit dem Hinweis auf die Einmaligkeit der Nazi-Zeit geentert werden kann. Wer in diesem albernen Spiel gewinnt, ist nur eine Frage der Meinungshoheit.
Viertens führt die Lagerbildung bei fehlender einklagbarer Ethik zu sklavischer Anhänglichkeit an Menschen und Institutionen. So wie die Katholische Kirche den Menschen Angst vor der Hölle machte und ihnen Schutz in der Organisation verkaufte, droht heute die gesellschaftliche Ächtung, vor der man sich nur durch Ergebenheit gegenüber der politischen Gruppe retten kann.

Es ist daher auf Dauer keine gute Taktik, den Nazi-Vorwurf umzukehren. Wir müssen viel mehr offen die Grundlage unserer Ethik benennen und dazu stehen: Die Nazis waren Verbrecher, weil sie gegen Gottes Gebote verstoßen haben. Und genau an diesem Maßstab wird auch unsere Gesellschaft gemessen werden.

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