Wie Familie und Kirche die bürgerlichen Freiheiten sichern (sollten)

Familie und Kirche erscheinen vielen als eng. Die Kirche wacht über der Lebensführung ihrer Mitglieder und die Eltern über dem Leben der Kinder. Man könnte also das Gefühl haben, dass beide Institutionen eigentlich nur eine Quelle der Einschränkungen sind, die es abzuschütteln gilt. Tatsächlich sind diese Institutionen die Voraussetzungen dafür, dass der Staat einen Gang runter schalten kann. Wo es kein Verbrechen gibt, braucht man auch kein Gesetz. Erst wenn das Verbrechen auftaucht, spricht man von einer „Gesetzeslücke“. Und selbst wenn es das Gesetz gibt, muss der Staat die Kontrolle nur so weit treiben, wie es das Maß an Gesetzesübertretungen erfordert. Wenn z.B. das Betreten einer Wiese verboten ist – z.B. weil dort ein Nistgebiet einer vom aussterben bedrohten Vogelart ist – und sich alle daran halten, genügt ein einfaches Schild und niemand muss sich darum kümmern. Wenn alle paar Jahre mal ein Chaot das Gebiet betritt, wird sich daran nicht viel ändern. Wahrscheinlich genügt sogar zunächst ein Schild „Bitte nehmen Sie Rücksicht auf brütende Gänse“ o.ä., und erst später ist ein ausdrückliches Verbot nötig. Zunächst kommt man mit Bußgeldern, später wird mit Anzeigen gedroht. Wenn es häufiger vorkommt, dass Spaziergänger das Verbot missachten, wird aber irgendwann jemand nötig, der regelmäßig dort die Grenzen abgeht und gegebenenfalls Bußgelder verhängt. Je nachdem, wie reizvoll das Betreten ist, oder vielleicht, weil es zum politischen Kampfplatz wird, reicht ein einzelner Aufpasser nicht mehr aus, und man fängt an, gewaltige Zäune zu bauen, Überwachungskameras zu installieren, die Strafen zu verschärfen etc… oder das Verbot einfach von der Masse überrennen zu lassen.

Dieses Beispiel war bewusst harmlos gewählt, es zeigt aber recht anschaulich einen Mechanismus, der ähnlich in allen Bereichen funktioniert. Je mehr die Menschen sich gegen die kirchliche Aufsicht einer Ethik wehren oder die Kirche diese Funktion nicht mehr wahrnimmt, wird dem Staat automatisch die Rolle dieser Aufsicht zukommen. Je weniger Eltern ihren Eifer in die Erziehung der Kinder und dafür in den Beruf stecken, desto mehr wird der Staat ihre Rolle übernehmen. Das ist der Grund für die Debatten der letzten Jahre darüber, wie Kinder sich ernähren sollten, welche Computerspiele man ihnen erlauben sollte und welche nicht, welchen Vereinigungen sie angehören dürfen (ja, die Verbreitung von rechtsextremen Gruppen ist in meinen Augen vor allem ein Zeichen von Erziehungsversagen), welche Ethik sie in der Schule lernen sollen etc…
Man kann die gegenwärtige Politik als große Aufräumarbeit nach der Zerstörung der zentralen Institutionen Kirche und Familie umschreiben. Natürlich gibt es sie noch, aber sie funktionieren schlecht und leben unter Argwohn. Denn der Staat hat keineswegs etwas gegen seine Rolle als Alleskümmerer, die Institutionen sind ihm als mächtige Gegenspieler ein Dorn im Auge, denn sie sind eine wirkungsvolle Bremse gegen soziologische Planspiele. Von ihm darf man keine große Begeisterung für diese Institutionen erwarten sondern eher, dass er den Reflex des Freiheitsdranges der Bürger aufgreift – auch wenn er ihn nicht erfüllt sondern beschämt. Und oft genug ergreift er die Rolle des Kümmerers auch dort, wo gar keine Notwendigkeit dazu besteht: Kinder, die von ihren Eltern unterrichtet werden, sind regelmäßig bessere Schüler als ihre Altersgenossen in staatlichen Schulen. Trotzdem gibt es in Deutschland den strafbewehrten Schulzwang, der eindeutig nicht dem Wohl des Kindes sondern dem Erziehungsinteresse des Staates dient.
Wichtiger aber, als dagegen zu opponieren ist aber das Wiederaufnehmen der zentralen Aufgaben der Kirche und Familie, wo sie ja durchaus erlaubt sind: eine Predigt darf nicht länger nur dazu dienen, um die aktuelle Politik zu kommentieren oder ein paar seelsorgerliche Gefälligkeiten zu verbreiten. Die Predigt soll den Glauben, die Liebe und die Hoffnung wecken und stärken. Den Glauben an das Evangelium, die Liebe zu Gott und den Menschen und die Hoffnung auf das ewige Leben. Und zu dieser Aufgabe gehört auch die Kirchenzucht. Wer gegen Gottes Gebote lebt und von diesem Verhalten nicht ablassen möchte, muss aus der Kirche ausgeschlossen werden, damit die anderen sich fürchten.
Das klingt streng? Zunächst ist das nichts anderes als das, was in jedem anderen Verein und auch in Parteien praktiziert wird. Aber die Strenge der Kirche hat die wichtige Funktion, auch über den Gewissen ihrer Mitglieder zu regieren. Und das macht sie zu einer wichtigen Zwischeninstanz der Gesellschaft und zu einer Sicherung der bürgerlichen Freiheiten, weil viel Staat dadurch überflüssig wird.
Auch die Frage um liberale oder sozialistische Wirtschaftspolitik ist eine Frage, die überflüssig sein könnte. Nehmen wir eine kleine Gesellschaft an, in der es nur ein paar kleine Geschäft gibt und jeder genug zum Leben hat. Muss der Staat hier eingreifen? Nein, niemand hätte wohl ein Problem damit, obwohl hier eine völlig freie Marktwirtschaft vorliegt. Wenn aber ein Ladenbesitzer auf die Idee kommt, andere Geschäftsbereiche zu übernehmen und die Mitbewohner durch Preiskampf vom Markt zu verdrängen, bis er der Alleinbesitzer aller Geschäfte ist und seine Mitarbeiter ausbeutet, stellt sich die Frage, ob der das darf und ob man hier nicht einschreiten müsste. Wir haben uns so daran gewöhnt, Wirtschaft als einen ethikfreien Raum anzusehen, dass viele nur noch in den Kategorien von mehr oder weniger viel staatlicher Kontrolle denken können, aber nicht mehr die Bosheit hinter der Kapitalakkumulation sehen. In der Bibel ist wirtschaftliche Konzentration immer ein Zeichen für Bosheit und Ausbeutung und immer ein wichtiges Thema der Propheten. Ihre Botschaft richtet sich aber nicht an den König, sondern an die Herzen der Bürger. Ein moderner Pastor wird sich eher darin gefallen, über die Konzerne und Politiker zu ereifern, bevor er sich an die Arbeit macht, seine Gemeinde zu einem liebevollen Umgang, auch in der Wirtschaft, anzuhalten.
Es war daher eine sehr weitsichtige Entscheidung, im Grundgesetz die Stellung von Familie und Kirche zu schützen, nicht nur als Option, sondern als gesellschaftliche Institution. Die Familie ist nicht eine neben anderen Lebensformen und die Kirche besitzt eine direkte Ergänzungsfunktion des Staates. Wer an diesen Säulen rüttet, ist ein Feind des Grundgesetzes und der politischen Ordnung und bedroht die Freiheiten in Deutschland mehr als ihm bewusst sein dürfte. Aber ebenso wichtig ist es auch, diese Institutionen lebendig und funktionsfähig zu erhalten. Und das ist zum großen Teil eine Aufgabe der Kirche, die wiederum auch über den Eltern wacht.

Vgl. auch mein „Plädoyer für einen schwachen Staat„.

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