Stockholm

Als Elton den Deckel der Petrischale abnahm, zitterten seine Hände vor Aufregung. Auf dem Nährboden entwickelten sich Bakterienstämme, die er nich dort angesetzt hatte -und zwar sehr verschiedene und sehr viele. Stand er kurz vor dem Nachweis einer Sprungmutation? Seit Wochen beobachtete er nun schon diese seltsame Entwicklung: zunächst entwickelte sich der Ansatz ganz normal. Dann war er von einem auf den anderen Tag verschwunden, der Nährboden war blank! Elton hatte damals die Schale verwundert ins Regal gestellt und machte einen neuen Ansatz. Nach ein paar Tagen bemerkte er, dass sich in der abgestellten und verschlossenen Schale nun neue Bakterienstämme zu entwickeln begannen und fing an, dieses unglaubliche Phänomen akribisch zu beobachten und zu dokumentieren. Er hatte in der letzten Zeit kaum geschlafen, seine Ernährung war sowohl quantitativ als auch qualitativ auf ein niedriges Level gesunken. Aber das alles störte ihn nicht, denn er wusste: Wissenschaft verlangt bisweilen Opfer.
Es klopfte. „Ja? – Ach, morgen Chef“

Chef: „Morgen. Du liebe Zeit, seit wann sind Sie heute im Labor?“
Elton: „Ich habe hier geschlafen um regelmäßig die Entwicklung hier in dieser Petrischale verfolgen zu können. [er erzählte kurz von seiner erstaunlichen Entdeckung] Ich kann es mir kaum verzeihen, dass ich die Sprungmutation nicht mit eigenen Augen beobachtet habe. Jetzt lasse ich die Schale nicht mehr aus den Augen.“
Der Chef stutzte, als er in die Petrischale blickte. Dann lachte er auf einmal laut auf bis ihm die Tränen kamen. Als er Eltons empörtes und verständnisloses Gesicht sah, sagte er: „Wissen Sie was? Frau Tesslaf, die hier immer die Räume sauber macht, hat mir vor ein paar Wochen ganz stolz erzählt, dass sie jetzt endlich mal unser „Geschirr“ gesäubert hat, das hätte es auch dringend nötig gehabt. Ich dachte erst: Was für „Geschirr“?!? Im Labor gibt es doch gar keins… naja, tut mir leide, dass ich Ihnen nicht davon erzählt habe, aber ich fürchte, was Sie da beobachten, stammt einfach aus dem Lappen, mit dem Frau Tesslaf den Boden oder sonst was gereinigt hat.“

Elton schwieg einen Moment fassungslos und sagte dann: „Blödsinn. Dafür muss es doch eine Erklärung geben.“
„Ja, die habe ich ihnen ja gerade genannt.“ „Nein, ich meine eine richtige Erklärung, eine wissenschaftliche!“ Der Chef sah verdutzt zu seinem Assistenten, doch der begann sich für das Thema zu erwärmen: „Eine Sprungmutation ist die wahrscheinlichste Erklärung für dieses Phänomen. Und sie ist wissenschaftlich, weil sie ganz ohne personale Prämissen auskommt.“
„Personale Prämissen, was reden Sie für einen Unsinn? Man sieht doch noch die kreisförmigen Wischspuren.“
„Ach ja? Wischspuren? Es handelt sich vermutlich um Fraßspuren von Bakterien, die äh… vermutlich über chemische Signale ihren Bahnabstand zueinander und zum Rand bestimmen. Das müsste man selbstverständlich noch untersuchen.“
Der Chef wurde unwillig: „Das ist völliger Blödsinn, die einfachste Erklärung ist genau das, was ich Ihnen gesagt habe.“
„Das nennen Sie eine „einfache Erklärung“? Frau Tesslaf ist komplizierter als ein Bakterium, also ist meine Erkärung auch einfacher. Außerdem kann ich nicht verstehen, wie sie schon aus grundsätzlichen Erwägungen so einen unwissenschaftlichen Ansatz ernsthaft anführen können. Putzfrauen haben einfach nichts in wissenschaftlichen Erklärungen zu suchen!“
„So, jetzt kommen Sie mal ein bisschen runter. Schmeißen Sie den Mist weg und kümmern Sie sich um die anderen Ansätze, die nicht verunreinigt sind. Ach ja, und rufen Sie mich, sobald Sie dort wieder „Sprungmutationen“ feststellen…“ Der Chef hatte eigentlich vor, sich mit diesen Sätzen wieder aus dem Labor verziehen zu können.
Da begann Elton einen umständlichen Monolog über die Wissenschaft, über Axiome und den Kampf gegen Alltagswissen und Ignoranten und dass er die Erklärung für dieses Phänomen schon finden werde „Denn es gibt dafür eine wissenschaftliche Erklärung. Und ich werde sie finden!“ Der Chef echote nur müde – eine Hand schon am Handy – „Ja, es gibt eine Erklärung dafür. Hallo, spreche ich mit Stockholm?“ Elton hatte nicht mit so etwas gerechnet. Elton strahlte, Tränen des Glücks traten ihm auf die Wangen. „Meinen Sie, ich bekomme…“ Der Chef nickte zu ihm, während er ins Handy sprach „Ja, wir haben hier einen vielversprechenden Kandidaten für Sie. Ja, er ist hier, ich gebe ihnen mal die Institutsadresse…“ Elton fiel ihm ins Wort „Sie können auch gerne meine Privatadresse angeben.“ „Ja, ist gut, wir freuen uns auf Sie, auf Wiederhören!“ Pieps, Handy war aus und so saßen beide auf ihren Drehhockern mit aufgeplatzem Plastikbezug und warteten. Elton schwieg die meiste Zeit und sagte nur hin und wieder Dinge wie „Am Anfang meines Studiums dachte ich schon, ich würde das alles überhaupt nicht schaffen, und jetzt…“ oder „Es stimmt wirklich: große Entdeckungen sind das Ergebnis harter Arbeit, wer hat das noch mal gesagt?“ Der Chef schaute auf den Boden und nickte nur hin und wieder oder gab ausweichende Antworten.
Irgendwann klingelte es und der Chef ließ zwei Männer in weißen Kitteln herein. Elton strahlte wieder „Ach Sie sind auch Wissenschaftler?“ Die Männer sahen sich an und sagten: „Nein, aber wir können Ihnen helfen, wenn Sie uns bitte folgen würden“. Elton ging mit ihnen, wie im Traum und beteuerte bei der Verabschiedung von seinem Chef noch, dass er ihn in seinem Vortrag in Stockholm erwähnen werde, dann schloss sich die Tür und der Chef ging wieder seufzend an seine Arbeit.

Das war jetzt der dritte Fall innerhalb von einem halben Jahr, wie konnte er diese jungen Hitzköpfe nur dazu bringen, ein normales Leben zu führen und sich hier nicht um Sinn und Verstand zu schuften? Die Nummer zur Psychiatrie war in seinem Handy schon seit einigen Jahren gespeichert und das Gespräch mit der Aufnahme längst abgesprochen. Meistens genügte eine Mütze Schlaf, etwas frische Luft und Sonne und drei vernünftige Mahlzeiten, bis es den jungen Männern – es waren immer Männer, die hier landeten – wieder gut ging, und sie selbst über die Geschichte schmunzeln mussten. Trotzdem wollte er etwas ändern und besser auf seine Assistenten achten, aber was…?
Langsam wandte er sich den Petrischalen mit den Fäkalsporen zu und ließ sie in den Mülleimer fallen und verließ das Labor. Er wollte heute etwas früher Schluss machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.