Säkulare Frömmigkeit

Religionswissenschaftler haben schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die „tagesschau“ in ihrer Intro verblüffende Analogien zu religiösen Ritualen hat. Der Gong spielt vor Versammlungen eine wichtige Rolle und ruft z.B. zum gemeinsamen Gebet, zur Meditation oder allgemein zur Zusammenkunft auf. Trompeten erheben den Geist und bereiten ihn auf die Ankunft eines Großen vor.

Auch moderne Nachrichten-Magazine wie „Newstime“ enthalten diese Elemente. Statt des Gongs hört man hier zwar einen schlagenden Akkord, aber die Trompeten sind wieder dabei und die kurze Kamerafahrt am Anfang übernimmt die Funktion der Sammlung, oder des Aufrufs zur Versammlung: zuerst sieht man die Perspektive über die ganze Stadt, mit einem Hochhaus im Mittelpunkt. Dann wird der Blick auf dieses Haus gelenkt, der Betrachter rückt über die Kameraperspektive in die Rolle des Besuchers, der in das Gebäude eintreten möchte. Dann rast die Kamera das Gebäude hinauf, also würde man den Aufzug nehmen, oder auf anderen Wegen der Erde etwas entrückt, und landet schließlich mitten im Studio als Zuhörer vor einem Rednerpult. Es ist schwer, hier nicht an den Besuch einer Kirche zu denken.
„Nachrichten“ sind also keine „Informationen“, sondern sie sind Informationen mit einer bestimmten gesellschaftlichen Funktion, und man muss kein Religionswissenschaftler sein, um den Verdacht zu haben, dass es sich dabei um ein religiöses Surrogat handeln könnte.
Die Fernseh-Nachrichten werden vor allem abends geguckt. Aber religiöse Handlungen würde man sowohl morgens als auch abends erwarten, weil es sich um heikle Eckpunkte des Tages handelt, an denen der Mensch sich auf das richten möchte, wovon sein Tag regiert sein soll – zumindest, wenn er seinen Tagesablauf mit einem Minimum an Struktur versehen möchte. Am morgen gibt es für den Bürger aber ebenfalls ein Ritual, nämlich die Tageszeitung.
Morgenzeitung und Abendnachrichten entsprechen dem Morgen- und Abendgebet, oder einer Morgen- und Abendandacht. In größeren Abständen folgen die Wochenzeitungen.

Handelte es sich bei diesen Konsumenten-Tätigkeiten um Formen der Informationsbeschaffung, wäre für die Tageszeitung z.B. in der Mittagszeit für viele eine günstigere Zeit. Oder streng genommen würde auch kurz nach Abend ein Blick in verschiedene Internetdienste völlig genügen. Trotzdem sind es vor allem die Zeiten am Morgen und am Abend, die klassischerweise den Nachrichten gewidmet sind – was nicht heißt, dass man zwischendurch keine Nachrichten sieht oder liest, sowie ja auch ein Christ nicht nur morgens und abends betet.

Wer immer noch glaubt, es gehe nur darum zu wissen, was läuft, muss sich sein Konsumentenverhalten etwas genauer ansehen: wonach suchen Sie Ihre Zeitung aus? Sind Sie zufällig an die FAZ oder taz geraten? Der Zeitungsleser erwartet von seiner Zeitung nicht in erster Linie Informationen (der konkrete Bedarf nach Infos zu bestimmten Themen ergibt sich ja erst im Laufe der Zeit, also nach der Bestellung des Abonements)sondern die Festigung seines Weltbildes. Welche Informationen im Laufe des Jahres auf ihn zukommen, kann er vorher nicht wissen, wohl aber, aus welcher Perspektive sie im dargereicht werden. Werden die Erwartungen nicht erfüllt, wird der Leser ärgerlich und bestellt die Zeitung u.U. ab.

Warum nimmt der fromme Bürger aber diesen umständlichen Weg über die Berichterstattung und liest keine erbaulichen Texte, wenn es sich um eine Religion handeln soll? Um die Frage zu beantworten, muss man sich klar machen, worin „Erbauung“ besteht. Sie dient nämlich dem fest werden im Glauben. Im Christentum geschieht dies über die Predigt von Gottes Wort. Christliche Erbauung besteht also in der Vermittlung von Gottes Wort, das in das Leben des Einzelnen hineingesprochen wird.
Die bürgerliche Religion sucht ebenfalls einen Weg, fest zu werden. Da es aber keinen vertrauenswürdigen Urheber gibt, muss sie sich immer wieder an der Wirklichkeit beweisen, d.h. man muss immer wieder das Denken auf das Sein anwenden und testen, ob es noch passt. Das ist stressig und steht immer in der Gefahr, an seiner Religion zu scheitern. Vor allem dann, wenn es eine selbstgebaute ist. Deshalb bieten Unternehmen an, den Weg der Erfahrung abzukürzen und die Welt schon vorsortiert und nach den gewünschten Maßstäben bewertet anzubieten. Diese Nachrichten zu lesen, hat daher eine weltanschaulich befriedigende Wirkung. Der Zeitungsleser geht nach seiner Lektüre in einen geordneten Tag und der Fernsehzuschauer kann abends ruhig zu Bett gehen. Die Eckpunkte des Tages, der Beginn des neuen Tages und das Hingeben in den Schlaf, werden so von dem versichernden Gefühl begleitet, auf dem richtigen Kurs zu sein.
Diese Formen der Religiosität sind noch keine Religion, ebenso wie Beten und Kirchgang nicht das Christentum sind. Aber sie sind Signale dafür, dass sich hinter ihnen eine Religion verbirgt.
Der Unterschied zum Christentum besteht vielleicht darin, dass hier die persönliche Erfahrung, das private Umfeld eine größere Rolle spielt, während in der säkularen Frömmigkeit mit Vorliebe das große Ganze betrachtet wird. Es hat sich mal jemand bei mir bitter darüber beklagt, dass sein Partner sie verlassen hat. Ein paar Minuten später, in dem selben Gespräch aber anderen Zusammenhang, wies sie mich vergnügt darauf hin, dass wir heute ja ein viel freieres Sexualverständnis hätten als die Menschen früher – und fand das offenbar sehr begrüßenswert. Offenbar kam ihr nicht entfernt der Gedanke, dass diese Sexualethik etwas mit ihrem persönlichen Leid zu tun hat. Sie hat gelernt, die Wirklichkeit nach dem Bilder der Medien zu lesen, und vertraut diesem Bild mehr als ihrer eigenen Erfahrung. Sie wird vermutlich eine Partei wählen, die ihrem medial-geprägten Weltbild entspricht, und nicht die Partei, in deren Weltbild das Verhalten ihres Gatten als treulos und grausam angesehen wird – so wie sie es eigentlich emmpfunden hat.

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