Gehorsam und Geist

Die prominenteste Definition für den Begriff „Aufklärung“ dürfte von Kant selbst stammen: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Der Mensch sollte nicht mehr bloß gehorchen, sondern seine Vernunft bemühen. Ab sofort galt nicht mehr, was jemand gesagt hat, sondern das etwas so ist. Die Aufklärer waren sicher keine Anarchisten, aber alle Autorität sollte ihnen durch vernünftige Gründe gestützt sein, und das bedeutete, durch Gründe, die von der Person unabhängig sind.
Die Aufklärer verbanden mit dieser Vorstellung die Hoffnung, die Menschen aus der Bevormundung zu befreien, ja sie überhaupt erst zu Menschen zu machen. Kant sah in dem voraufgeklärten Menschen lediglich eine „Maschine“, die durch Aufklärung in den Adelsstand des Menschen erhoben werde. Sie sei die Voraussetzung dafür, dass der Mensch mit der ihm zukommenden Würde behandelt werde.
Tatsächlich muss sich die Aufklärung den Vorwurf gefallen gelassen, genau das Gegenteil bewirkt zu haben, und zwar nicht durch Übertreibung oder Unachtsamkeit, sondern durch ihr zentrales Projekt, die Menschen aus dem alten Gehorsam zu befreien.

Der Zusammenhang ist nicht kompliziert, und es wundert mich, dass er so wenig beachtet wurde: für die Aufklärer konnte es nur deswegen keine unhinterfragbare Autorität geben, weil es keinen unhinterfragbaren Geist gab. Sie schafften nicht nur den Gehorsam ab, sondern auch den menschlichen Geist, der aufgelöst wurde in ein Gehirn und seine Reaktionen auf die Umwelt.
Wir haben es mit zwei Argumentationsmodellen zu tun, von denen eines auf Personen (die alten Schriften, den König, auf die Bibel etc…), das andere auf Dinge und Tatsachen Bezug nimmt. Wenn man nun das erste durch das zweite Modell ersetzen will, steht nicht zuletzt der Gehorsam gegenüber Gott in Frage. Der Mensch gehorcht also nicht mehr Gott, weil Gott es sagt, sondern bestenfalls, wenn er die Forderung Gottes vernünftig findet und Gott selbst wieder einem höheren Sittengesetz unterordnet gedacht wird. Auch hier ist es also letztlich nicht der Gehorsam gegenüber Gott, sondern der Gehorsam gegenüber einer vermeintlichen Tatsache, und die naheliegende Konsequenz ist, dass Religion zum privaten Hobby herabgestuft wird, das bestenfalls nützlich, schlimmstenfalls zerstörerisch ist. Ganz ernst kann der aufgeklärte Mensch sie nicht nehmen, sondern bestenfalls altväterlich dulden. Sie verhält sich zur Wirklichkeit ein bisschen wie das Spiel der Kinder, wie die Logik der zweijährigen, denen man auch ungern ihre Naivität nimmt, weil sie irgendwie niedlich ist, wirklich argumentieren kann man auf der Grundlage nicht.

Nun ist es aber eine Besonderheit, dass der Mensch durch seinen Geist Kontakt mit Gott aufnehmen kann. Er betet und der Geist Gottes wirkt in seinem Herzen. Solange man daran glaubt, wird auch der Mensch selbst bis zu einem gewissen Grade unerklärbar – nicht nur in der Praxis, sondern auch in der Theorie. Wir stehen staunend vor dem Wirken Gottes in einem Menschen und freuen uns daran. Und da wir nie wissen, wo ein Mensch gerade steht, welche inneren Kämpfe er gerade mit Gott durchfechtet oder auch nicht, tritt uns der menschliche Geist wie ein Schattenspiel vor Augen, dessen Lichtquelle für uns grundsätzlich nicht erkennbar ist. Genau aus diesem Grund, ist der menschliche Geist überhaupt ein sinnvoller Gegenstand der Betrachtung, so interessant, dass ein Zweig der Wissenschaften sich seiner Erforschung gewidmet hat, nämlich die früher sog. „Geisteswissenschaften“. Sie beschäftigen sich mit dem, was Menschen so geschrieben und getrieben haben, immer mit dem Ziel, den Geist des Menschen dadurch besser zu verstehen. Das für uns befremdliche ist nicht der Wunsch, den Menschen zu verstehen, sondern hierzu das Augenmerk auf eben das zu legen, was der Mensch geschrieben und getrieben hat! Wenn nämlich Gott als Einflussgröße des menschlichen Geistes entfällt, wird der menschliche Geist selbst nur zu einem Teil der Natur und muss auch wenigstens zu einem großen Teil in den Naturwissenschaften untersucht werden. Die Geisteswissenschaften scheinen sich ihres hohen Anspruchs mittlerweile zu schämen und möchten lieber „Kulturwissenschaften“ genannt werden. Sie degradieren sich damit zwar zu Archivaren des Aberglaubens, aber immerhin haben sie eine Daseinsberechtigung an einer modernen Universität.
Einen Menschen versteht man heute nicht mehr über das, was er sagt, sondern über das, was ihn bewirkt hat, nämlich das Zusammenspiel von Erbe und Erziehung. Es ist nicht mehr so wichtig, was jemand sagt, sondern warum er es sagt, was sich z.B. in den permanenten gossenpsychologischen Mutmaßungen über Bekannte zeigt, wie es bei Manchen der Fall ist. Sehr anschaulich übrigens in der Serie „Dr. House“, in der dieses Wühlen in den Hintergründen der Hintergründe sogar zwischen besten Freunden irgendwie selbstverständlich zum Umgang gehört. Hier zeigt sich, dass der Versuch, zu verstehen, dem Versuch zu erklären gewichen ist (nicht zufällig kennzeichnen diese beiden Begriffe die unterschiedlichen Aufgabengebiete der Natur- und Geisteswissenschaften).

Und der Mensch, der sich eben noch darüber gefreut hat, dass er sich nicht mehr um die Meinung anderer kümmern muss, stellt fest, dass sich auch niemand mehr um seine Gedanken kümmert.

Die Konsequenzen sind viel weitreichender, als es die bekannten Diskussionen über den Stellenwert des Tierschutzes und der Menschenwürde ahnen lassen. Ich möchte nur ein paar Beispiele nennen:
Wenn jemand hochbegabt ist, denken wir fast automatisch daran, dies mit schwierigen Mathematik-Aufgaben zu testen. Es gibt zwar noch andere Kategorien wie Fremdsprachen und Kunst, aber wirklich beeindruckend und im allgemeinen Bewusstsein verankert sind die Mathe-Wettbewerbe. Wer würde heute noch einen öffentlichen Wettstreit darüber führen, wer am besten Texte auslegen kann? Oder wer die geistreichsten Abhandlungen zu einem Thema verfasst. Natürlich gibt es dies Disziplinen noch, aber sie sind nicht mehr so wichtig.
Wer seinen Intellekt schulen möchte, beschäftigt sich heute nicht mehr mit Weisheit, sondern macht mathematische Knobeleien und Gedächtnistraining, und vor allem in dieser Form taucht die Sprache dann wieder als Spiel mit Wörtern auf, die erinnert, erkannt oder in Beziehung zu einander gesetzt werden müssen.

Wer andere Kulturen kennen lernen möchte, wird es heute leicht haben, etwas über die Fakten zu erfahren: Geschichte, Wirtschaftsdaten, Politik… aber genau das, was ihn vielleicht gerade fasziniert, nämlich die anderen Menschen kennen zu lernen, ist etwas, worüber man sich höchsten privat Gedanken machen kann, während es kaum Gegenstand der Reiseführer ist. Im Studium alter Kulturen sieht es ähnlich aus. Während früher noch über den Geist der Römer und Griechen gesprochen wurde, sind moderne Lehrbücher stärker auf die äußeren Fakten fixiert – was auch hier das Lernen langweiliger macht, als man vielleicht erhofft hat.

Und zuletzt ist es kein Wunder, dass das Internet als Kommunikationsplattform in unserer Kultur als großer Durchbruch empfunden wird, obwohl es eigentlich zur Kommunikation überhaupt nicht taugt, sondern bestenfalls zum wissenschaftlichen Austausch. So wie man früher viel darum gegeben hätte, einen bekannten Lehrer persönlich kennen lernen zu dürfen, beschränkt man sich heute freiwillig darauf, viele persönliche Kontakte durch den anonymen Austausch von Texten zu ersetzen. Die Texte sind nicht mehr die Notlösung sondern die eigentliche Kommunikationswelt.

In allen Beispielen zeigt sich, dass der Mensch durch die veränderte Diskussionskultur nicht freier oder sogar mehr Mensch geworden ist, sondern sich selbst mehr zu einer Sache, zu einem Teil der Natur und der Technik entwickelt hat und damit auf den Status gerade jenen Maschinen-Geistes herabgesunken zu sein, von dem zu befreien Kant sich auf die Fahne geschrieben hatte.

Dass man sich in den Zeiten nach der Aufklärung so sehr den Kopf über der Frage zerbrochen hat, ob der Mensch durch Maschinen ganz ersetzbar sei, liegt ja nicht am Fortschritt der Technik, sondern an der Veränderung des Menschen. Wer sich den Prediger Salomos durchliest, verfällt nicht in Überlegungen, ob solche Gedanken einmal von Maschinen nachvollzogen werden können. Nach der Aufklärung schien das auf einmal eine interessante Frage zu sein, obwohl die Mechanik aus unserer Sicht noch auf so primtivem Niveau arbeitete, dass sie eigentlich verwegen klang. Tatsächlich hat sie aber wie gesagt nicht viel mit dem Stand der Technik zu tun – auch wir stehen eher vor der Frage, wieso wir auf absehbare Zeit keinen Roboter bauen können, der an die Intelligenz einer Stubenfliege heranreicht – sondern mit dem Menschenbild.

Romane haben sich auf die veränderten Denkgewohnheiten eingestellt und beschreiben den Menschen heute eher in seiner Umwelt und in seinen Handlungen, ohne viel über das Innenleben zu berichten. Wer sich einen alten Roman wie Robinson Crusoe durchliest, merkt schnell, wie sehr sich der Erzählstil von einem modernen Roman unterscheidet. Das Hauptaugenmerk lag damals bei der inneren Auseinandersetzung Robinsons mit Gottes Handeln an ihm. Heute wäre die Handlung mit Sicherheit wesentlich angereichert worden, der Roman insgesamt verkürzt und dramatisiert worden.

In politischen Auseinandersetzungen gehört es mittlerweile zum rhetorischen Alltag, den Gegner zu erklären und als Unfall seiner Umstände hinzustellen – immer in der stillschweigenden Hoffnung, dass niemand merkt, dass man genau das ja eigentlich von jedem Menschen behauptet.

Das sind nur flüchtige Beispiele, die aber alle eins gemeinsam haben: sie zeigen, wie sehr das Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Geist des Menschen zurück gegangen ist. Weil Gott und aller Autorität der Gehorsam aufgekündigt wurde, war die Beschäftigung mit dem Geist an sich nicht mehr von eigenständigem Wert, sondern hatte seinen Raum nur noch im Hobby; nicht aber in Wissenschaft und Politik.

Der neue sachliche Mensch empfindet auf einmal Maschinen als Konkurrenz, sieht seine größte Ehre darin, eine hohe Rechenleistung und einen großen Daten-Speicher zu haben und glaubt, dass ein guter Physiker ihm auch gut die Welt erklären kann. Und er hat sich daran gewöhnt, dass sich niemand über seine Gedanken und inneren Kämpfe unterhalten will, solange es nicht sein Therapeut ist, der aber nur in Notfällen und zeitweise eingeschaltet wird, um die volle Funktionsfähigkeit wieder herzustellen – was ja eine wertvolle Arbeit ist! Die Leistung des Therapeuten wird dadurch ja nicht geschmälert, ich befürchte nur, dass er zu viel von dem auffangen muss, was eigentlich in das Gespräch zwischen Freunde gehört. Und genau hier ist der Raum für solche Gespräche nur sehr begrenzt gegeben, weil es als pathologisch empfunden wird, zu viel über innere Kämpfe zu erzählen (anders als bei Robinson, der offenbar in einer Zeit lebte, in der solche selbst-bewussten Gedanken völlig selbstverständlich waren). Der aufgeklärte Mensch kann solche Gespräche außerhalb einer Therapie kaum ernst nehmen.

Die Beispiele ließen sich wir mir scheint unbegrenzt vermehren, sie genügen aber hoffentlich, um den kulturellen Wandel zu verdeutlichen. Wer ihn verstanden hat, wird ihn leicht selbst überall wieder finden.

Wie sich dieser Wandel auf die Ethik ausgewirkt hat, kann man sehr gut an Kant schrecklichem kategorischen Imperativ zeigen. Aber das ist genug Stoff für einen eigenen Beitrag.

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