Kunst nach der Aufklärung

Nachdem der Mensch durch die Aufklärung gelernt hat, sich selbst, seine Mitmenschen und die Natur wie Maschinen zu behandeln (vgl. den Beitrag „Gehorsam und Geist„), entstand auf der anderen Seite das offensichtliche Bedürfnis, den verlorenen Transzendenzbezug des Menschen in dunkler und undeutlicher Form nachzubilden. Das Zeitalter des Sturm und Drang betonte das Recht des Individuums auf eigenes Empfinden und die Bedeutung des subjektiven Erlebens. Es entstand der Genie-Kult der Romantik, wobei der Begriff wohl bewusst zwischen Ironie und Ernst laviert und so einerseits die Sehnsucht nach religiöser Verehrung bedient, ohne den aufgeklärten Verstand zu verprellen.

Die Kunst schien zu beweisen, dass der Mensch eben doch noch in der Lage ist, Bewunderung zu wecken. Er kann unberechenbar sein, dunkel und geheimnisvoll. Auf einmal wurden seine Empfindungen gewertschätzt und literarisch kultiviert – so sehr, dass es heute manchmal schon peinlich ist.
Es war aber keine Ergänzung zur Aufklärung, wie dies häufig behauptet wird, sondern die hektische Schnapp-Bewegung eines Fisches, dem der Sauerstoff ausgegangen ist. Es sieht aus, als atme er, aber es ist nur ein Anzeichen dafür, dass da nichts mehr ist, was von den Kiemen verwertet werden könnte.
Die Kunst musste die Stellung der Religion einnehmen. Wo früher der Mensch durch einen wirklichen Transzendenzbezug ausgezeichnet war, gab es nun nur noch die quasi-göttliche Eingebung des Genies. Sie ist süchtig nach Originalität, sie überbietet sich durch Exzentrik, und beweist gerade dadurch, dass sie einen wirklichen Transzendenzbezug nicht besitzt.
Trotzdem gelang es der Kunst, den Ruf der Aufklärung zu retten und ihr zu bescheinigen, nicht alles Individuelle und Menschliche vernichtet zu haben. Und so konnten dieselben Herren, die tagsüber in Theorie und Praxis den Menschen verdinglichten, abends teure Kunst ersteigern und sich so das Gefühl kaufen, erhaben zu sein und Sinn für Erhabenes zu beweisen. Die Kunst mutierte von der braven Werkmeistern der Höfe zur Prostituierten der Wirtschaft, die sie verachtet, von der sie aber nicht loskommt.
Da sie aber nicht nur diejenigen adelt, an denen sie verdient, sondern alle, die sie wenigstens den Lippen nach lieben, gibt es in dieser Welt keinen Raum für wirkliche Kritik an der Kunst (auch der entsprechende sehr lange Wikipedia-Artikel enthält keinen einzigen Abschnitt mit Kritik!).

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