Mircea Eliade über kulturelle Zeitströmungen

Woran liegt es, dass wir manche Theorien der Geistesgeschichte auch nach Jahrhunderten in jedem Buchladen und in allen denkbaren Ausgaben finden, während andere für immer in Vergessenheit geraten? Woran liegt es, dass manche Interpretationen in den Bildungskanon des Bürgertums aufgenommen werden, während andere als unwichtig abgetan werden?
Mircea Eliade, einer der bedeutendsten Religionswissenschaftler des 20. Jahrhunderts, kommt zu einem Ergebnis, das nachdenkliche Menschen wohl schon befürchtet haben: „Einer der faszinierendsten Aspekte der „kulturellen Zeitströmungen“ ist, dass es völlig unerheblich ist, ob die fraglichen Fakten und ihre Interpretation richtig oder falsch sind. Keine noch so heftige Kritik kann einer Moderichtung Einhalt gebieten.“
Dieses Zitat stammt aus dem Buch „Das Okkulte und die moderne Welt – Zeitströmungen in der Sicht der Religionsgeschichte“. Es handelt sich m.W. um sein einziges Buch, in dem er sich explizit mit dem Westen und seinen verborgenen religiösen Verwicklungen bis in die jüngere Vergangenheit beschäftigt. Eliade übergeht „Moderichtungen“ nicht einfach mit einem Kopfschütteln, sondern sieht in ihnen die Möglichkeit, etwas über die „Unzufriedenheiten, Wünsche und Sehnsüchte des abendländischen Menschen“ zu erfahren.
Eine dieser Moderichtungen und Mode-Deutungen ist Freuds „Totem und Tabu“, in dem Freud die Ursprünge der Religion in einer Art Ur-Vatermord vermutet. Wer sich die ehrfürchtigen und völlig ernsthaften Rezensionen auf Amazon zu diesem Buch durchliest, kann sich kaum vorstellen, dass dieses Buch wissenschaftlich bedeutungslos ist.

„Umsonst bewiesen die Ethnologen jener Zeit, von W.H.Rivers und F.Boas bis hin zu A.L.Kroeber, B.Malinowski und W.Schmidt die Absurdität eines solchen uranfänglichen „totemistischen Gastmahles“. Vergeblich wiesen sie darauf hin, dass man in den Anfängen der Religion einen solchen Totemismus nicht finden kann, dass er keine univiersale Erscheinung ist; nicht alle Völker haben ein „totemistisches Stadium“ durchlaufen. Umsonst hatte schon Frazer den Beweis erbracht, dass von den vielen hundert totemistischen Stämmen nur vier einen Ritus kannten, der dem zeremoniellen Töten und Verzehren des „Totemgottes“ entsprach (ein Ritus, den Freud als unumstßliches Merkmal des Totemismus ansah). Und schließlich hat dieser Ritus mit dem Ursprung des Opferkultes nichts zu tun, ist doch der Totemismus in den älteren Kulturen überhaupt nicht zu finden. Vergeblich wies Wilhelm Schmidt darauf hin, dass die prähistorischen Völker den Kannibalismus nicht kannte, […]
Freud ließ sich durch solche Einwände nicht im geringsten beirren, und jener rohe „abenteuerliche Roman“ ist seither bei drei Generationen abendländischer Intelligenz zu einem kleinen Evangelium geworden.“

Vor diesem Hintergrund ist es auch fraglich, welchen Sinn Begriffe wie „Allgemeinbildung“ oder „Bildungsbürgertum“ haben.

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