Was glaubt die Internetgemeinde?

Kennen Sie das Gefühl, sehnsuchtsvoll im Internet zu suchen, ohne genau zu wissen, was Sie eigentlich suchen? Das Internet bietet nicht nur schier unbegrenzte Informationen, sondern es frisst auch schier unbegrenzte Mengen an kostbarer Zeit – ohne dass wir diesen Verlust als solchen Empfinden. Woran liegt das?
Ich glaube, dass das Internet in der Lage ist, tiefere Sehnsüchte im Menschen anzusprechen, als diejenigen, die wir uns eingestehen, wenn wir gefragt werden. Das Internet bietet jedes erdenkliche Vergnügen, das man sich leisten kann und ist leichter zu erreichen, als ein Buch im Regal des gleichen Zimmers. Es bietet theoretisch unendliche Bekanntheit, unendliche Kontaktmöglichkeiten, Berufsmöglichkeiten, Studienkurse, Gesellschaft…und es bietet das Gefühl, nicht kontrolliert zu werden. Jeder kann sich schlecht benehmen und sexuelle Normen ignorieren, ohne dass er dabei blöd auffällt.
Das Internet bietet eigentlich alles, was man von einem virtuellen Paradies erwarten kann: alles ist theoretisch denk- und machbar. Es erfüllt die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, von dem sich der Mensch noch nie so richtig verabschieden konnte. Diese Sehnsucht hat in der europäischen Geschichte schon die eigenartigsten Blüten getrieben: in den diversen okkulten Strömungen gab es immer wieder Versuche, in freizügigen Orgien, alle (insbesondere sexuellen) Tabus der Gesellschaft abzulegen und in einer ekstatischen Versammlung etwas von der ursprünglichen Freiheit zurück zu gewinnen. Eine ähnliche Gruppe gab es wohl sogar in der christlichen Sekte der „Adamiten“, in den meisten Fällen handelte es sich bei solchen Gruppen aber um bewusste Gegenbewegungen zum Christentum. Und als solche mussten sie sich als Hüter eines geheimen und unübersehbaren Wissens gebärden, das dem normalen Menschen verborgen ist. Sie suggerierten die Herrschaft oder doch immerhin die Gemeinschaft mit höheren Wesen oder dem Satan selbst.
Das Internet bietet aber mehr als bloße Freiheit. Es bietet Ekstase und das Gefühl, Kontakt zu etwas Größerem zu bieten, denn es bietet nicht nur viele Informationen – mehr Informationen als man aufnehmen kann gibt es schon so lange, wie es Bibliotheken gibt – sondern ein lebendiges Netz bestehend aus unzähligen Geistern, die in Echtzeit tippen und lesen. Gerade die hohe Geschwindigkeit scheint ja mittlerweile der fast größere Reiz als die Nutzbarkeit der Informationen zu sein, wie der Erfolg von Twitter zeigt. Man konsumiert Informationen nicht mehr, sondern lebt in ihnen wie in einem Rausch, in dem jede Vernunft ausgeschaltet und gegen die Fähigkeit ersetzt wird, intuitiv und vor allem sauschnell Bewegungen mitzuvollziehen und mit irgendwelchen unsinnigen Kommentaren sich und anderen die eigene Anwesenheit am Geschehen zu beweisen. Nur wenn man dort auftaucht, besteht die Möglichkeit, entdeckt und zum Glück geführt zu werden.
Das Internet bietet also kurz gesagt alles, was auch magische Kulte und Zirkel bieten: den Kontakt zu höheren Mächten, denen man sich in ekstatischen Versammlungen hingibt und von denen man alles Glück der Welt erhofft und erbittet. Die Vernunft ist dabei ebenso im Weg wie gesellschaftliche Normen.
Übrigens bietet der an sich eher seichte Film „Avatar“ ein wunderbares Bild für diese neue Religionsform: die Gottheit der Navi. Es handelt sich dabei um einen Baum, an den alle in feierlichen Versammlungen angeschslossen werden – im Prinzip gleicht er einem kleinen Server. Sterben ist so etwas wie hochgeladen werden. Um den Baum herum wiegen sich alle im Gleichtakt und leben im Kontakt mit dem alles in Harmonie haltenden Superserver. So stellt die Internetgemeinde sich heute offenbar Gott vor. Das Internet würde man in der Religionswissenschaft vielleicht in die Gruppe der „halbgreifbaren Gegenstände“ einordnen. Dazu zählt alles, was man zwar sehen aber nicht begreifen kann: Bäume mit ihrem unsichtbaren Wurzelwerk, Flüsse mit ihrem unsichtbaren und scheinbar endlosen Verlauf, die Gestirne in ihrer ungreifbar großen Ferne, ein Berg in seiner unfassbaren Größe…und eben das Internet mit seinen unbegrenzten Datenströmen und Vernetzungsmöglichkeiten.

Die scharfe Reaktion der Internetgemeinde auf die Überlegungen, normale rechtliche Normen auch im Internet einzuführen, die sogar in der Gründung einer eigenen Partei mit erstaunlich gutem Einstiegsergebnis, lässt sich ungezwungen als Verteidigung des vermeintlichen Paradieses erklären – auch wenn es nur virtuell ist. So wie die Generation ihrer Großeltern ihre Freiheit im New Age und den damit zusammenhängenden esoterischen Sekten suchten und die Partei „Die Grünen“ gründeten, scheint sich für die Internetgemeinde die Piraten-Partei zu formieren.

Das Problem bei diesem virtuellen Paradies ist nur, dass es weder virtuell noch ein Paradies ist: Es ist nicht virtuell, weil auch jeder Gedanke sich in der Wirklichkeit abspielt und dort Auswirkungen hat – und nicht nur, weil vor Gott auch die Sünde in Gedanken wirkliche Sünde ist. Unser Verhalten im Internet prägt unseren Umgang mit den Menschen, mit denen wir im Alltag zu tun haben, z.B. trifft man Gesprächsverhalten aus Foren heute auch im Alltag und der gleiche schnodderige, kaltschnäuzige Ton aus den Internet-Diskussionen beherrscht auch das normale Gespräch. Die Zeit, die jemand im Internet verbringt, ist reale Zeit, die von seiner Familie, seinem Beruf, von Sport, Weiterbildung und Ruhe abgeht und an diesen Stellen oft fehlt. Und auf der anderen Seite ist es reale und keineswegs nur virtuelle sexuelle Ausbeutung und/oder Demütigung von Frauen und Kindern, an denen der Betrachter schuldig wird. Es ist reales Geld, das man beim Kauf verliert, reale schlechte Noten, die ein Student erhält, der seine Zeit bei Facebook vergeudet und reale schlechtere Chancen am Arbeitsmarkt, wenn er sich mit diesen Noten bewerben möchte. Es ist reale Zeit, die der HartzIV-Empfänger im Internet vergeudet, statt sich um eine einfache Tätigkeit zu bemühen und es ist reale Energie, die der Internet-Sexsüchtige vor seinem Bildschirm vergeudet, während seine reale Frau vergeblich auf ihn wartet. Es sind reale Beziehungen, die in Familie und Freundeskreis leiden, wenn jemand die Zeit vor dem Computer vergisst und es sind reale Beziehungen, die ihm immer weniger zu bedeuten scheinen, weil er seine kleine heilige Gemeinde im Internet viel vernünftiger findet als sein spießiges und lahmes Umfeld.
Und es ist zweitens kaum der Erwähnung wert, dass es kein Paradies ist, denn die gleiche Gier, die gleiche Hässlichkeit und Kriminalität, die man in der realen Welt findet, gibt es auch im Internet.

Wir müssen keine hundert Jahre warten, um die Folgen für den Einzelnen abzuwarten, denn wer klug ist, kann sehen, dass das Web 2.0 kein Paradies ist und keine steilen Hoffnungen rechtfertigt und keine Sehnsüchte befriedigt.

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