Respekt gegenüber konsequentem Atheismus

Die Wochenzeitung DIE ZEIT widmet sich in ihrer aktuellen Ausgabe (37/2010) der Rechtfertigung des Atheismus gegenüber seinen Gegnern. Ich habe mir die Ausgabe nicht gekauft, weil ich natürlich kein Geld in atheistische Mission stecken möchte, aber sehe es dennoch als willkommenen Anlass, das Thema noch mal aufzurollen.
Wenn man mit Atheisten redet, merkt man, dass viele ihre Weltanschauung gar nicht als solche wahrnehmen, sondern eigentlich für den Normalfall einer gesunden Vernunft halten. Man hört dann Aussagen wie „An Gott zu glauben ist genauso wenig ernst zu nehmen, wie an rosa Nilpferde zu glauben. Man darf es, aber man kann nicht erwarten, dass andere das glauben. Und man kann nicht behaupten, dass Leute, die nicht an rosa Nilpferde glauben, damit auch einen Glauben hätten.“ Das sind witzige Beispiele, und man ahnt schon, dass selbst Minderbegabte sie leicht vermehren können (lila Einhörner, fliegende Croissants, seifenblasenspeiende Drachen etc…), und sie sagen letztlich alle das Gleiche: man kann nur das ernstnehmen, was man sieht. Alles andere ist Fantasie. Punkt.
Nun wird es an dieser Stelle schon schwierig, denn die lustigen Beispiele leuchten ein, aber sobald man ausformuliert, was sie eigentlich beweisen sollen, verliert das Ganze seinen Reiz. Denn natürlich glaubt auch ein Atheist an Dinge, die er nicht sehen kann, nämlich an Naturgesetze, an die Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie, an die Liebe seiner Freundin etc… er wird vielleicht einwenden, dass man aber diese Dinge zuverlässig reproduzieren kann. Aber die Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie kann er ja gar nicht reproduzieren. Es ist also gar nicht so einfach, den Atheismus in eine vernünftige Form zu gießen, und dieses Problem stellt sich schon vor der Frage, ob er überhaupt Recht hat.
Aber wir machen es uns zu einfach. Es ist billig, über den Atheismus allgemein zu lästern, und dabei nur einzelne Inkonsistenzen herauszugreifen. Denn es gibt auch konsequente Atheisten, die mit ihrem Atheismus solchen Einwänden trotzen, und vor denen ich großen Respet habe. Sie sind konsequent, unangreifbar und bilden den ernst zu nehmenden Kern des Atheismus. Einen Atheisten dieser Art kenne ich sehr gut, weil ich ihn oft sehe. Er glaubt nur, was er sieht. Nein, das ist falsch, denn er „glaubt“ ja gerade nicht, sondern er sieht einfach! Für manche ist es vielleicht einfach nur ein Stein, der auf meiner Fensterbank liegt, aber für mich ist er ein begnadeter Atheist, weil er reine Perzeption ist, für ihn existiert nur, was an Eindrücken auf ihn einströmt – sonst nichts. Was unterscheidet ihn von seinen menschlichen Namensvettern? Für sie sind die Eindrücke noch längst nicht das Ende der Geschichte, denn für sie sind die zwei kleinen Bilder in ihrer Netzhaut, die auf dem Kopf stehen und gekrümmt sind, ein dreidimensionaler Raum. Aber für dreidimensionale Gebilde haben wir gar kein Organ. Atheisten vertrauen ihrer Gehirnautomatik und nur weil sie gut damit leben, halten sie das für Wahrheit, das ist ja wohl kein Grund, zumindest würden sie das religiösen Menschen niemals durchgehen lassen. Sie machen sich Gedanken über das, was sie sehen und erleben und „sehen“ nicht bloß Lichtwellen, sondern Objekte, Personen, Beziehungen, Gefühle etc…sie haben eine Vergangenheit, die sie ebenfalls nicht mehr wahrnehmen, sondern an die sie nur denken können. Mein Stein plagt sich nicht mit seiner Vergangenheit. Für ihn gibt es nur aktuelle Perzeption. Alles andere existiert nicht für ihn. Sehr vernünftig, finde ich. Auch wenn ich fürchte, dass niemals ein guter Wissenschaftler aus ihm wird, denn das sind religiöse Menschen, die an eine Ordnung in der Natur glauben, die sie gerade dort suchen, wo sie sie nicht sehen, und an die sie doch glauben.

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