tagesschau kämpft für grün-rot und die Frauenquote

Die tagesschau galt seit jahrzehnten in Deutschland als Muster für ausgewogene Berichterstattung und Neutralität. Leider ist bei dieser Firma wie bei vielen anderen auch der Eintritt ins Internet nicht ohne politische Zuspitzung abgelaufen. Vielleicht liegt es daran, dass sich vor allem die jüngeren Kollegen dort engagieren, die Temperament mehr schätzen als journalistische Disziplin, vielleicht liegt es daran, dass man glaubte, im Internet auch durch niedriges Niveau noch positiv auffallen zu können, wie auch immer, die Berichterstattung ist weniger neutral, als sie es mal war.
Ein Beispiel für diesen Trend ist die heutige Zusammenfassung von ARD-DeutschlandTrend.
Als große Zwischenüberschrift lesen wir „…aber viel Vertrauen in die Grünen“. Die Frage, auf die sich diese „Analyse“ bezieht, lautete „welche Parteien „erfolgreich“ oder „sehr erfolgreich“ abschneiden werden“. Dass hier mit 70% die Grünen genannt werden, ist nicht erstaunlich, wenn man sich den – leicht verblassenden – Umfrageerfolg der Grünen in den letzten Monaten ansieht. Mit „Vertrauen“ hat das noch nicht viel zu tun.
Das ist keine Analyse, sondern Politik. Es hat sich nämlich in den letzten Monaten auch gezeigt, mit welcher Freundlichkeit der Aufstieg der Grünen bei der tagesschau begleitet wird. Wir haben gelesen, dass (natürlich in Kommentaren einzelner Journalisten, aber eben doch auf der offiziellen Website) die Grünen als neue große Partei vor der SPD gewünscht werden, dass der Erfolg der Grünen nur daran scheitern kann, dass die Menschen vielleicht zu dumm sind, ihre tollen Ziele zu verstehen oder die Grünen zu großspurig werden. Auf der anderen Seite lässt die tagesschau kein gutes Haar an der Linken. Es scheint so, als wolle sie für eine grün-rote Regierung ohne Beteiligung der Linken eintreten.
Natürlich kann die Unternehmensleitung wollen, was sie will. Nur muss man sich im Klaren darüber sein, dass die Berichterstattung zunehmend wertlos wird. Denn politisch gerichtete Informationen sind schlechter als gar keine Informationen.
Fast frech ist der Spott über die Umfrage, in der es um die gesetzliche Frauenquote in Chefetagen geht. Nebenbei: wieso geht es eigentlich nur darum? Der Anteil an weiblichen Nageldesigner ist extrem hoch. Wenn es nur um alte Rollenbilder geht – die offenbar so alt gar nicht sind – wäre das genau so ein Grund für ein Einschreiten des Staates wie in den Chefetagen. Da aber nur dort die Stellenbesetzung zum Politikum wird, sieht das Ganze doch sehr nach Lobby-Arbeit aus.
Die Mehrzahl der Deutschen lehnt hier eine gesetzliche Regelung ab, obwohl die Mehrzahl ebenfalls dafür ist, dass mehr Frauen in Chefetagen arbeiten. Die „Analyse“ lautet:“Das erstaunliche an diesen Ergebnissen ist, dass die große Mehrheit zwar mehr weibliche Führung möchte, aber gleichzeitig darauf setzt, dass sie sich ohne all zu viel Zwang wie von selbst einstellt.“
Da der Autor einer politischen Analyse sich nicht die Blöse geben will, etwas nicht erklären zu können, kann das laute Offenlassen einer schlüssigen Erklärung nur bedeuten, dass er den Zusammenhang für menschliches Durcheinander aber keine kontigente Position hält. Wir lesen diese Bemerkung daher wie selbstverständlich als Beleidung: „Warum sind die Deutschen so unlogisch/zauderhaft etc…?“
Nun sind extrem linke Positionen (extrem gemessen an dem durchschnittlichen Willen der Bevölkerung, dem hier ja gerade offen widersprochen wird) unter Journalisten nicht ungewöhnlich, aber für Beschimpfungen gibt es doch wenig Grund.
Wenn Herr Schönenborn wirklich keinen Zusammenhang herstellen kann, will ich ihm gerne ein wenig helfen: es kann sein, dass die Deutschen etwas wünschen, was sie sich aber nicht von der Politik wünschen. Das ist überhaupt nicht unlogisch und gibt es in zahllosen anderen Zusammenhängen auch: Nachbar A wünscht sich, dass Nachbar B seine Terasse ein bisschen mehr aufräumt, aber er will nicht, dass es eine gesetzliche Regelung dazu gibt. Ich will, dass Menschen an Gott glauben, aber ich will nicht, dass der Staat sie dazu zwingt. Und vermutlich will auch die Mehrheit der Deutschen, dass die Umgangsformen im Alltag nicht verrohen. Aber vermutlich wollen sie nicht, dass der Staat anfängt, dies zu regeln.
Es kann auch sein, dass die Deutschen mehr Frauen in der Wirtschaft wollen, vermuten aber, dass eine Quote zu hoch ausfallen würde.
Nicht zuletzt kann es sein, dass sie etwas sagen, was sie aber nicht so furchtbar ernst meinen (aber dass sie es ernst meinen, hat Herr Schönenborn in seiner Analyse, sehr sehr deutlich betont, daran gibt es keinen Zweifel für ihn). Vielleicht wollen sie nich das Selbstbild haben, unmodern zu sein, denn das würde bedeuten, dass sie entweder etwas anderes Denken als sie unter Bekannten sagen. Das aber erlaubt unser Bestreben nicht, kognitive Dissonanzen zu vermeiden. Es würde also tatsächlich bedeuten, im Bekanntenkreis anzuecken oder diesen gegebenenfalls sogar zu verlieren – z.B. wenn man Journalist ist…
Vielleicht sehen Sie die Frage auch nur als nette Fantasie, die man mal ausprobieren könnte, die ihnen aber nicht viel bedeutet. In diesen Fällen wären also Angst vor kognitiven Dissonanzen und Ablehnung oder Oberflächlichkeit die Erklärung.
Was könnte es noch sein, worüber Herr Schönenborn Grund hätte zu spotten? Einfach „unlogisch“ ist niemand. Es gibt immer Erklärungen, und es wäre aufschlussreich, gerade den „erstaunlichen“ Ergebnissen auf den Grund zu geben. Aber so weit geht das Interesse an Analysen dann doch nicht.

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