Sind die Wähler der Grünen intelligenter?

Nach jeder Wahl werden die Wählergruppen der einzelnen Parteien analysiert. Von den Wählern der Grünen wird immer wieder festgestellt, dass sie einen sehr hohen Bildungsstand haben. Das dürfte der Hauptgrund dafür sein, dass die Grünen den Ruf erworben haben, eine Partei für Intellektuelle zu sein. In einer Analyse von Wahlplakaten zur Europawahl wurden – fairerweise – alle Plakate mehr oder weniger lächerlich gemacht. Eines der dümmsten Wahl-Mottos, die jemals den Weg in den Druck gefunden haben, war aber unbestritten das Motto der Grünen: „WUMS“. Es war die Abkürzung für Wirtschaft, Umwelt, menschlich, sozial, klang aber nicht nur für mich ebenso infantil wie aggressiv. Der einzige Kritikpunkt des Journalisten an dem Plakat war aber, dass möglicherweise die Menschen nicht intelligent genug seien, diese Botschaft zu verstehen. Wäre der Ruf der Partei, gebildete Menschen anzusprechen nicht schon so bekannt, wäre diese Sorge sicher unbegründet.

Nun ist Bildung ja eine halbwegs messbare Größe, wenn man als Bildungsgrad den jeweiligen Abschlusses annimmt. Besonders interessant an diesem Zusammenhang ist aber natürlich, dass Bildung wohl von vielen mit einer hohen Intelligenz in Zusammenhang gebracht wird. Die Nachricht, dass eine Partei einen höheren Anteil an Akademikern unter ihren Wählern hat, kann also leicht so gelesen werden, dass es besonders intelligent sei, diese Partei zu wählen. Einen besseren Ruf kann sich eine Partei kaum wünschen.

Aber ist der Anteil an Akademikern unter den Wählern einer Partei wirklich eine Folge der benötigten Intelligenz, diese Partei zu wählen? Wäre das der Fall, müssten auch folgende Sätze korrekt sein: Der Anteil an Akademikern unter allen Menschen, die in einer Mensa essen ist höher als unter allen Menschen, die in einer Kantine essen. Folglich spricht es für die Intelligenz eines Menschen, wenn er in einer Mensa isst. Menschen, die gegen Studiengebühren sind, weisen einen höheren Bildungsgrad auf, als Menschen, die dafür sind. Folglich ist es intelligent, gegen Studiengebühren zu sein. Menschen, die ein Semesterticket besitzen wären aus den gleichen Gründen intelligenter als Menschen, die ein Jobticket verwenden. Wenn Studenten und Auszubildende sich um öffentliche Gelder streiten, sind die höheren Abschlüsse automatisch auf der Seite der Studenten, folglich ist es intelligenter, die Interessen der Studenten zu vertreten etc…

Was man an den Beispielen sieht, ist dass man offenbar unterscheiden muss zwischen Intelligenz und akademischer Kultur. An der Kultur der Uni nimmt jeder Student in irgendeiner Form teil. Aber nicht jeder Student ist intelligent.

Was hat das mit den Grünen zu tun? Eine ganze Menge, denn die Grünen sind aus einer studentischen Jugendkultur entstanden. Die 68er-Revolution war zunächst eine genuin akademische Welle, die genau dann aufhörte, als die wichtigsten Köpfe der Bewegung selbst Professoren wurden. Dass diese Kultur sich bis heute unter Studenten gehalten hat, kann man längst nicht mehr mit den Gründen von damals erklären. Dass andere Ausbildungszweige keine ähnliche Kultur hervorgebracht haben, mag daran liegen, dass Studenten mehr als andere Jugendliche sehr plötzlich mit der Aufgabe betraut werden, sich in einem schier endlosen Feld der Meinungen selbst eine Position zu verschaffen. Für den Schüler, der bis zu diesem Zeitpunkt ein wohlaufbereitetes Schulbuch vorgelegt bekam, ist das – je nach Fach – anstrengend bis schockierend. Das Elternhaus ist weit weg und/oder nicht hilfreich bei diesen Problemen. Die Schule hat ihn auf diese Aufgabe nicht vorbereitet und aus der Sicht der Universität ist sie ja Teil des wissenschaftlichen Arbeitens, das sie gerade beibringen will. An dieser Stelle greift die universitäre Jugendkultur und gibt dem Studenten von Anfang an ein klares Weltbild vor, dass ihm eine soziale Gruppe als geistigen Rückhalt vermittelt, durch den ihm die Aufgabe erleichtert wird, wissenschaftliche Positionen zu beurteilen. Je klarer die eigene Position ist, desto leichter fällt die Orientierung. Es ist auffallend, dass diese Kultur nirgendwo härter und kompromissloser um ihre öffentliche Durchsetzung kämpft, als an der Universität. Und es ist erstaunlich, dass diese Zusammenhänge bisher noch so wenig beschrieben und gedeutet wurden.
Selbstverständlich Teilhaber einer universitäre Jugendkultur anders über die Regelung von Steuern denken, als jemand, der die Steuern zahlen muss. Es liegt auch in der Natur der Sache, dass eine universitäre Jugendkultur anders über Berufstätigkeit denkt – beispielsweise im Verhältnis zu dem Leben in der Familie – als jemand, der weniger Zeit und Geld in seine Ausbildung investiert hat. Und es ist ebenso wenig erstaunlich, dass diese Kultur weniger Interesse hat, Arme nicht zu benachteiligen (die Kindergeldregelung war eine lupenreine Umverteilung von unten nach oben).
Und nach meiner Erfahrung ist diese Kultur weder mehr noch weniger intelligenzbelastet als andere – weniger verbreitete – Kulturen, die man an der Universität findet.

Die Universitäten brauchen eine andere Jugendkultur als andere Ausbildungsstätten. Wer eine Ausbildung macht, lebt in einer vorsortierten Welt, in der es genügt, den Stoff fleißig zu lernen. Eine eigene Beurteilung wird dort nur am Rande (teilweise in der Berufsschule) erwartet.

Die Grünen sind die Partei, die genau diese Jugendkultur bedient und daher auf lange Sicht immer mehr Akademiker anziehen wird, als andere Parteien. An diesem Ruf wird auch nicht die Tatsache etwas ändern, dass die letzte Wahl in Baden Würtemberg ganz offensichtlich eine reine Angstwahl war.

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